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Alle Pflegeheime sollen ihren Bewohnern bald Internet-Zugang garantieren. Sogar Roboter sind in NRW schon im Einsatz. Die Digitalisierung macht auch vor Pflegeheimen nicht halt.

Dortmund

, 29.07.2018 / Lesedauer: 6 min

Große schwarze Augen, ein haarloser Kopf, platte Ohren und eine unscheinbare Stupsnase. Zögernd, stockend rollt „Paula“ auf einen zu. „Im Frühtau zu Berge“ – wenn man mag, spielt sie das alte Wanderlied. Die Vergangenheit in modernster Form. „Paula“ rudert mit den Armen, schwingt die Hüfte, tanzt auf ihrem rollenden Fuß – zieht die Aufmerksamkeit auf sich, macht Freude, sorgt für Gesprächsstoff. Paula ist ein Roboter, der in Seniorenheimen eingesetzt wird. Heute schon in Siegen.

„Der Roboter fordert mehr zu Interaktion auf“, sagt Felix Carros, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozio-Informatik der Uni Siegen, bei der Präsentation von Paula in der Westfalenhalle beim Deutschen Seniorentag Ende Mai. Die Wissenschaftler hatten festgestellt, dass viele Pflegeheimbewohner ein Tablet auch nach Aufforderung – wenn überhaupt – nur widerwillig in die Hand nehmen. Auf das Tablet auf „Paulas“ Brust tapsen dagegen dann auch irgendwann die renitentesten älteren Herren. Paulas Augen fokussieren das Gegenüber, der Kopf folgt dem Gesprächspartner, wenn ihre quäkige Roboterstimme spricht.

Roboter unterhält mit Spielen und Musik

„Dadurch führt das zu einer anderen Interaktion“, sagt Carros. Paula spielt ja nicht nur Lieder und tanzt, sie bietet auch Spiele – ein Quiz oder ein Memory für Demenzkranke. Sie tanzt auch vor, auf dass Bewohner ihre Bewegungen nachmachen. Sie liefert Stichworte und regt Gespräche der Bewohner untereinander an.

Digitalisierung meint mehr als den Pflegeroboter

Der Roboter als Spielzeug für Pflegeheimbewohner, das selbst dazu auffordert, mit ihm zu spielen. © dpa

Sieht so die Zukunft in den Pflegeheimen in NRW aus? „Paula“ und die anderen Versuchsroboter der Uni Siegen werden in Pflegeheimen erst mal nur eingesetzt, um mit ihnen die Interaktion zwischen Pflegeheimbewohnern und Künstlicher Intelligenz zu testen. Ein Versuch. Menschliche Pflegekräfte werden Roboter nicht ersetzen, da sind sich alle einig. „Das ist eine andere Art von Unterhaltung. Mit Mimik, Gesten oder auch Gerüchen, das können nur Menschen. Man baut eine ganz andere Beziehung auf“, sagt Carros.

Zusätzliche Aktivität

Aber warum sollen Seniorenheimbewohner überhaupt ein Tablet in die Hand nehmen? Was soll das bringen? „Es geht darum, eine zusätzliche Aktivität anzubieten.“ Der Roboter als Spielzeug für Pflegeheimbewohner, das selbst dazu auffordert, mit ihm zu spielen.

Wie die Digitalisierung die Pflege und das Alter verändern wird, weiß noch niemand. Klar ist nur, dass sie Veränderungen bringen wird. Und umso klarer rückt damit eine Frage in den Vordergrund, welche die Digitalisierung als Ganzes betrifft, bei Pflege und Gesundheit aber besonders sensibel ist: Wo liegen die Grenzen?

Viele Chancen im Alltag

Doch erst mal einen Schritt zurück. Wo liegen denn überhaupt die Chancen? Es muss ja nicht gleich der kalte Pflegeroboter sein. „Die Digitalisierung bedeutet ganz andere Sachen“, sagt NRW-Sozialminister Karl Josef Laumann (CDU): „Dass man länger beweglich ist, dass man länger Autofahren kann. Dass der Elektroherd nicht sofort einen Großbrand auslöst, wenn man vergessen hat, ihn abzustellen. Dass eine Toilette den Notruf oder die Kinder anruft, wenn da einen Tag lang keiner war. Das wird uns gewaltig helfen.“ Dafür müssten die Menschen aber auch diskutieren, welche dieser Hilfen sie wirklich wollen, so Laumann: „Weil das nicht zu einer Kontrolle des Menschen bis ins Intimste führen darf.“

Die Kontrolle der Technik über den Menschen

Das ist also Grenze Nummer eins: die Kontrolle der Technik über den Menschen. Auch die Dortmunder Pflegeheimträger treibt das um. Sensormatten bei Sturzgefährdung und Auflagen in Betten, die melden, wenn ein Bewohner eine Entlastung bekommen sollte, sind heute schon im Einsatz. Auch bei der Awo. Trotzdem sagt Elke Herm-Riedel, Abteilungsleiterin Qualitätsmanagement beim Awo-Bezirk Westliches Westfalen: „Überwachungssysteme lehnen wir ab. Systeme, die gerade bei Demenzkranken Verhalten überwachen. Das lehnen wir ab, das entspricht nicht der Selbstbestimmung und der Würde von Menschen, auch von Menschen mit Demenz. Jeder hat eine Privatsphäre, und die ist unantastbar.“

Technik hilft in der Pflege-Dokumentation

Die Digitalisierung muss dabei gar nicht so futuristisch sein. In der Logistik und in der aufwendigen Dokumentation der Pflegeleistungen wird heute noch vieles handschriftlich festgehalten. „In diesen Bereichen gibt es eine Menge Potenzial“, sagt Boris Augurzky, Professor für Gesundheitsökonomie am Essener RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung: „Viele Heime und Krankenhäuser machen viele Dokumentationsschritte unnötig oft.“

Auch in den Dortmunder Heimen wird noch per Hand geschrieben. Aber es bewegt sich was. „Wir setzen digitale Systeme zur Optimierung von Dokumentation und bestimmter wiederkehrender Datenerfassung ein“, teilen die Städtischen Seniorenheime mit. Wenn man Digitalisierung einsetze, müsse eine messbare Zeitersparnis für die Mitarbeiter dabei herauskommen.

Comunita führt gerade eine einheitliche Softwarelösung für alle Häuser ein. Die Caritas plant, „2019 mit der digitalen Pflegedokumentation zu starten“.

Software soll Pflegekräfte entlasten

Konkret sieht auch Alloheim den Nutzen in der Übertragung von Pflegedaten in die Dokumentation, um Fachpersonal zu entlasten. „Investitionen in die Digitalisierung führen zu Bürokratieabbau und damit zu Qualitätsverbesserungen sowie Effizienzsteigerungen und höherer Attraktivität für das Personal und damit auch für die Bewohner“, teilt der Konzern mit – welche Investitionen geplant oder getätigt wurden, sagt Alloheim nicht.

Auch in der medizinischen Betreuung könnten viele Wege gespart werden – verbunden mit einer Aufwertung des Pflegeberufs. Pflegekräfte könnten bei bestimmten Krankheitsbildern Fotos machen und dem Arzt zusenden. Eine erste Ferndiagnose statt zeitraubender Fahrten. Dafür müsste es sichere Systeme geben, mit denen Heime, Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken Patientendaten austauschen könnten. Die fehlen noch.

Bei alledem wird Grenze Nummer zwei deutlich: der Datenschutz der Pflegebedürftigen. Bei der Digitalisierung seien Datensicherung und Datenverfügbarkeit wichtige Aspekte, sagen die Städtischen Seniorenheime. Andere Betreiber betonen das auch. Sicher ist der persönliche Internetzugang der Pflegeheimbewohner.

WLAN bald in allen Pflegeheimen

In der heutigen Pflegeheimgeneration surfen erst wenige, in ein paar Jahren wächst jedoch eine technikgewohnte Seniorengeneration nach. Ein flächendeckender Internetzugang per WLAN soll deshalb nach dem Willen der Landesregierung bald in allen Pflegeeinrichtungen verpflichtend sein. So sieht es ein aktueller Gesetzesentwurf vor. „Das gehört einfach dazu“, sagt Minister Laumann: „Skype finde ich so interessant, weil man einfach mit den Enkelkindern sprechen kann. Das sollen die älteren Menschen einfach können.“ Bis wann die Pflicht aber umgesetzt werden muss, steht nicht fest.

Die Dortmunder Pflegeheime müssten bis dahin noch aufrüsten, obwohl sie das Angebot allesamt befürworten. Der private Anbieter Alloheim hat noch kein WLAN in seinen Einrichtungen, genauso wie die Caritas. Die sagt: „Das Projekt ist allerdings in Arbeit.“

Digitalisierung meint mehr als den Pflegeroboter

Mit den Enkeln skypen? Geht es nach der Landesregierung, sollen Pflegeheime bald flächendeckend WLAN zur Verfügung stellen. © dpa

Die Städtischen Seniorenheime bieten immerhin schon in jedem Haus einen Internet- Hotspot an, in einzelnen Häusern ein Internet-Café. Flächendeckendes WLAN wäre sinnvoll, sagen sie: „Hürden sehen wir ausschließlich bei den Internet-Anbietern und -Providern bezüglich Geschwindigkeit und Verfügbarkeit.“

Der Awo-Bezirk Westliches Westfalen rüstet seine Seniorenzentren deshalb mit Glasfaser aus. Rund die Hälfte der Heime wurde insgesamt schon angeschlossen – in Dortmund sind es zwei von fünf. Bei einem dritten fehle nur noch ein Termin mit der Telekom.

Pflegeroboter sind umstritten

Von Pflegerobotern wie in Japan sind NRW und Deutschland noch weit entfernt. Es gibt weder Tests noch Fördergelder. In Fernost heben gepolsterte Roboterarme Pflegepatienten sachte aus Betten in Rollstühle – begleitet von einer menschlichen Pflegekraft, deren Rücken fortan geschont wird. Der Job wird hierzulande erst mal weiter auf die Knochen gehen. Wie lange noch? Das ist eine Frage der Kostenabwägung. „Wenn Pflegekräfte immer teurer werden, ist irgendwann die Schwelle überschritten, ab der Roboter günstig werden“, sagt Gesundheitsökonom Boris Augurzky.

„Niemals als Ersatz für fehlendes Pflegepersonal“

„Wenn wir intelligente Systeme einsetzen, nur zur Unterstützung. Niemals als Ersatz für fehlendes Pflegepersonal oder zur Personalkompensation“, sagt Elke Herm-Riedel. Pflege sei ein Interaktionsprozess, gerade bei Menschen mit Demenz passiere ganz viel über nonverbale Kommunikation, über Körperkontakt: „Da müssen wir uns als Gesellschaft fragen, wollen wir zukünftig von einer Maschine aus dem Bett transferiert werden?“

Da ist sie also, Grenze Nummer drei: Was der Mensch kann, kann nur der Mensch. Oder wie es Herm-Riedel sagt: „Wir müssen uns ethisch und moralisch fragen: Wo sind die Grenzen der Digitalisierung? Wie weit gehen wir mit? Immer dann, wenn zwischenmenschliche Interaktion ersetzt werden soll, lehnen wir das ab. Unterstützung ja, ersetzen nein.“

Nähe und Begegnung

Das ist die Linie, die auch andere Dortmunder Pflegeheime unterstreichen. „Aus unserer Sicht steht besonders in der Pflege der Mensch im Mittelpunkt. Wir können daher nicht auf gute Mitarbeiter verzichten“, sagt Alloheim. „Der Nutzen von Pflege-Assistenzsystemen hört da auf, wo die menschliche Leistung in Form von Nähe und persönlicher Begegnung und Darreichung beginnt“, sagen die Städtischen Seniorenheime.

Allein arbeitende Pflegeroboter und künstliche Intelligenz werden den Menschen nicht ersetzen können, betonen auch Ökonom Augurzky und Minister Laumann unisono: „Ich glaube, dass diese Arbeit immer auch damit zu tun hat, was einen Menschen ausmacht: seine Empathie, seine Persönlichkeit“, sagt Laumann: „Aber wenn ich mal zu Hause alleine wäre, und die Kinder sind tagsüber auf der Arbeit und es gebe einen Roboter, der mir mal ein Glas Milch oder ein Glas Bier bringt, warum soll das schlimm sein?“