Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Der Tankwart hat in Kirchhellen ausgedient

Tankwart

Die Ausbildung ist veraltet, der Job hat sich gewandelt – und doch gibt es ihn mancherorts noch: den Tankwart. Auch in Kirchhellen?

Kirchhellen

, 15.08.2018
Der Tankwart hat in Kirchhellen ausgedient

Tankstellen-Inhaber Ralf Josten hilft an der Total gerne aus und kann den Tankwärter auch ausbilden. © Alina Meyer

Im Minutentakt halten die Autofahrer am Vormittag an der Raiffeisentankstelle an der Pelsstraße, tanken, zahlen und ziehen wieder von dannen. Einen Tankwart sucht man hier vergebens, genauso wie man ihn an der SB-Tankstelle, an der Westfalen und auch an der Total vergeblich sucht. Denn den typischen Tankwart gibt es in Kirchhellen momentan nicht. Man könnte auch sagen, nicht mehr. „Früher als hier noch die Shell war, da hatten wir mal einen Tankwart“, erinnert sich ein Mitarbeiter der heutigen SB-Tankstelle an der Alleestraße. „Das ist aber schon lange her.“

Einen Tankwart gab es an der Raiffeisen-Tankstelle noch nie

An der Raiffeisen-Tankstelle an der Pelsstraße arbeiten an diesem Vormittag Anke Mörs und Undine Schnieder. „Einen Tankwart gab es hier noch nie“, sagt Anke Mörs. Die 51-Jährige arbeitet seit 2002 an der Tankstelle und hat seit zehn Jahren die Leitung inne. Auch die Kollegen würden sich nicht an jemanden erinnern. „Dafür gibt es uns“, sagt Mörs. „Viele Aufgaben des Tankwarts werden heute von uns übernommen. Dazu gehört, den Ölstand am Auto zu kontrollieren, den Luftdruck zu prüfen und auch Frostschutz und Destilliertes Wasser nachzufüllen.“

Der Tankwart hat in Kirchhellen ausgedient

Einen Tankwart gibt es an der Raiffeisen-Tankstelle nicht. Stattdessen helfen Undine Schnieder und Anke Mörs (v.l.) wenn Hilfe beim Tanken benötigt wird. © Alina Meyer

Für kleinere Reparaturen wäre der Tankwart auch heute noch eine schöne Sache, sagt die Leiterin. Aber im Normalfall sei der Bedarf sehr gering. „Es kommt schon mal vor, das Autofahrer mit einem Schaden am Auto auf die Tankstelle fahren. Dann rufen wir den ADAC oder der Fahrer kontaktiert seine Familie.

Das ist ja heute mit den Smartphones kein Problem mehr. Eine Werkstatt haben wir hier auf der Tankstelle sowieso nicht, auch keine Waschstraße.“ Das klassische Betanken des Autos, das eine wichtige Aufgabe des früheren Tankwarts war, wird heute bei Nachfrage von den Tankstellenmitarbeitern durchgeführt. „Wir helfen natürlich, wenn Senioren Hilfe beim Tanken benötigen oder nicht mehr so gut Laufen können. Wir sagen, das gehört zum Service dazu“, sagt Mörs.

Der Beruf des Tankwarts habe heute ein schlechtes Image

Der Service ist nur ein Aufgabenteil der beiden Tankstellenmitarbeiterinnen. „Dazu kommt die Bedienung der Kunden, das Saubermachen der Anlage, die Kontrolle des Spritbestands, Warenbestellung, -annahme und Einräumen der Ware und und auch mal das Anlernen neuer Mitarbeiter.

Warum es den Tankwart auch an der Total-Tankstelle an der Bottroper Straße nicht mehr gibt, kann sich Inhaber Ralf Josten denken. „Der Beruf hat heute leider ein schlechtes Image und ist auch nicht besonders gut bezahlt. Deshalb findet man die Tankwärter heute kaum noch.“

Die Ausbildung zum Tankwärter gibt es auch heute noch

Kurios, denn die dreijährige Ausbildung des Tankwarts an sich, die gibt es heute noch. Der Job boomt – könnte man meinen, wenn man einen Blick in die aktuelle Ausbildungsordnung wirft. Von einem „in neuester Zeit entstandenen Beruf“ ist dort die Rede, es bestehe Bedarf „einer gründlichen und umfassenden Ausbildung des Nachwuchses.“

Bis heute gilt die Ausbildungsordnung von 1952. Und nein, der Job boomt natürlich nicht. Im Gegenteil: Die Zahlen sind rückläufig – und das seit Einführung der Selbstbedienungs-Zapfsäulen in den 1970er-Jahren, sagt der Zentralverband des Tankstellengewerbes (ZTG).

Das kann Total-Inhaber Ralf Josten bestätigen. „Wir bilden den Tankwart hier an der Total auch heute noch aus. Aber die Nachfrage geht gegen Null. Wir hatten vor längerer Zeit mal zwei, drei Azubis da, aber die haben die Ausbildung schon nach kurzer Zeit hingeschmissen. Seitdem hat sich keiner mehr gemeldet.“ Und seitdem gibt es an der Total-Tankstelle heute auch die SB-Aufkleber als Hinweis für die Selbstbedienung der Zapfsäulen. An der Total ist es ähnlich, wie an der Raiffeisen-Tankstelle. „Wenn ältere Leute Hilfe beim Tanken benötigen, helfen wir natürlich, das ist klar“, sagt Josten.

Die Aufgaben des Tankwarts werden heute übernommen

„Typische Aufgaben des Tankwarts wie eine Birne auswechseln, Öl, Wasser und Luft prüfen, Winter- und Urlaubscheck und Reinigungsarbeiten werden hier von den Mitarbeitern der Tankstelle oder den Kfz-Mechanikern in unserer angrenzenden Werkstatt übernommen“, sagt der Inhaber.

Die jüngsten Ausbildungszahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) belegen den rückläufigen Trend, den Joste anspricht. Gab es im Jahr 1993 deutschlandweit immerhin noch 876 Auszubildende, schrumpfte die Zahl der angehenden Tankwarte in Deutschland bis zum Jahr 2016 auf gerade einmal 159 Azubis. Nordrhein-Westfalen war dabei mit 132 Lehrstellen die Ausbildungs-Hochburg.

Shell setzt noch heute auf den Tankwart als Service

Das heißt, vereinzelt gibt es sie also noch: Tankstellen, die an ihren Tankwarten festhalten. Mit Shell setzt eine große Kette auf einen sogenannten Tankwart-Service. Derzeit gibt es den kostenlosen Dienst, der im Jahr 2005 eingeführt wurde, an 500 von insgesamt rund 2000 Shell-Tankstellen. Allerdings: Shell qualifiziert die Mitarbeiter zur sogenannten Tankwart-Servicekraft in einer eigenen Akademie. Die Ausbildung besteht aus zwei Online-Schulungen, zwei Schulungs-Tagen an der Akademie in Fulda und einem abschließenden Praxistag unter Aufsicht eines Tankwart-Coaches. Kein Vergleich also zu einer dreijährigen Lehre.

Es gehe vielmehr darum, auf dem Tankstellenvorplatz einen Mehrwert für den Kunden zu schaffen“, sagt Shell-Sprecherin Cornelia Wolber.

Doch nicht nur die Zahl der ausgebildeten Tankwarte ist in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen, auch das Berufsbild hat sich gewandelt. Autos betanken, die Frontscheibe säubern, Scheibenwischwasser nachfüllen oder den Ölstand kontrollieren gehören zwar auch heute noch zu den Aufgaben. Früher kümmerten Tankwarte sich aber auch häufig um einfache Reparaturen. Dieser Aspekt rückt immer weiter in den Hintergrund. Zum einen, weil heutige Tankstellen selten über eigene Werkhallen verfügen. Zum anderen, weil die immer komplexer werdende Fahrzeugtechnik einfache Reparaturen zunehmend erschwert.

Heute ist der Tankwart mehr Verkäufer und weniger der Techniker

Angekommen im 21. Jahrhundert ist der Tankwart deshalb vor allem auch Verkäufer. Das belegt auch eine Studie des BIBB aus dem Jahr 2012. Das Ergebnis: Technische Handgriffe werden von Tankwarten immer seltener verlangt, kaufmännische Dienstleistungen – etwa im Tankstellen-Shop – rücken in den Vordergrund.

Die Modernisierung des Berufs „Tankwart/-in“ ist laut BIBB derzeit in Planung, eine konkrete Umsetzung lässt aber auch sechs Jahre nach Veröffentlichung der Studie noch auf sich warten. Laut BIBB beraten das Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (KWB) sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zurzeit über die Eckwerte einer neuen Tankwart-Ausbildung.

Man ahnt es schon: Bis die Mühlen der Bürokratie fertig gemahlen haben, wird wohl noch der ein oder andere Hektoliter Kraftstoff durch die Zapfschläuche der Republik fließen. Und so werden die verbliebenen Tankwarte weiterhin alles daran setzten, dem Kunden einen guten Service zu bieten. Auch, wenn das Jahr 1952 schon lange vorbei ist.

Lesen Sie jetzt