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Der «heimliche König» des Rheingaus feiert 25. Musiksommer

Oestrich-Winkel (dpa) Andere liefern Autos. Wir liefern Musik» - manchmal klopft Michael Herrmann Sprüche, die knallhart nach Geschäft klingen.

Der «heimliche König» des Rheingaus feiert 25. Musiksommer

Michael Herrmann hat sich einen Lebenstraum erfüllt. Foto: Friedemann Kohler

Der Intendant des Rheingau-Musik-Festivals sieht auch aus wie ein Wirtschaftskapitän - weißhaarig, honorig, meist im blauen Anzug mit Collegekrawatte und Einstecktuch. Bestimmt hilft das bei der Sponsorenwerbung in der Frankfurter Wirtschaftselite.

Doch der Managerhabitus verdeckt nur eine unbändige Liebe zur Musik, und eine gradlinige Karriere hat Herrmann zeitlebens vermieden. Nur deshalb konnte im Rheingau ein Musikfest entstehen, das von kleinen Anfängen zu einem der größten in Deutschland geworden ist. 1987 erfüllte sich der gebürtige Wiesbadener erstmals den Traum von einem Musiksommer in Kirchen, Schlössern und Weingütern der Region.

In diesem Jahr feiert das Rheingau-Musik-Festival sein 25-jähriges Jubiläum. Vom 23. Juni bis zum 1. September erklingen 157 Konzerte. Klassikstars wie Justus Frantz, Helmuth Rilling, Ludwig Güttler oder Enoch zu Guttenberg kommen - die meisten von ihnen sind seit Jahrzehnten mit Herrmann befreundet. «Eine dicht verwobene Mischung aus Kunstsinn und Gesellschaftslust» nannte jüngst die Schriftstellerin Eva Demski das Festival. «Kein Wunder, dass der Erfinder all dessen als heimlicher König der Region gilt.»

Fragt man Herrmann nach dem Ursprung seines Traums, erzählt der 68-Jährige mit leuchtenden Augen vom Casals-Festival in Prades in Südfrankreich vor fast fünf Jahrzehnten. Dort saß der damalige Buchhändler-Lehrling zu Füßen des Cellisten Pablo Casals und anderer Virtuosen. «Die größten Künstler ihrer Zeit spielten zusammen Kammermusik.» Das Festival war ein Gesamtklang von Musik, Landschaft, Früchten und Wein. «Da habe ich mir gewünscht, so etwas auch in meiner Heimat zu gründen.»

Vor der Buchhandelslehre hatte Herrmann, geboren 1944 als Sohn eine Baukaufmanns, das Gymnasium abgebrochen - ein Glück, wie er sagt. So habe er sich alles selbst erarbeiten müssen. Aus dem erhofften Sängerberuf wurde trotz Gesangsunterricht und großer Liebe zur Musik nichts: «Die Stimme hätte höchstens gereicht für eine Karriere als Chorsänger.»

Stattdessen ging Herrmann 1972 nach Gran Canaria, baute und verwaltete Ferienhäuser und lernte darüber Musiker wie Frantz, Christoph Eschenbach oder Leonard Bernstein kennen. Mit diesen Kontakten im Rücken stieg Herrmann in den 80er Jahren ins Musikmanagement ein und gründete schließlich sein Festival.

Der erste Musiksommer hinterließ mehrere hunderttausend Mark Schulden, doch unterstützt von Freunden in Wirtschaft und Politik machte Herrmann weiter. Anfangs fuhr der Intendant selbst Stühle im VW-Bus hin und her. Er besorgte einen geheizten Wohnwagen für den Dirigenten Carlo Maria Giulini, der in der Basilika des Klosters Eberbach fror. Er chauffierte den Cellisten Mstislaw Rostropowitsch und wurde vom Dackel von Anne-Sophie Mutter gebissen. Mittlerweile ist Herrmann Geschäftsführer einer GmbH mit zwölf Angestellten, hunderten Helfern im Sommer und einem Umsatz von etwa sieben Millionen Euro im Jahr. Öffentliches Geld macht nur 0,3 Prozent aus.

Als Erfolgsgeheimnis des Rheingau-Musik-Festivals nennt Herrmann das Programm aus Klassik, Jazz und gehobener Kleinkunst, dazu den Rheingau mit seiner Weinkultur, der südlichen Lebensart und den lichten Sommerabenden. Auch die Nähe der Wirtschaftsmetropole Frankfurt ist wichtig - Sponsoren steuern knapp die Hälfte des Etats bei. «Herrmann ist ein großer Kommunikator, der bestens vernetzt ist in der Welt der Künstler, der Politiker, der Wirtschaft und des wohlhabenden Bürgertums», schreibt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».

Im 25. Festivaljahr hat sich Herrmann einen zweiten, jüngeren Geschäftsführer an die Seite genommen. Andreas Eckel soll ihn von organisatorischen Dingen entlasten. Doch kürzertreten will Herrmann noch nicht, er will die Sponsorenkontakte wie die Freundschaften mit seinen Künstlern weiterführen.

Rheingau-Musik-Festival

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