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Der schwierige Fall von Ludwik vom Borsigplatz

Keine Hilfe für kranken Obdachlosen?

Ein kranker Obdachloser wird von einem Rettungswagen nicht mitgenommen. Krankenhäuser, heißt es dann, wollen ihn nicht aufnehmen. Entrüstung macht sich breit. Doch was geschah wirklich? Eine Spurensuche.

DORTMUND

, 16.09.2017
Der schwierige Fall von Ludwik vom Borsigplatz

Ludwik auf seinem Lager am Borsigplatz. Als Obdachlosen-Helfer Kay Kuhnert ihn fand, war sein gesamter Körper mit einer schweren Schuppenflechte überzogen.

Ludwik kennen sie am Borsigplatz. Dort, an der ehemaligen Sparkasse, hatte er sein Lager aufgeschlagen. Wann genau, ist unklar, aber es muss schon eine Weile her sein, dass er dort mit seiner Matratze ankam. Seit dem vergangenen Sonntag kennen Ludwik noch ein paar Menschen mehr. Der 54-Jährige ist Zentrum einer Entrüstung, die das Gesundheitssystem anprangert.

Hunderte Kommentatoren schimpfen im Internet über unmenschliche Rettungskräfte und natürlich hat es auch nicht lange gedauert, bis folgende These verbreitet wurde und vielfachen Anklang fand: Für Flüchtlinge sei alles möglich, aber ein Obdachloser, der kümmert niemanden.

Kann das so sein?

Ludwiks ganzer Körper war mit abgestorbener Haut überzogen

Unstrittig ist, dass am vergangenen Sonntag ein Rettungswagen für Ludwik gerufen wurde. Der Mann, der das tat, heißt Kay Kuhnert, er ist ehrenamtlich tätig für einen Verein namens „Hand in Hand für Menschen“. Kuhnert sagt später in einem Telefonat, er kenne Ludwik schon länger. Als er ihn einige Zeit nicht gesehen hatte, lief er dorthin, wo er ihn vermutete – zu der Matratze am Borsigplatz.

Da lag dann auch Ludwik, und Kuhnert sagt, was er sah, habe ihn geschockt. Ludwik, der keine Krankenversicherung hat, leidet unter einer starken Schuppenflechte, der ganze Körper sei betroffen gewesen, überzogen von einer zwei bis drei Millimeter dicken Schicht abgestorbener Haut, darunter teils offene Stellen und Entzündungen. Fünf Tage habe Ludwik da so gelegen, sei von Anwohnern versorgt worden, habe aber nicht mehr aufstehen können. Uriniert habe er in Flaschen, Stuhlgang habe er die letzten fünf Tage nicht gehabt.

Kuhnert griff zum Handy. Bei der Feuerwehr ging, sagt diese, der Notruf um 13 Uhr ein, um 13.05 war der Rettungswagen vor Ort.

Seelsorger: "Er sagte, dieser Ort hier sei sein Zuhause"

Daniel Schwarzmann ist Obdachlosenseelsorger in Dortmund, vor rund einem Monat erhielt er eine Mail von einem Polizisten. Es gebe da einen Obdachlosen, der am Borsigplatz auf einer Matratze campiere, ob er sich um den Mann kümmern könne.

Schwarzmann nahm einen Schlafsack mit und jemanden, der Polnisch spricht, Ludwik ist Pole. Er suchte den Mann auf, der Übersetzer übersetzte und am Ende des Gesprächs war klar: Ludwik wollte da gar nicht weg. „Er sagte, dieser Ort hier sei sein Zuhause, hier fühle er sich wohl.“ Schwarzmann weiß heute nicht, ob es richtig war, dem Mann seinen Willen zu lassen, aber was hätte er tun sollen? Ihn gegen seinen Willen irgendwohin bringen?

Feuerwehr: "Es war keine lebensbedrohliche Situation"

Die Rettungswagen-Besatzung entschied dann am vergangenen Sonntag, dass der Obdachlose für sie kein Patient sei. Laut Kuhnert ist von der RTW-Besatzung gesagt worden: „Das tut uns wirklich leid, wir können ihn nicht mitnehmen, er ist ansprechbar und nicht hochgradig alkoholisiert.“

André Lüddecke ist Sprecher der Feuerwehr, er sagt: „Ein Rettungswagen ist zuständig für lebensbedrohliche Zustände – das war hier nicht der Fall.“ Im Einsatzprotokoll ist nachzulesen, dass der RTW um 13.51 ohne Ludwik abfuhr, es wurde aber ein KTW, ein Krankentransportwagen angefordert, der war um 14.26 vor Ort.

Kuhnert sagt, auch der KTW habe Ludwik zunächst nicht mitnehmen wollen. Nach der Androhung, den Fall öffentlich zu machen, habe dann die Besatzung eine Dreiviertelstunde lang die Krankenhäuser mit dermatologischen Abteilungen angerufen. Keines der angerufenen Krankenhäuser in Dortmund habe Ludwik aufnehmen wollen.

Krankenwagen brachte Ludwik in Krankenhaus nach Unna

Die Dermatologie ist das Fachgebiet der Medizin, das sich mit Erkrankungen der Haut beschäftigt – nur diese Ärzte können bei einer solchen Schuppenflechte helfen. Die Erkrankung hat verschiedene Ursachen, vermutlich multifaktoriell, nicht alles ist geklärt. Es gibt verschiedene Behandlungsformen, bei einer derart ausgeprägten Form der Schuppenflechte braucht es eine extrem aufwendige Salbenbehandlung. Stress und Alkohol verstärken die Schuppenflechte und wirken gegen eine Behandlung.

Kuhnert stand dann da, die KTW-Besatzung stand dann da, Ludwik lag dort und, so stellt es Kuhnert dar, als er sagte, dass er erst hier weg gehen werde, wenn Ludwik mitgenommen worden sei, habe der Krankentransporter Ludwik mitgenommen und nach Unna in ein Krankenhaus gebracht. Ohne vorher dort anzurufen. In dem Krankenhaus liegt Ludwik noch heute.

Klinikum: Wir behandeln prinzipiell jeden Menschen

Marc Raschke ist Sprecher des Klinikums Dortmund. Er sagt, sein Krankenhaus behandle prinzipiell jeden Menschen. Die aktuelle Anfrage am Sonntag sei an die Notfallaufnahme gegangen, ein Notfall aber habe laut der Fahrer vor Ort nicht vorgelegen. Weiter dürfe er sich aus Gründen der ärztlichen Schweigepflicht nicht zu dem Fall äußern.

„Allgemein können wir jedoch sagen, dass wir eine Vielzahl von Obdachlosen, die oftmals auch keine Versicherung haben, in unserem Klinikum behandeln – und das auch über längere Zeiträume. Dabei entstehen schnell Kosten in fünfstelliger Höhe, die das Krankenhaus übernimmt. Das Engagement unseres Personals geht dabei nicht selten weit über die rein medizinische Versorgung hinaus.“

Doch die Erfahrungen, die dabei gemacht würden, seien teilweise ernüchternd. „Denn trotz all dieser wiederholten, mehrfachen Mühen verweigern die Betroffenen nicht selten jede Form von Hilfe – und dieser Verweigerung steht man dann als Helfender etwas hilflos gegenüber.“

Viele Zuwanderer haben keine Krankenversicherung

Keine Krankenversicherung zu haben, ist ein häufiger vorkommendes Problem bei Zuwanderern aus EU-Staaten. Wie viele das in Dortmund sind, ist unklar. 2016 erhielt das Sozialamt vor allem von Krankenhäusern 590 Kostenübernahmeanträge für Menschen, die angaben, nicht versichert zu sein.

In 235 Fällen konnte doch eine zuständige Krankenkasse ermittelt werden. In den übrigen 365 Fällen wurde eine Kostenübernahme aus verschiedenen rechtlichen Gründen – meistens wegen der sogenannten „Unaufklärbarkeit des Sachverhalts“ – abgelehnt. Im Klartext: Die Kosten trug meistens das Krankenhaus.

Grauzone der Zuständigkeiten

Der Obdachlosen-Helfer Kuhnert sagt, dass Ludwik aufgrund seiner Erkrankung natürlich ein Notfall gewesen sei. „So, wie er da gelegen hat, würde es doch niemandem auffallen, wenn er wegstirbt.“ Man sei hier in einer Grauzone der Zuständigkeiten, das hätten auch die RTW-Fahrer gesagt.

Feuerwehrsprecher Lüddecke sagt: „Es gibt für die Feuerwehr keine Menschen zweiter Klasse. Aber ein Rettungswagen ist für Notfälle da.“ Obdachlosenseelsorger Schwarzmann sagt, er habe, seit er sein Amt ausübt, nur gute Erfahrungen mit Feuerwehr und Polizei in Dortmund gemacht.

Ludwik selbst liegt im Krankenhaus in Unna. Er hat auch eine Betreuerin, sagt Kuhnert. Doch die sei bisher nicht zu erreichen gewesen. Und vielleicht ist das ein ganz zentraler Punkt.

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