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Den Ball immer im Auge

QUERENBURG/BARCELONA Wenn der beste deutsche Tischtennisspieler Timo Boll ab Freitag beim Herren-Weltcup in Barcelona antritt, hat er den richtigen „Durchblick“. Augenuntersuchungen des Lehrstuhls für Sportmedizin und Sporternährung der Ruhr-Universität Bochum (Prof. Dr. Petra Platen) haben ergeben: Sein Bewegungssehen ist besser als das aller anderen deutschen Tischtennis-Profis.

12.10.2007

Im mobilen Sehtestlabor der Ruhr-Universität Bochum und des Instituts für Augenoptik Aalen schauen Wissenschaftler den Kaderspielern des Deutschen Tischtennisbundes (DTTB) „tief in die Augen“ und erstellen ein umfangreiches visuelles Leistungsprofil. Ziel ist, Defizite und mögliche Leistungsreserven festzustellen sowie Fehlsichtigkeiten zu korrigieren.Der Trick mit der Werbung

Kaum zu glauben, aber wenn der Zelluloid-Ball mit rund 150 Stundenkilometern auf den besten deutschen Profi Timo Boll zufliegt, ist der kleine schwarze Werbeaufdruck seine wichtigste Orientierungshilfe. „Daran erkenne ich, welchen Spin der Ball hat“, sagt Boll. Der Trick mit dem Werbeaufdruck wäre für den 26-Jährigen aber wertlos ohne eine besondere Fähigkeit: Bolls hervorragende Sehleistung. Gutes Sehen ist gerade in schnellen Sportarten wie Tischtennis eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg. „Dabei dominiert vorwiegend das reaktive und antizipative, vorausschauende Handeln auf der Basis von Informatio¬nen, die die Spieler über die Augen aufnehmen“, sagt Dr. Gernot Jendrusch vom Lehrstuhl für Sportmedizin und Sporternährung der RUB. So erfordert z. B. das visuelle Erfassen und Verarbeiten der Ball-Flugwege und des Gegnerverhaltens im Tischtennis gut entwickelte Fähig¬keiten, speziell im Bereich des Bewegungssehens und der Tiefenwahrnehmung.Vom Auge zur Tospin-Vorhand

Für DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig ist klar: „Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Timo Bolls Sehleistung und seinen Schlägen.“ Vor allem bei seiner Topspin-Vorhand zeigt sich seine Stärke – dieser Schlag machte ihn zum Weltklasse-Spieler. „Er darf den Ball nur fein mit dem Belag streifen“, erklärt Schimmelpfennig. „Dafür muss er den Ball mit den Augen exakt verfolgen, damit er den Schlag ganz genau timen kann. Nur so bekomme der Ball die Rotation, die den Linkshänder gefährlich macht.“ Dabei ist es entscheidend, den Ball ideal zu treffen. Und auch hierbei ist Boll deutlich besser als seine Kollegen. „Timo ist sehr konstant“, so Schimmelpfennig. „Das Ergebnis sind präziser geschlagene Bälle und weniger Fehler.“Den Gegner im Blick

Doch nicht nur bei den Schlägen spielt das Auge eine Rolle. Boll muss auch ständig den Gegner beobachten – die Aktionen des Kontrahenten vorauszuahnen, ist bei den blitzschnellen Ballwechseln der einzige Weg zum Erfolg. „An kleinen Bewegungen kann man vorhersehen, wohin der Gegner den Ball schlagen wird“, sagt der Sportdirektor. Schimmelpfennig weiß um die große Bedeutung der Seh- und Wahrnehmungsfähigkeiten im Tischtennis, und so gehen die Tischtennis-Profis in Sachen „Gutes Sehen beim Sport“ mit gutem Beispiel voran. Regelmäßig unterziehen sich die Tischtennis-Nationalspielerinnen und -spieler gründlichen Augenchecks.Umfassender Augencheck

Die Augenchecks sind Teil eines wissenschaftlichen Betreuungsprojekts, gefördert vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Bonn (BISp). Dr. Gernot Jendrusch (RUB) und Prof. Dr. Bernd Lingelbach (Institut für Augenoptik Aalen) und ihre Mitarbeiter erstellen dabei für jeden Spieler und jede Spielerin ein visuelles Leistungsprofil. Dabei messen und untersuchen sie u. a. die objektive und subjektive Refraktion (Brechkraft), die Sehschärfe (Visus), das Kontrast- und Stereosehen, das Tiefensehvermögen, die Bewegungswahrnehmung, das Gesichtsfeld, die Augendomi¬nanz sowie das Farbsehvermögen. Eingebettet in ein über lange Jahre aufge¬bautes Netzwerk von ausgewiesenen Fachärzten und versierten Augenoptikern und Kontaktlinsenspezialisten können die Wissenschaftler die Athletinnen und Athleten mit Fehlsichtigkeiten an Spezialisten in deren Heimatnähe verweisen.Sehtestlabor erweitert Damit die Augenuntersuchungen auch in Zukunft den hohen Ansprüchen des Leistungssports genügen, haben die Bochumer und Aalener Wissenschaftler das Labor erweitert: Gestiftet von der ARAG Versicherung (Düsseldorf) ergänzt nun ein modernes Projektions-Perimeter („TWINFIELD 2“ von OCULUS, Wetzlar) die Ausstattung. Damit lässt sich das Gesichtsfeld der Spieler und das periphere Sehen noch genauer bestimmen.