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„Detroit“: Zeitgeschichte und offene Wunde

New York. Selten war Rassismus im Kino so beklemmend: Mit „Detroit“ gelingt Kathryn Bigelow wieder ein packendes Stück Zeitgeschichte. Doch seine wirkliche Kraft entwickelt das Drama als Kommentar zu den aktuellen USA.

Schreiende Demonstranten, berstende Schaufenster, kaltblütige Polizisten, die gegen sie knüppeln, eine Straße wie ein Kriegsgebiet: Im Detroit der 60er Jahre brodelt es, Schwarze kämpfen für ihre Rechte. Weiße halten dagegen, Rauchschwaden von brennenden Läden ziehen in den Himmel. 

Es gibt im aktuellen Hollywood-Kino niemanden, der solche Szenen mit der gleichen Intensität umsetzen kann wie Kathryn Bigelow. Nach dem oscarprämierten „Tödliches Kommando - The Hurt Locker“ zur Arbeit von Bombenentschärfern im Irak und dem kommerziell erfolgreicheren „Zero Dark Thirty“ über die Ermordung Osama Bin Ladens hat sie sich nun einem düsteren Kapitel der USA angenommen: Die Aufstände und Unruhen in Detroit vor 50 Jahren und die seit Jahrzehnten andauernde brutale Gewalt durch Polizisten gegen Schwarze. Es dauert keine fünf Minuten und die Zuschauer sind hineingezogen in einen beklemmenden Konflikt; bis zum Ende des 143-minütigen Dramas bleibt die Anspannung extrem hoch. 

Im Zentrum des Films steht Melvin Disbukes, ein farbiger Nachtwächter, der eigentlich nur einen kleinen Supermarkt gegen mögliche Plünderer verteidigen will. Dann wird er jedoch mitten hineingezogen in die Ereignisse im nahegelegenen Algiers Motel. Nachdem einer der Bewohner zum Spaß eine Spielzeugpistole von dort abfeuert, glaubt die Polizei, dass Scharfschützen darin wohnen. Sie stellt die vor allem farbigen Hotelgäste brutal zur Rede - eine Vernehmung wie eine Geiselnahme, an deren Ende mehrere Tote stehen.

Rund eine Filmstunde dauert diese Tortur im Zentrum von „Detroit“ und sie zählt zum intensivsten, was in den vergangenen Jahren im Kino zu sehen war. Das Schauspiel-Ensemble spielt sich währenddessen besonders überzeugend durch den Film, vereinzelt wäre aber eine etwas deutlichere Führung nötig gewesen. So geraten die Leistungen zwar überzeugend, aber an manchen Stellen wirken vor allem die Polizisten wie schon häufig gesehene Rassisten-Karikaturen.

Doch trotz Intensität, wichtigem Thema und überzeugendem Schauspiel wurde der Film in den USA kein Erfolg - vermutlich ebenfalls eine Frage des Sujets. Während einige farbige Kritiker bemängelten, dass sich schon wieder eine weiße Regisseurin und ein weißer Drehbuchautor des Themas annehmen dürfen, blieben die Zuschauer schlicht aus. Einigen war die gezeigte Brutalität schlicht zu nahe an realen Ereignissen im vergangenen Jahr. Auch 50 Jahre nach den Aufständen in Detroit sorgten 2016 Fälle wie die des getöteten Freddie Gray für Proteste und selten für eine Verfolgung der Polizisten.

Am Ende standen dem ohnehin schon recht schlanken Budget von geschätzt 34 Millionen Dollar lediglich knapp 17 Millionen Dollar Einspiel in den USA gegenüber. Verdient hat der Film das nicht. Gerade für internationale Zuschauer ist es erhellend, wie das packende Thriller-Drama seinen Blick auf noch immer nicht verheilte Wunden eines komplexen Landes richtet - 2016 töteten Polizisten in den USA offiziellen Angaben zufolge mehr als 1000 Menschen. 

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