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Donnerkeil aus Dieppe: A610 war der letzte Renault-Alpine

Nürburgring/Dieppe (dpa/tmn) Vor ihr hatten sogar Porsche-Fahrer Respekt: Die mit Renault-Know-How konstruierte Alpine war ein echter Sportwagen. Mit dem A610 ging die Geschichte der französischen Marke vor fast 20 Jahren zu Ende. Doch jetzt keimt die Hoffnung auf eine Neuauflage.

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1995 wurde die Produktion des A610 eingestellt. Das war zugleich das Ende der Marke Alpine, deren Geschichte 1956 begann. Foto: Thomas Geiger

Der Alpine A610 wiegt mehr als 1400 Kilogramm. Wohl deshalb fand er unter den puristisch orientierten Fans der Marke seinerzeit nicht sonderlich viele Käufer. Foto: Thomas Geiger

Starker Wagen mit großem Platzangebot: Der A610 gilt - anders als vorherige Modelle der Rennsportmarke Alpine - als Gran Turismo. Foto: Thomas Geiger

Das markante Heck mögen viele Fans am Alpine A610 besonders gern. Für gut erhaltene Exemplare zahlen Autoliebhaber heute um die 30 000 Euro. Foto: Thomas Geiger

Den V6-Turbo im Alpine A610 haben Volvo, Peugeot und Citroën zusammen entwickelt. Der Motor schöpft aus 3,0 Litern Hubraum 184 kW/250 PS. Foto: Thomas Geiger

Eine neue Alpine? Da muss Andreas Conrad lachen: «Gott bewahre, nein. Das macht nur die Preise kaputt.» Der Mann aus der Eifel ist einer der wenigen, die noch ein Original jener französischen Sportwagen besitzen, vor denen selbst Porsche-Fahrer lange Respekt hatten. Der Sammler, der seinen genauen Wohnort nicht nennen möchte, fährt einen burgunderroten A610. Von dieser Baureihe liefen zwischen 1991 und 1995 nur etwas mehr als 800 Exemplare vom Band.

1956 vom Renault-Händler und Rennfahrer Jean Rédélé gegründet, war Alpine neben der über viele Jahrzehnte eingestellten Nobelmarke Bugatti und dem exotischen Venturi der einzig ernsthafte Sportwagenhersteller aus Frankreich. Schon mit einem ersten getunten Renault 4 CV fuhr Alpine einen Klassensieg bei der Mille Miglia ein. Der A110 wurde zum legendären Rallye-Auto und siegte zum Beispiel in Monte Carlo. Mit dem A442 gewannen die Franzosen 1978 sogar die 24 Stunden von Le Mans.

Im Stammwerk in Dieppe wurden nur knapp 30 000 Autos gebaut, aber es gibt zarte Anzeichen für einen Neubeginn: Renault - seit Ende der siebziger Jahre gehören den Franzosen die Alpine-Markenrechte - hat jüngst beim Formel-1-Grand-Prix in Monaco unerwartet eine Designstudie über den Kurs geschickt. Aus ihr könnte binnen ein, zwei Jahren tatsächlich ein neuer Sportwagen mit dem alten Namen werden. «Wenn ein neues Auto kommt, dann bestimmt mit allen elektrischen Helfern und wenn's dumm läuft, sogar mit Elektroantrieb», meint A610-Besitzer Conrad. «Mit der Alpine von einst hätte das nichts mehr zu tun.»

Der A610, dessen V6-Turbo Conrad gerade aufheulen lässt, ist weit entfernt von jenen Idealen, mit denen Monsieur Rédélé die Marke gegründet hatte. Denn im Gegensatz zum A110 oder dem A310 ist der A610 alles andere als eine federleichte Flunder. Trotz seiner Kunststoff-Karosserie wiegt der Wagen mehr als 1,4 Tonnen. Dafür aber ist er vielleicht der einzige Alpine, mit dem man nicht nur rasen, sondern auch reisen kann. Der Motor ist stark, das Platzangebot groß. Und die Sitze sind bequem, obwohl Passagiere sich beim Einsteigen ins flache Auto tief bücken müssen.

Nicht umsonst nennt Conrad seinen A610 einen echten Gran Turismo und hat schon über 80 000 Kilometer auf dem Zähler. Allerdings hatten das Format und die damals noch als luxuriös geltenden Extras wie eine Klimaanlage oder ein Hifi-System auch ihren Preis: Knapp 100 000 Mark kostete der A610 und war damit fast so teuer wie ein Porsche 911 oder ein Mercedes SL.

Bei allem Komfort - zu fahren sei der Franzose nicht ganz so leicht, warnt Conrad: Nicht nur, weil die stehenden Pedale so klein und eng sind, dass man mit Schuhgröße 40 schon verloren hat, muss man ein wenig aufpassen. Sondern vor allem, weil der V6-Turbo im Heck so kräftig ist und das ESP damals noch nicht erfunden war, kann es mit der Alpine bisweilen brenzlig werden. «Ruck zuck, hat einen das eigene Heck überholt», mahnt der leidenschaftliche Alpine-Besitzer.

Wer den Wagen aber mit kundiger Hand und sensiblem Fuß bewegt, der kann wie Conrad auf den Landstraßen rund um den Nürburgring noch so manchen Porsche abhängen. Immerhin kommt der damals gemeinsam mit Volvo, Peugeot und Citroën entwickelte 3,0-Liter-Motor auf 184 kW/250 PS und 350 Newtonmeter maximales Drehmoment, mit denen der Donnerkeil aus Dieppe mächtig Vortrieb entwickelt. Von Null auf 100 km/h schafft er es in 5,7 Sekunden, und Schluss ist erst bei 265 km/h.

Stark und schnell, aber eben auch zu schwer und zu teuer - so hat der A610 unter den puristisch orientierten Alpine-Fans nicht mehr sonderlich viele Freunde gefunden. Von den produzierten 818 Einheiten ist nach Conrads Schätzung mindestens ein Drittel in den Leitplanken diverser Rennstrecken zerschellt. Deshalb tauchen sie heute auf den üblichen Handelsplattformen kaum noch auf. Und wenn man mal eine Alpine A610 findet, ist sie richtig teuer: «Trotz einer in der Regel sehr hoher Laufleistungen ist unter 30 000 Euro fast nichts zu bekommen», hat Conrad festgestellt.

Mit dem Ende von Alpine war es bei Renault auch mit Sportwagen erst einmal vorbei. Zwar ist die Lust an der Leistung mit dem Sport Spider von 1995 bis 1999 noch einmal kurz aufgeflammt, doch im Grunde mussten seitdem den Heißspornen potente Varianten normaler Serienmodelle genügen.

Die Chancen für ein Comeback aber stehen tatsächlich nicht schlecht, weil das Management der Franzosen in letzter Zeit verdächtig oft von den alten Alpine schwärmt. Und weil das alte Werk von Monsieur Rédélé als Zentrale der Rennsportabteilung noch immer in Betrieb ist. Wenn es einen neuen Donnerkeil gibt, könnte der also wieder aus Dieppe kommen.

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