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Der Tod klopft an: Taboris «Abendschau» uraufgeführt

Recklinghausen (dpa) George Taboris «Abendschau» handelt vom Tod. Und fünf Jahre nach dem Tod des berühmten Autors und Regisseurs ging bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen die möglicherweise letzte Uraufführung eines Tabori-Textes über die Bühne.

Der Tod klopft an: Taboris «Abendschau» uraufgeführt

George Tabori starb am 23. Juli 2007 im Alter von 93 Jahren in Berlin. Foto: Roland Schlager

Intendant Frank Hoffmann und sein Dramaturg Andreas Wagner schufen eine Spielfassung von «Abendschau», und Hoffmann inszenierte auch. Das Publikum im Kleinen Haus begrüßte den neuen Tabori lebhaft.

Tabori, 1914 in Ungarn geboren, starb hochbetagt und hochgeehrt 2007 in Berlin. Seine Verlegerin fand in seinem Nachlass in Berlins Akademie der Künste bei Forschungsarbeiten das Manuskript zur «Abendschau». Geschrieben habe Tabori sein Stück 1979, die Proben habe er aus persönlichen Gründen abbrechen müssen, wie die Ruhrfestspiele auf ihrer Webseite mitteilen.

Ein Mann (oft angstschlotternd: Wolfram Koch), der Dramatiker sein könnte und Züge Taboris trägt, überlegt, ein Stück über nichts zu schreiben. Es wird ein Stück über den Tod, der ja das Nichts repräsentiert, und bei der Familie des Mannes laut anklopft - was alle nur zu gern überhören würden. Schließlich tritt der Tod ungebeten ein, ein «Alter Herr», macht Striptease auf dem Tisch und setzt sich in der Unterhose in die Küche, nistet sich ein.

«Der Mann» bietet ihm nach und nach all seine Kleidungsstücke an, damit er verschwindet - vergeblich. Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen, auch wenn er seine Gestalt wandelt. Bis der Tod an sein Ziel kommt und «Der Mann» seinen letzten Weg in den Bühnenhintergrund antritt, gibt es viele Episoden, in denen Tabori zum Beispiel die Vergnügungsindustrie in den USA verhöhnt, Witze als Versuch, den Gedanken an den Tod zu verdrängen, entlarvt und die Torheit von Frauen aufs Korn nimmt, die sich vormachen, sie würden weder älter noch verlören sie an Anziehungskraft.

Es gibt immer wieder Höhepunkte, zum Beispiel die Schilderung einer Geburt aus der Perspektive des Säuglings, der gegen seinen Willen aus dem warmen Mutterleib in die kalte Welt expediert wird - aber allzu oft gibt es zähe Phasen. Das liegt am uneinheitlichen Text, aber mehr noch an Frank Hoffmanns wenig inspirierter Regie, die den Schauspielern kaum Schwung gibt. Die Uraufführung war weit vom Irrwitz und der mitreißenden Dynamik der Farce entfernt, wie sie Tabori selbst bei seinen Inszenierungen zu entfesseln wusste. Trotzdem lohnte sie sich, denn sie erinnerte in vielen Elementen an die Befreiung von bleischwerer Tradition, die Taboris Theater bedeutete.

Tabori war nicht nur Dramatiker, Regisseur und Schauspieler, er war auch Lehrer. René Pollesch, einer seiner berühmtesten Schüler, ist heute ein umworbener Dramatiker und Regisseur - bei der «Abendschau» war zu sehen, welche Anregungen Pollesch von Tabori bekommen, übernommen und weiterentwickelt hat. Tabori, auch wenn seine Stücke heute nicht mehr so oft auf den Spielplänen erscheinen, lebt im Erfolg seines Meisterschülers und der Lust, Grenzen zu überschreiten wie Tabus zu verletzen, fort.

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