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Der lange Weg zurück aus der virtuellen Welt

Facheinrichtung Auxilium Reloaded

Mittags, meistens erst gegen Eins, stand Mike auf, pfiff sich irgendetwas Essbares rein, um dann bis in den Morgen mit Computerspielen die Zeit totzuschlagen. Er und Elias sind spielsüchtig. Jetzt entdecken sie durch die Facheinrichtung Auxilium Reloaded in Aplerbeck die reale Welt.

Dortmund

, 25.02.2018
Der lange Weg zurück aus der virtuellen Welt

Eingeschränkter Medienkonsum ist im Auxilium Reloaded möglich, Spiele sind nicht erlaubt. Nur für unser Foto haben Mike und Elias die Hand auf die Maus gelegt. © Stephan Schuetze

Mike ist das, was man hier einen Schlacks nennt, fast zwei Meter groß, sehr, sehr schlank, 25 inzwischen, und Mike heißt auch nicht Mike. So wie Elias, der erst 16 ist, nicht Elias heißt. Beide wollen ihre richtigen Namen nicht nennen, weil beide gerade einen Entzug durchmachen: Aus ihrem alten Leben flohen sie in die virtuelle Welt, weil sie sich unverstanden fühlten, ausgeschlossen von ihrer Familie, von ihren Schulkameraden. Im Auxilium Reloaded in Aplerbeck, dieser therapeutischen Facheinrichtung für Jugendliche und junge Erwachsene mit riskantem Medienkonsum, lernen Mike und Elias wieder die reale Welt kennen. Und schätzen.

Elias wirkt schüchtern. Er sitzt am langen Tisch und erzählt davon, wie er früher in der Schule aneckte. Er sei ein ADHS-Kind, das immer wieder ausrastete und ab der siebten Klasse von den Mitschülern außen vor gelassen wurde. Der Junge mit dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom kam auf eine „Privatschule für Problemkinder“, wie er es nennt, nur wurden die Probleme dort nicht kleiner. Im Gegenteil. Elias saß zu Hause rum, ging ein-, höchstens zweimal im Monat in die Schule, die Eltern, beide berufstätig, kamen nicht an ihn heran.

Eltern waren mit sich selbst beschäftigt

Ihr Sohn spielte, tat nichts anderes mehr, als sich in der virtuellen Welt zu verlieren. Die Interventionen der Mutter und der Lehrer waren zwecklos. Morgens aß er Toast, dann Süßigkeiten, später kam die Mutter von der Arbeit und kochte ihm was. Eltern und Schule nahmen Kontakt auf zum Jugendamt. Über das Jugendamt landete Elias in der therapeutischen Einrichtung der Malteser, dem Auxilium Reloaded. „Eltern resignieren oft, wenn ihre Kinder dem Computerspiel verfallen“, sagt Magnus Hofmann, Psychologe im Auxilium.

Bei Mike beschäftigten sich die Eltern lieber mit sich selbst. Er war erst in der vierten Klasse, nicht mal elf Jahre alt, als die Freunde um ihn herum die ersten Konsolen und PCs bekamen. „Man hat sich getroffen, um im Zimmer zu sitzen und zu spielen.“ Als Mike Erstkommunion feierte, kam so viel Geld in seine Tasche, dass er sich selbst eine Konsole kaufen konnte. Inzwischen lief‘s schlecht zwischen seinen Eltern.

Computerspielsucht ist ein männliches Phänomen

Die Mutter zog zu ihrem Freund, Mike war 16 und blieb beim Vater. Kein Zuckerschlecken, denn dort zog die nächste Partnerin mit eigenen Kindern ein. Als Mike 19 war, hielt er es nicht mehr aus und zog zu einem Kumpel. „Ich wurde für Dinge beschuldigt, die ich nie getan hatte.“ Mike hing nur noch vor dem Computer, spielte und spielte und tauchte kaum in der Förderschule auf. Gut drei Jahre lebte er in einem Heim, begann eine Ausbildung als Pferdewirt, schmiss diese hin, zog zu seiner Mutter, stand nur auf, um zu spielen. Er sagt heute: „Ich bekam nicht mehr mit, wann ich Hunger oder Durst hatte“. Über den ambulanten Betreuer, den Mike damals hatte, holte er schließlich seinen Hauptschulabschluss nach und über eine suchttherapeutische Klinik in Bochum kam Mike ins Auxilium Reloaded.

Elias lebt seit sieben Monaten in der Wohngruppe, gemeinsam mit neun weiteren Jugendlichen und jungen Männern. Computerspielsucht ist ein männliches Phänomen. „Die Spielwelt spricht mit ihren großen Action- und Battle-Spielen eher junge Männer an“, sagt Hofmann. „Mädchen machen lieber etwas Kommunikatives. Betroffene Jungen glauben, sie bekommen ihre Anerkennung nur über die virtuelle Welt.“

Nach der letzten Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) aus dem Jahr 2015 leben rund 270000 Jugendliche in Deutschland, die abhängig sind vom Internet. Ihre Zahl hat sich damit binnen vier Jahren nahezu verdoppelt. Zahlen für Dortmund liegen nicht vor. Die Studie geht bei 5,8 Prozent der 12- bis 17-Jährigen von einer „computerspiel- oder internetbezogenen Störung“ aus. Bei den 18- bis 25-Jährigen liegt der Anteil bei 2,8 Prozent und hat sich seit 2011 damit nicht merklich verändert.

Es gibt große Geschlechterunterschiede

Es gibt große Geschlechterunterschiede: Laut dieser Studie nutzten 84,3 Prozent der Mädchen täglich soziale Netzwerke, bei gleichaltrigen Jungen waren es 77,2 Prozent. Dagegen spielten 36,2 Prozent der männlichen Jugendlichen täglich Computerspiele, bei den Mädchen waren es nur 11,3 Prozent.

Insgesamt sind Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 12 und 25 Jahren durchschnittlich 22 Stunden pro Woche online und das ausschließlich zum Kommunizieren, zum Spielen oder zur Unterhaltung. Das Smartphone spielt mit 77,1 Prozent als Zugangsweg ins Internet die größte Rolle. Für die Studie wurden 2015 rund 7000 Menschen zwischen 12 und 25 Jahren befragt.

Der lange Weg zurück aus der virtuellen Welt

Sport ist eine echte Alternative zur Computerwelt. Im Fitnessraum der Einrichtung erlangen die jungen Männer ganz reale Muskelkraft. © Stephan Schuetze

Für die repräsentative Studie der Krankenkasse DAK „Game over: Wie abhängig machen Computerspiele?“ befragte das Forsa-Institut mehr als 1500 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im September 2016. Die Ergebnisse: Jeder zwölfte Junge oder junge Mann im Alter von 12 bis 25 Jahren ist süchtig nach Computerspielen. Der Anteil der betroffenen Mädchen und jungen Frauen liegt mit 2,9 Prozent deutlich niedriger. Gerade bei den 12- bis 17-jährigen Jungen besteht die Gefahr, dass sie ihren Konsum nicht mehr kontrollieren können. Bis zu 226 Minuten an Wochentagen, das sind knapp vier Stunden, spielten sie

Elias möchte gerne bis zu seinem Realschulabschluss noch eineinhalb Jahre in der Wohngruppe bleiben und dann eine Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau beginnen. Mike lebt seit 14 Monaten in der Einrichtung, hat inzwischen eine „Verselbstständigungswohnung“ bezogen, wie der erste Schritt in die Welt auf eigenen Füßen umständlich heißt, und will Land- und Baumaschinenmechatroniker werden.

Computerspiele sind verboten

Zwei junge Männer mit Zukunftsperspektiven dort, wo sie früher nur Abgründe umgaben. Eine extreme Häutung liegt hinter beiden. Elias war beim Einzug in die Gruppe froh, dass „man hier erst einmal in Ruhe gelassen wurde, zum Eingewöhnen.“ Heute genießt er eine ihm völlig unbekannte Solidarität: „Jeder hier hat das gleiche Problem.“

Computerspiele sind verboten im Auxilium Reloaded, Medienkonsum ist es nicht, aber er ist stark eingeschränkt. „In der Medienkompetenz-Therapie analysieren wir die Spiele, versuchen herauszufinden, was die Jungen am Spielen hält, wie Bestrafungs- und Belohnungsmechanismen innerhalb der virtuellen Welt aussehen und wie sich dies auf die Spieler auswirkt“, sagt der Psychologe. Was folgt, ist ein gründliches Kompetenztraining. Rollenspiele seien ein großer Teil der Arbeit, so Hofmann.

Viele gemeinsame Aktivitäten

Der 35-Jährige ist auch stellvertretender Leiter der Einrichtung und freut sich über das erlangte, neue Selbstbewusstsein von Mike und Elias. „Man kam hierher und es war nicht die bedrückende Stimmung wie in anderen Therapieeinrichtungen“, sagt Mike. Beziehungsarbeit könne man in der Wohngruppe besser wirken lassen. Mike, der erst einmal lernen musste, dass es Sinn macht, morgens aufzustehen, gemeinsam zu kochen und zu essen, sieht aber auch, dass nicht alles einfach war anfangs: „Nur eine Stunde Medienkonsum am Tag, daran sind die Leute erst fast kaputt gegangen.“ Und dann: „Aber das steigert den Ehrgeiz, etwas zu finden, was man mit dem Rest des Tages macht.“

Heute feiert jeder Bewohner im Auxilium Reloaded den neuen Praktikumsplatz seiner Kumpel, freut sich für die Freunde, unternimmt an Wochenenden gemeinsam etwas da draußen in der Welt. Das Team der Einrichtung stellt die Weichen für neue Hobbys, bietet Schnuppertermine im Eislaufen, Basketball-Spielen, Boxen, geht mit den Jungs ins Bergbaumuseum, Kino oder in einen Vergnügungspark.

Werben mit der Sucht

„Von der Außenwelt abgestoßen, wirst du in der Spielewelt akzeptiert. So kamen wir hierher. Jetzt, wo man viel erreicht hat, weiß man, dass man doch in der realen Welt klarkommt“, sagt Mike. Er fährt inzwischen Longboard. Kürzlich war er mit den Auxilium-Jungs auf der Hohensyburg, um in die Ferne zu blicken und das Denkmal anzuschauen. Die Welt zum Anfassen, das gefiel. Elias war auf Heimbesuch. Eine Familienfeier. Er fand‘s toll mit allen zu quatschen. Dies hätte sich der schüchterne Junge, der früher in der Schule oft ausrastete, nicht träumen lassen, damals vor dem PC daheim.

„Du wirst deinen Computer nicht mehr ausschalten“, werben Spielehersteller. Fatal. Für die Wohngruppe Auxilium Reloaded gibt‘s schon Wartezeiten.

In der Facheinrichtung Auxilium Reloaded an der Aplerbecker Straße 456 hilft das zwölfköpfige Team aus pädagogischen Betreuern, Therapeuten und Nachtbereitschaft Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit riskantem Medienkonsum. Dabei steht der Erwerb von Medienkompetenz statt Abstinenz im Vordergrund. Die Einrichtung gibt’s Ende 2018 seit vier Jahren. Rund 40 Bewohner haben sie bisher durchlaufen. Sie bleiben mindestens ein Jahr und sind zwischen zwölf und 16 Jahre alt. www.malteser-auxiliumreloaded.de
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