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Dirigent Alexander Liebreich geht nach Prag

Prag. Alexander Liebreich gehört zu den umtriebigsten Dirigenten der jüngeren Generation. Nach sechs Jahren in Polen geht er nun nach Tschechien. Dem Rundfunk bleibt er treu - eine Begegnung in Prag.

Dirigent Alexander Liebreich geht nach Prag

Alexander Liebreich ist von Polen nach Tschechien gegangen. Foto: Tomas Vodnansky/Tschechischer Rundfunk

Als erster deutscher Chefdirigent eines polnischen Orchesters seit dem Zweiten Weltkrieg hat er Pionierarbeit geleistet: Nun betritt der gebürtige Regensburger Alexander Liebreich wieder Neuland.

Ab September übernimmt der 49-Jährige als Künstlerischer Leiter und Chefdirigent den Taktstock beim Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks (SOCR), einer nationalen Institution, deren Wurzeln bis in die Anfänge des Rundfunks in den 1920er Jahren reichen.

Doch für Liebreich selbst spielt die Frage der Staatsangehörigkeit offensichtlich eher eine untergeordnete Rolle: „Ich tue mich schwer, in den klassischen nationalen Grenzen zu sprechen, weil diese nicht die Kulturgrenzen sind“, sagt der überzeugte Bayer im Rundfunkgebäude in der Prager Vinohradska-Straße. Er steht für eine gewisse Offenheit: „Ich glaube, dass man, wenn man in ein Land geht, sei es als Gastdirigent oder auch als Chefdirigent, in eine Begegnung geht mit einer gewachsenen Kultur“, sagt er - und spricht vom Genius Loci, also dem Geist des Ortes.

In Prag ist es auch eine Begegnung mit den eigenen Familienwurzeln. Das Sonntagsessen bei der Großmutter war einst geprägt von der mährischen Küche, geografisch angesiedelt zwischen Prag und Wien. Denn die Großmutter war in Brünn (Brno) geboren worden. Von Spezialitäten wie den Kolatschen mit Quarkfüllung oder den Powidlbuchteln mit Pflaumenmus schwärmt Liebreich noch heute. Doch will er das auch nicht überbewerten. „Ob ich jetzt besser Dvorak mache, weil mein Vater in Usti nad Labem und mein Großvater in Brünn geboren ist, ich weiß es nicht.“

Die ersten Proben mit seinem neuen Orchester hat Liebreich, der an diesem Tag den Pullover wie sein großes Vorbild Claudio Abbado um den Hals trägt, bereits hinter sich - und sie waren positiv. „Ich finde es gut, dass es in Prag mit den anderen Orchestern eine kulturelle Spannungsebene gibt, sagen wir, eine sportliche Konkurrenz.“ Es sei wie beim Fußball, wenn sich beispielsweise Atlético Madrid und Real Madrid miteinander messen müssen und nicht als Platzhirsch in Gemütlichkeit verfallen können. Das Niveau sei entsprechend gut.

Liebreichs Terminkalender ist prallvoll. Erholung findet der umtriebige Dirigent in den Bergen. Seitdem er in München lebt, das von Prag nur etwas mehr als vier Autostunden entfernt ist, fährt er oft in die Alpen. Deren Größe hat nicht nur ihn beeindruckt, sondern vor ihm schon viele Komponisten. Seit Herbst 2017 ist Liebreich zudem künstlerischer Leiter des Richard-Strauss-Festivals in Garmisch-Partenkirchen.

Es sei für ihn ganz wichtig, einfach Natur tanken zu können, sagt er. „Dieses Herumreisen zwischen Städten ist anstrengend.“ Bis sein Vertrag dort nächstes Jahr ausläuft, pendelt Liebreich auch noch zum Nationalen Sinfonieorchester des Polnischen Rundfunks (NOSPR) in Katowice.

Der tschechische Rundfunk plant für die Zukunft ein sehr breit gefächertes Programm, das von Barockkompositionen bis hin zu zeitgenössischen Werken reicht, einschließlich tschechischen Erstaufführungen und Weltpremieren. Es geht damit deutlich über die böhmischen Nationalklassiker Bedrich Smetana und Antonin Dvorak hinaus. „Prag war ja im Puls der multikulturellen Hauptstädte im 19. Jahrhundert, aber davon kann man nicht ewig leben“, sagt Liebreich selbst. Zugleich betont er, er mache für sich keinen Unterschied zwischen moderner und alter Musik.

Bereits die Reaktionen der Prager Fachpresse auf die ersten Gastauftritte des Bayern waren geradezu überschwänglich. Das Internetmagazin „Opera Plus“ notierte: „Man möchte rufen: Ja, genau so soll es sein!“ Und auch das Publikum scheint begeistert: Nach dem Konzert mit der deutschen Mezzosopranistin Stefanie Irányi vor wenigen Tagen - auf dem Programm stand unter anderem Alexander Zemlinsky, der einst selbst in Prag als Musikdirektor wirkte - gab es langen Applaus und zahlreiche „Bravo“-Rufe.

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