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Gemeinschaftswohnen wird ganz großgeschrieben

Im Marienviertel

Premiere für Dorsten: Bewohner des Marienviertels erarbeiteten mit einem Uni-Team gemeinsam ein Neubaugebiet auf dem Gelände der leer stehenden Realschule - mit interessanten Ergebnissen.

Hervest

, 29.06.2018
Gemeinschaftswohnen wird ganz großgeschrieben

Die Studierenden stellten am Donnerstag gemeinsam mit der „Initiative Zukunft Marienviertel“ der Politik erste Pläne für das Gelände der leer stehenden Realschule vor. © Michael Klein

75 Wohneinheiten, die Häuser sind nie mehr als drei Geschosse hoch. Im Baukasten-Prinzip flexibel zusammengefügt, liegen sie als Bungalows oder Appartements in schmalen Blöcken inmitten einer Baumlandschaft, die in einen kleinen Park übergeht. Ein Fuß- und Radweg mit viel Grün durchkreuzt das neue Wohnquartier, das Spiel- und Sportangebote für seine Bewohner bereithält. Und in dem das Gemeinschaftsleben ganz großgeschrieben wird.

Gelände ist 40 Hektar groß

Die Vision für das 40 Hektar große Gelände der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Realschule und der angrenzenden Freifläche haben Studierende des „Instituts für Stadtplanung und Städtebau“ der Universität Duisburg-Essen entwickelt. Es ist derzeit nur ein Gedankenspiel, das da am Donnerstag Vertretern der Politik und den Mitgliedern der „Initiative Zukunft Marienviertel“, die gemeinsam mit der Stadtverwaltung der Auftraggeber war, vorgestellt wurde. „Aber es ist eine gute Grundlage, auf der wir weiterarbeiten können“, erklärte Bürgermeister Tobias Stockhoff.

Gemeinschaftswohnen wird ganz großgeschrieben

Impression aus den Plänen des Uni-Teams. © Grafik

Ausgangspunkt war eine Ideenwerkstatt im März 2017, in der Bewohner des Marienviertels ihre Zukunftswünsche und Hoffnungen für das Quartier, das dringend eine demografische Verjüngungskur benötigt, zusammengetragen haben. Dass anschließend ein Team von Doktoranden und Master-Studenten gemeinsam mit Anwohnern eines ganzen Stadtviertels einen städtebaulichen Planungsentwurf für eine Fläche in so wichtiger Lage erarbeitet hat, ist eine Premiere für Dorsten.

„Es gab keinerlei Vorgaben“

Von städtischer Seite betreut wurden die Studierenden von Dagmar Stobbe (Planungsamt). „Es gab keinerlei Vorgaben, die jungen Leute sollten ohne Schere im Kopf an die Arbeit geben.“ Vor gut einem halben Jahr machten sich die Studierenden ans Werk, führten zunächst Interviews mit den Bewohnern, verteilten Fragebögen, präsentierten immer wieder neue Pläne. „Es war ein spannender Dialog, in Ping-Pong-Manier hat sich durchgehend etwas weiter verändert“, freute sich ihr Professor J. Alexander Schmidt über den Prozess.

Da die Schulgebäude derzeit leer stehen, nur schlecht vermarktbar sind und die Sanierung zu aufwendig wäre, machten die jungen Planer klare Kante. Bis auf den von der Caritas gekauften Trakt schlagen sie den Komplett-Abriss der Schule und der Turnhalle vor.

Soziales Miteinander im Vordergrund

„Für die Neubauten brachten die Anwohner des Marienviertels viele Gemeinschaftsprojekte ins Spiel“, erklärte Franziska Kalkbrunner vom studentischen Team, in dem nicht nur Stadtplaner, sondern auch Sozialwissenschaftler mitwirkten. So schufen die baldigen Uni-Absolventen neben privaten auch solche Orte, an denen das soziale Miteinander im Vordergrund steht: Gemeinschaftsgärten, genossenschaftliche und alternative Wohnformen, einen zentralen Quartiersplatz als Treffpunkt für Jung und Alt – und in einigen Gebäuden sollen sich sogar eine Kulturkneipe, ein Büro für soziale Projekte und andere öffentliche Einrichtungen ansiedeln.

„Außerdem wollen wir den Autoverkehr im Viertel, so gut es geht, reduzieren und das Wohngebiet zum Wienbach hin öffnen“, sagte Franziska Kalkbrenner. Für das Gesamtkonzept wurden die jungen Planer quer durch die Bank von Politik und Verwaltung gelobt, aber es gab auch kritische Anmerkungen – etwa zum Parkplatz-Konzept, zur Organisation der Grünpflege und zur Frage, ob die Stadt als Grundstückseigentümerin ein solches Konzept überhaupt zu vernünftigen Konditionen vermarkten könne.

“Nicht immer sofort an Geld denken“

„Es ging uns vornehmlich darum, hier etwas Neues zu schaffen und die Grenzen soweit wie möglich auszuloten“, entgegnete Professor J. Alexander Schmidt: „Man sollte nicht immer sofort an Geld denken.“ Auch für die Vertreter der Marienviertel-Initiative stand die Experimentierfreude der Studierenden im Vordergrund. „Es ist toll, sich von jungen Leuten helfen zu lassen, die noch nicht in der Routine drin sind“, so Sprecher Werner Springer.

Bürgermeister Tobias Stockhoff sah durchaus Chancen, dort ein solch nachhaltiges Pilotprojekt verwirklichen zu können. „Den Menschen, die sich dort für ein Grundstück interessieren, muss nur klar sein, was sie dort an Gemeinschaftsaufgaben vorfinden und worauf sie sich eingelassen haben.“ Stockhoff brachte dafür schon mal ein Erbpacht-Modell ins Spiel: Dabei müsste dann ein gewisser Anteil in einen Gemeinschaftstopf fließen, um etwa den Quartiersmanager bezahlen zu können.

Doch bis dahin wird noch eine Menge Wasser den Wienbach hinunterfließen: Bis ein Bebauungsplan für das Grundstück steht, werden wohl ein paar Jahre ins Land gehen.

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