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«Die Räuber» als Wort- und Rockkonzert in Salzburg

Salzburg (dpa) Vier Männer sitzen auf schwarzen Holzstühlen auf der Bühne und säuseln, schreien, flüstern im Chor. Sie sind Teil von Nicolas Stemanns Inszenierung von "Die Räuber" bei den Salzburger Festspielen.

«Die Räuber» als Wort- und Rockkonzert in Salzburg

Die Schauspieler Alexander Simon (l.) and Philipp Hochmair proben für Schillers "Die Räuber" bei den Salzburger Festspielen.

Der deutsche Regisseur löst bei seiner Inszenierung die schillerschen Rollenvorgaben von Beginn an auf und lässt fast alle Männerrollen von vier Darstellern spielen. Sein Wortkonzert, bei dem die Schauspieler zwischendurch auch zu E-Gitarre und Schlagzeug greifen, wird bei der Premiere bei den Salzburger Festspielen am Freitag gefeiert, auch wenn einige Zuschauer am Ende kopfschüttelnd den Raum verlassen. Ab dem 11. Oktober ist die Koproduktion mit dem Thalia Theater in Hamburg zu sehen.

Bei Schiller wird erst beim tragischen Ende klar, dass die zwei auf den ersten Blick so völlig ungleichen Brüder Karl und Franz gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Stemann lässt die Rollen von Felix Knopp, Alexander Simon, Daniel Hoevels und Philipp Hochmair abwechselnd oder im Chor sprechen. Mit kariertem oder gestreiften Pullunder (Kostüme: Esther Bialas) sind sie die biedere Schlossgesellschaft, mit Sturmhaube die Räuberbande. Immer wieder tritt aus dem Männertrupp einer heraus, der als Karl oder Franz eine Szene ausspielt. Neben der Bühne ist eine kleine Modellstadt mit Fachwerkhäuschen und Wald aufgebaut, aus der live per Kamera der gerade passende Hintergrund gefilmt und auf einer großen Videowand gezeigt wird.

Das teils etwas verworrene Sturm-und-Drang-Stück gewinnt durch Stemanns Bearbeitung zusätzliche Klarheit. Zwar ist die Handlung im Heute angesetzt, doch zu zeitgenössischer Symbolik greift Stemann nicht. Er verlässt sich lieber auf Rhythmus und Kraft der Schiller-Sprache. Das oft als gesellschaftlich gezeigte Drama wird in Salzburg zum persönlichen.

Wegen des vermeintlichen Verlustes der Vaterliebe wenden sich die Brüder Karl und Franz beide von ihrer Tradition ab und wollen sich eine eigene Welt schaffen. Der zweitgeborene Spießer Franz, der sich von seinem Vater ungeliebt fühlt, setzt auf List und Tücke, intrigiert gegen seinen lebensfrohen und gefühlsbetonten Bruder Karl und bringt vermeintlich den eigenen Vater um. Rebell Karl fühlt sich von seinem Vater verstoßen, wird mit hehren Zielen Anführer einer Räuberbande und endet als Mörder und Vergewaltiger. Auch wenn er sich in sein altes Leben zurücksehnt, holt ihn seine Räubervergangenheit immer wieder mit lauter Rockmusik ein.

Schließlich blicken beide Brüder - oder vielmehr alle vier - auf die brennende Modellstadt und damit auf die Trümmer ihres Lebens. Wer genau wen am Ende umbringt, ist bei Stemann irrelevant, es ist ein allgemeines Scheitern. Am Ende steht nur noch Amalia (Maren Eggert) auf der Bühne. Sie schwebte als Verlobte Karls während des Stückes etwas sphärisch-entrückt über die Bühne und setzte mit ihrer bedingungslosen Liebe einen Kontrapunkt zur sich um Macht und Selbstverwirklichung drehenden Männerwelt. Doch ihr zartes Liedchen kann sich nie gegen die Räuber-Rockmusik durchsetzen, von einem Schuss getroffen fällt sie letztendlich zu Boden.

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