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Die Deutschen und ihr Verhältnis zur Mathematik

München. Sie ist der Alptraum vieler Schüler - und doch eine wichtige Grundlage des Alltags: Mit Mathematik tun sich viele Menschen schwer, mit Statistiken sind sie oft leicht zu manipulieren. Viele vertrauen blind hochkomplexen Algorithmen. Über ein deutsches Phänomen.

Die Deutschen und ihr Verhältnis zur Mathematik

Mathematik gehört bei vielen Schülern nicht zu den Lieblingsfächern. Doch für den alltäglichen Umgang mit Daten und Statistiken ist ein gewisses Verständnis erforderlich. Foto: Frank Leonhardt/dpa

Die Mathematik hat ein Problem: Ihr Image ist bei vielen Menschen schlecht. So schlecht, dass sie gar nicht merken, welche Probleme sie ohne Mathematik haben.

„In Deutschland ist es cool, wenn man sagt, dass man Mathe in der Schule nicht konnte“, sagt Mathematik-Professor Christian Hesse von der Universität Stuttgart. „Damit kann man punkten.“ Gerd Gigerenzervom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung spricht sogar von einem „Volk von Zahlenblinden“.

Zugleich werden wir immer häufiger mit Daten und Statistikenkonfrontiert. „Es ist wichtig, dass man dafür ein Verständnis hat“, sagt Hesse. „Gerade Statistiken können leicht manipuliert werden. Wir sollten die Schlüsse, die andere für uns daraus gezogen haben, kritisch einschätzen können.“ Gigerenzer sagt: „Große Teile der Gesellschaft bemerken nicht, dass sie Dinge nicht verstehen.“

Das Verhältnis zur Mathematik ist ambivalent: Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit setzen Tausende Spieler auf das große Glück beim Lotto. Auch Erwachsene greifen bei Kopfrechenaufgaben zum Taschenrechner. Die negative Grundhaltung gegenüber der Mathematik sei ein ziemlich deutsches Phänomen, sagt Hesse: „In Frankreich und skandinavischen Ländern ist das anders.“

Gleichzeitig vertrauen Menschen auf Dinge, die sie nicht verstehen: kompliziert errechnete Kryptowährungen, Algorithmen bei Partnerbörsen im Internet und der Beitragsauswahl in Sozialen Netzwerken oder Suchmaschinen. Wie lässt sich das erklären?

„Deutschland ist ein Land der Ingenieure, beim Technikthema fühlen wir uns sicher“, sagt die Expertin für Risikointelligenz, Brigitte Witzer. Daher das Vertrauen auf Mathematik und Technik.

Gigerenzer bricht eine Lanze für statistisches Denken, um bestimmte Dinge für sich selbst zu überprüfen. Kaum jemand wisse, was mit 30 Prozent Regenwahrscheinlichkeit bei Wetterprognosen gemeint sei. Als Positivbeispiel führt er die Bankenkrise an: „Das Verhalten von Bankkunden hat sich danach verbessert: Menschen verstehen, dass der Bankberater ja die Bank vertritt - und man selber denken muss.“

Mathe-Prof Hesse fordert andere Schulkonzepte. Fächergrenzen sollten aufgebrochen werden: „Im Mathematikunterricht darf nicht nur Mathematik unterrichtet werden.“ So spielten etwa beim Thema Big Data auch Aspekte der Wirtschaft, der Medizin und der Ethik eine Rolle.

Wie viel Verstehen ist also nötig, mit wie viel mathematischer Ahnungslosigkeit kann man über die Runden kommen?

Für den Alltag reiche die Mathematik des achten Schuljahres, sagt Hesse: Bruchrechnen, Dreisatz und Prozentrechnung („die Königsdisziplin der Alltagsmathematik“). „Wenn man Wahrscheinlichkeitsaussagen verstehen will, braucht man aber mehr.“ Man müsse verstehen, wie der Banker dazu gekommen ist, eine Geldanlage zu empfehlen, oder wie die Chancen und Risiken einer medizinischen Behandlung gegeneinander abzuwägen sind.

Medien beispielsweise sollten statistische Tricks öfter aufdecken und verständlich machen, fordert Gigerenzer, der zu den Initiatoren der „Unstatistik des Monats“ zählt. „Viele wissen auch nicht, wo sie sichere Informationen herbekommen.“

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