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Schmuggelware aus dem Westen war heiß begehrt

Vor dem Mauerfall

Die Besuche der Verwandten aus Schermbeck waren für Sandra Becker im kleinen Rosenthal (DDR) vor der Wende stets ein Highlight. Denn sie brachten stets Schmuggelware aus dem Westen mit.

SCHERMBECK

von Michael Nickel

, 05.11.2014
Schmuggelware aus dem Westen war heiß begehrt

Sandra Becker besuchte 2014 mit den eigenen Kindern die Verwandten in Schermbeck - mit Stippvisite auf Schalke.

Stundenlang hat sie gewartet, sich die Nase am Fenster plattgedrückt und mit dem Fernglas Ausschau gehalten. Sandra Becker freute sich als Kind jedes Mal aufs Neue, wenn der Besuch aus Schermbeck kam. Damals lebte sie im kleinen Dörfchen Rosenthal in der DDR, die Verwandtschaft wohnte mehrere hundert Kilometer entfernt im Westen. „Mindestens einmal im Jahr, meistens zu Ostern, ist Familie Borowski zu uns gekommen. Zu Weihnachten und Geburtstagen gab es dann auch Pakete“, sagt Becker. Die Rede ist von Helga und Gerd Borowski, einem Ehepaar aus Schermbeck, das regelmäßig die Verwandten im Osten versorgten.

Der Besuch brachte jedes Mal begehrte Schmuggel-Ware aus dem Westen mit. Sei es Obst, sei es Schokolade, sei es die ausrangierte Kleidung der gleichaltrigen Tochter der Borowskis, die in der DDR heiß begehrt, weil schwer aufzutreiben war – Stichwort Jeans. „Damals gab es bei uns nur Hosen aus schrecklichem Material und in einer hässlichen Farbe“, sagt Becker. Die Tage, an denen der Kofferraum des Schermbecker Besuchs ausgeladen oder die Pakete geöffnet wurden, glichen beinahe Feiertagen. Doch nicht immer für alle Familienmitglieder in Rosenthal. „Wenn es zum Beispiel Bananen gab, haben meine Eltern auf ihren Anteil verzichtet, damit wir Kinder mehr haben“, sagt Becker.

Doch der Besuch aus dem Westen brachte Sandra Becker und ihre Familie auch in Schwierigkeiten, wenn auch indirekt. In den eigenen vier Wänden wurde immer über die DDR, ihr System und ihre Politiker hergezogen, wenn der Besuch aus dem Westen da war. Prompt trug die damals durchaus redselige Schülerin die Inhalte der Gespräche an ihre Klassenkameraden weiter. So ist ihr der Satz „Honecker ist blöd“, den sie im Staatskundeunterricht fallen gelassen hat, fast zum Verhängnis geworden. Doch die Schule beließ es bei einem Rapport, zu dem Sandra Beckers Eltern antreten mussten. Heute kann die mittlerweile 39-Jährige über diese Anekdote lachen. Die Episode ist nur noch Geschichte. Doch der Kontakt zur Familie Borowski besteht immer noch.   

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