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Vampire sind die beste Projektion unserer Urängste

Dracula-Kongress in Dorsten

Mit Vampiren hat unser Volontär Tobias Nordmann natürlich nicht viel gemeinsam. Seine Berührungspunkte mit den Blutsaugern beschränken sich auf ein paar Folgen von „Der kleine Vampir“ in seiner Kindheit. Trotzdem haben wir ihn am Samstag zum Dracula-Kongress im Alten Rathaus geschickt. Sein Arbeitsauftrag: Was macht eigentlich die Faszination Vampir aus?

DORSTEN

von Von Tobias Nordmann

, 22.04.2012

Vorsichtig öffne ich die schwere Tür zu dem Gebäude am Marktplatz. Alles ist dunkel. Ein paar Kerzen, mehr kann ich auf den ersten Blick nicht entdecken. Plötzlich steht ein Mann vor mir. Ich hoffe doch, dass er ein Mann ist. Er ist groß, sehr groß. Ich darf das sagen, denn auch ich bin nicht gerade klein gewachsen. Seine weißgrauen Haare hat er zu einem Zopf gebunden. Er trägt einen schwarzen Umgang.

Er stellt sich als Fritz L. Brüggemann vor. Er ist ein Mensch. Er ist einer der Organisatoren des Kongresses. Mittlerweile haben sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Ich erkenne Plakate, Filmplakate. In einer der hinteren Ecken steht eine lebensgroße Dracula-Figur, angestrahlt von vielen Kerzen, Grableuchten. Komisch. Ich habe eigentlich keine Ahnung von Vampiren, dennoch habe ich es mir genauso vorgestellt. Das Blut an den Lippen der Figuren, die weiße Haut, die spitzen Zähne, die roten Augen. „Sehen Sie, jeder hat direkt ein Bild vor Augen, wenn es um Vampire geht, jeder weiß sofort Bescheid“, sagt Brüggemann. Ich krame in meinem Gedächtnis. Weiß ich tatsächlich Bescheid? Es rattert. Vampire mögen keinen Knoblauch, fällt mir ein. Bei Tageslicht können sie nicht überleben. Sie lieben Blut, mit einem Pflock kannst du sie töten. Nicht schlecht für den Anfang. Aber es geht nicht um mein Wissen, ich bin auf der Suche nach dem „Wer“ und dem „Warum“. Ich hake nach, bei Fritz Brüggemann. Über das Sponsoring, so erzählt er, hat ihn die Faszination für die Blutsauger gepackt. Brüggemann ist Geschäftsführer der Firma Alcomix. Das Unternehmen verbreitet den Dracula-Schnaps. „So bin ich so in dieses Netzwerk hineingekommen.“ Einen Ausweg hat er nicht gefunden, im Gegenteil: Bücher, Filme – die komplette Vampirkultur ist sein Hobby geworden, vielleicht sogar seine Leidenschaft. Was ihm wichtig ist: die Betonung auf Kultur. Für Menschen, die sich aufschlitzen, oder Blut trinken – auch die gibt es – hat er nichts übrig.

Wir reden über den klassischen Vampir, über die Twilight-Filme und über den Kinostreifen „Blade“. Hat sich die Rolle des Vampirs verändert? Sie hat. Werden Darstellungen wie Twilight ein neues Bild der Vampire ergeben? „Das ist eine Frage, die sie mit den Experten diskutieren können“, sagt Brüggemann. Okay, mache ich. Als Gesprächspartner suche ich mir Hans Meurer aus. Er ist Mythenforscher, hat Bücher über Vampire geschrieben. Über „Alte Geschichte“ und Philosophie ist er zu den Blutsaugern gekommen. Was er zu erzählen hat, ist spannend. Meine Frage rückt ein wenig in den Hintergrund, eine Antwort bekomme ich trotzdem. „Der Vampir wird vielfältiger.“ So wie die Gesellschaft. Diese Phänomen ist ein Interesse von Hans Meurer. Für den Wissenschaftler hat dieses düstere Thema auch einen soziologischen Hintergrund. Er redet weiter, ich höre ihm zu. Und plötzlich sagt er einen Satz, einen ganz zentralen Satz: „Der Vampir ist die gelungenste Projektion unserer Urängste.“

Ist es wirklich das, was die Menschen antreibt? Ist es das, was den Mythos Dracula und der Blutsauger ausmacht? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Und vielleicht ist es gut, dass die Antwort nicht eindeutig ist. Es bleibt Stoff für Diskussionen. Der Vampir bewegt die Menschen, so viel ist mir klar geworden. Der Vampir verändert sich. Er verändert sich, weil die Menschen ihn verändern. Er war immer ein Gesprächsthema, er ist immer noch ein Thema, und er wird es vermutlich auch bleiben. Zum Abschluss will ich noch einmal ehrlich sein: Das Vampirfieber hat mich nicht gepackt. Trotzdem werde ich wieder Ja sagen, wenn mich der Kollege eines Tages ganz unverfänglich fragt: Sag mal, was hast du eigentlich am Wochenende vor? Willst du nicht zum Dracula-Kongress gehen?

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