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Diese Pfarrerin übertönte Nazi-Parolen mit Glockengeläut

Interview

Die evangelische Stadtkirchen-Pfarrerin Susanne Karmeier ließ eine provokative Neonazis-Aktion mit Parolen und Pyrotechnik auf dem Turm der Reinoldikirche am Freitagabend (16.12.) mit dem Geläut der Glocken übertönen. Redakteur Peter Bandermann sprach mit der 47-Jährigen über ihre Reaktion.

DORTMUND

, 18.12.2016
Diese Pfarrerin übertönte Nazi-Parolen mit Glockengeläut

Frau Karmeier, wie haben Sie die Aktion von Rechtsextremisten erlebt?

Unsere Viertelsternstunde war gerade beendet, der im Advent mögliche Aufstieg auf den Turm war wieder freigegeben und ich hatte gerade die Sakristei verlassen, als Mitarbeiter gegen 18.40 Uhr von einer Unruhe auf dem Turm berichteten und sagten, dass sich dort jemand verbarrikadiert habe. Irgendwas sei komisch da oben.

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben die Polizei gerufen, nachdem wir keinen Zugang zur Plattform des Turms hatten. Schnell waren Mitarbeiter des Ordnungsamts und die Polizei da. Wieder unten angekommen, sagte einer der Polizisten, der oben auf dem Turm war, dass die Personen oben irgendwelche Parolen rufen würden. Draußen entstand Unruhe. Dann fragte er, ob ich etwas machen könne – da war es dann eine Bauchentscheidung: Wir lassen die Glocken läuten – das war auch das einzig Wirksame, was wir in dem Moment machen konnten. Denn wenn die Glocken an sind, hört unten keiner was. Ich habe einen Mitarbeiter gebeten: Mach so viele Glocken an, wie du anmachen kannst.

Diese Bauchentscheidung hat über das Wochenende im Internet viel Zuspruch erfahren.

Die wahren Helden im täglichen Leben sind ganz woanders. Man hört sie nur nicht so gut, weil sie kein großes Geläut einsetzen können. Gerade in der evangelischen Kirche gibt es so viele Menschen, die an dem Thema arbeiten und sich gegen den Rechtsextremismus stellen. Das Glockengeläut war nur ein Zeichen des Widerstands, das ich setzen konnte.

Rechtsextremisten besteigen den Turm der bedeutendsten Kirche Dortmunds und nutzen seinen Turm an disponierter Stelle für Propaganda – wie geht es jetzt weiter?

Wir lassen diesen Ort von solchen Menschen nicht bestimmen und werden hier jetzt nicht dicht machen. Besucher werden den Turm weiter besteigen können. Denn unsere Kirche ist ein Ort für Menschen guten und friedlichen Willens.

Der Turmaufgang ist noch bis Donnerstag (22.12.) von 18.30 bis 21 Uhr möglich. Die Viertelsternstunden beginnen um 18 Uhr. Die evangelische Kirche prüft, wie sie juristisch gegen die Täter und die Partei "Die Rechte" vorgeht. Für Festnahmen auf dem Turm musste die Feuerwehr eine Tür aufsägen. Die Polizei nahm elf Neonazis vorübergehend fest. Spuren wurden gesichert, der Staatsschutz ermittelt.

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