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Der kleine Mann und die große Freiheit

HÖRDE Nach acht Jahren verlässt Pfarrerin Christel Schürmann die evangelische Advent-Gemeinde am Steinkühlerweg. Redakteur Peter Bandermann sprach gestern auf der Treppe zum Altar mit einer aufgeräumt wirkenden, aber im Herzen doch traurigen Seelsorgerin, die ihren Lieblingsort in Hörde nicht gerne verlässt.

von Von Peter Bandermann

, 10.12.2007
Der kleine Mann und die große Freiheit

Christel Schürmann vor dem „Arbeiter“-Jesus aus Keramik: Die Treppe zum Altar ist ihr Lieblingsort.

 Frau Schürmann, acht Jahre Advent - wie war das? Schürmann: Ich habe mich hier als Dorf-Pfarrerin verstanden. Dies ist eine kleine und überschaubare Gemeinde mit einem klaren politischen Profil, in der es immer sehr stark um die Inhalte ging. Zum Beispiel bei den Streikversammlungen der Hoesch-Arbeiter in der Kirche. Die gewachsene Dorfstruktur mit Siedlergemeinschaft und Gartenverein - das ist für mich etwas Besonderes. Ich sage immer: Wir leben hier in der Gemeinde der Baumarktfahrer.

Der Baumarktfahrer? Schürmann: Ja, die Leute basteln an ihren Häusken herum, immer mehr Familien ziehen zu uns und alles wirkt klein und bescheiden. Das ist Advent. Immer noch wie früher, als die Leute aus Ostpreußen kamen, um hier bei Hoesch zu arbeiten.

Wie konnten Sie die Arbeitermentalität und die Bibel unter einen Hut kriegen?Schürmann: Sicher nicht immer liturgisch korrekt. Und mit großer Freiheit in der Gottesdienstgestaltung.

Kleiner Mann, große Freiheit. Und doch gehen Sie. Schürmann: Aus zwei Gründen: Mit 40 Jahren sucht man neue Perspektiven. Zweitens: Ich musste zuletzt sehr schwere Entscheidungen treffen. Kopf und Herz passten nicht mehr zusammen. Aber ich war so gerne Pfarrerin in Advent.

Eine Kirche zu schließen liegt nicht in der Natur eines Pfarrers. Schürmann: Christlicher Glauben sollte nicht an Steinen hängen. Aber Leute in die Arbeitslosigkeit zu entlassen, das fällt schwer. Auf der einen Seite gibt es nüchterne Zahlen mit logischen Schlussfolgerungen, um die Kirche in Hörde zu erhalten, auf der anderen Seite nehmen wir den Menschen die Heimat.

Die Zeichen der Zeit gehen an der Seelsorge nicht spurlos vorbei.Schürmann: Ich musste mich mit Kündigungsrecht befassen und Investorengespräche für den Verkauf der Kirche führen, anstatt Wochen nach einer Beerdigung zu den Angehörigen zu gehen und zu fragen: "Wie geht es heute?" Diese Schieflage wünsche ich meiner Kirche nicht auf Dauer.

Mit dem endgültigen Aus für Advent bleibt der Gemeinde die Lutherkirche. Schürmann : Ehrlich gesagt: Die Fusion ist nicht gelungen.

Ist es nicht zu früh für dieses Urteil? Schürmann : Wahrscheinlich. Deshalb sage ich meiner Gemeinde auch: Kirche soll nicht an Gebäuden kleben. Entscheidet nicht mit den Füßen, bleibt nicht weg und geht in die Lutherkirche. Äußert eure Wünsche. Und motzt.