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Die Erben Nerudas - neuere lateinamerikanische Poesie

Berlin (dpa) Wer an lateinamerikanische Literatur denkt, hat dabei oft zuerst die großen Romane des Magischen Realismus im Sinn. Doch ist der Erdteil auch ein Kontinent der Lyrik. Dafür stehen Namen wie Octavio Paz, Pablo Neruda und Gabriela Mistral, die für ihre Gedichte mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden.

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Der argentinische Poet Juan Gelman gedenkt unter der Militärdiktatur verschwundener Verwandte. Foto: Rafael del Rio

ARCHIV - Der mexikanische Autor Jose Emilio Pacheco macht sich in «Sirenendämmerung» Gedanken über Wissen und Nichtwissen, Wirklichkeit und Phantasie. Foto: Fernando Villar

Alle drei sind längst verstorben, andere Poeten traten in ihre Fußstapfen. Einer etwas jüngeren Dichtergeneration ist der jetzt bei Fischer erschienene zweisprachige Sammelband «Dunkle Tiger» gewidmet. Mit 16 Autorinnen und Autoren aus neun Ländern versucht Herausgeberin Michi Strausfeld darin, ein kleines Panorama lateinamerikanischer Lyrik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu bieten - einer kulturell und politisch bewegten Zeit.

Da ist zum Beispiel Juan Gelman aus Argentinien. Unter der Militärdiktatur verschwanden 1976 sein Sohn, seine Tochter und seine schwangere Schwiegertochter spurlos, viele Jahre später konnte er seine überlebende Enkeltochter wiederfinden. Seine Gedichte zeugen vom Leid, das ihm unter der Diktatur widerfuhr. «wie ein Grashalm, wie ein kind, wie ein vögelchen gedeiht die poesie in diesen zeiten», schreibt er in dem Gedicht «Poderes» («Mächte»).

Lebenserfahrungen unter Gewaltherrschaften, aber auch ganz allgemeine menschliche Motive wie Liebe und Tod, Jugend und Alter, Erkenntnis und ihre Grenzen sind es, die die lateinamerikanischen Poeten in ihren Gedichten verarbeiten. In «Un bel morir...» («Ein schönes Sterben...») schildert der Kolumbianer Álvaro Mutis den Tod als eine Bootsfahrt hinaus ins Vergessen. Der Kubaner Eliseo Diego sinniert über «Das Licht in meinem Land.»

Der Mexikaner José Emilio Pacheco macht sich in «Sirenendämmerung» Gedanken über Wissen und Nichtwissen, Wirklichkeit und Fantasie. Reichlich mysteriös ist das neunseitige Gedicht «Der Tiger im Haus» von Pachecos Landsmann Eduardo Lizalde, auf das auch der Titel des Sammelbandes zurückgeht.

Als «Antipoet» kommt der exzentrische Chilene Nicanor Parra daher. Er misstraut den Wörtern und ihrer Fähigkeit, etwas zu bezeichnen und fordert in «Umbenennungen» die Dichter dazu auf, die Namen aller Dinge zu ändern, auch den Namen Gottes. In «What is poetry?» definiert er sein Verständnis von Poesie: «alles was man sagt ist Poesie/alles was man schreibt ist Prosa/alles was sich bewegt ist Poesie/was stillsteht ist Prosa.»

«In allen Ländern Lateinamerikas haben die Dichter eine besondere Stellung. Sie werden geliebt und rezitiert», sagte Strausfeld bei der Vorstellung ihres Buches in Berlin. Die Herausgeberin ist unter den Freunden lateinamerikanischer Literatur im deutschen Sprachraum wohlbekannt. Als Literatur-Scout hat sie prominente Autoren wie Isabel Allende (Chile) oder Carlos Ruiz Zafón (Spanien) für den deutschen Markt entdeckt. Nach 33 Jahren bei Suhrkamp wechselte sie 2008 zu Fischer, wo sie eine Lateinamerika-Reihe aufbaut.

Bei der Zusammenstellung des Bandes musste Strausfeld eine strenge Auswahl treffen. In «Dunkle Tiger» finden sich nur Autoren spanischer Muttersprache, aber keine aus dem portugiesischsprachigen Brasilien oder dem ebenfalls zu Lateinamerika gehörenden französischsprachigen Haiti. Die 16 ausgewählten Dichter und Dichterinnen wurden zwischen 1910 und 1940 geboren. «Es ist eine Generation, deren reichhaltiges Werk in jedem Kontext überrascht», rechtfertigt Strausfeld diese Eingrenzung. Ein Anschlussband mit jüngeren Dichtern ist nicht ausgeschlossen.

Michi Strausfeld (Hg.): Dunkle Tiger - Lateinamerikanische Lyrik, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 373 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-10-074444-9

Michi Strausfeld

S. Fischer Verlag

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