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Dortmunder Klinik-Gründerin reist im Rollstuhl ins umkämpfte Afghanistan

Karla Schefter

Seit fast 30 Jahren betreibt Karla Schefter ein Hospital in Afghanistan. Nun reist die Dortmunderin erneut ins zweitgefährlichste Land der Welt. Auch wenn sie aktuell im Rollstuhl sitzt.

Dortmund

, 28.08.2018
Dortmunder Klinik-Gründerin reist im Rollstuhl ins umkämpfte Afghanistan

Karla Schefter ist die Gründerin und Leiterin des Chak-Hospitals. Ende August reist sie erneut nach Afghanistan. Die Tatsache, dass sie gerade im Rollstuhl sitzt, wischt sie weg: „Ich sag‘ nicht: ‚Es geht nicht‘, sondern: ‚Wie krieg‘ ich‘s hin‘.“ © Thomas Thiel

Das Chak-e-Wardak-Hospital ist nach deutschen Maßstäben ein kleines Krankenhaus: 77 Angestellte insgesamt, 60 Betten, 8 Ärzte - zum Vergleich: Allein in der Chirurgie des Klinikums Dortmund arbeiten 27 Ärzte. Doch im Chak-Tal 65 Kilometer südöstlich der afghanischen Hauptstadt Kabul könnte seine Bedeutung kaum größer sein: Es ist das einzige funktionierende Krankenhaus der gesamten Provinz Wardak mit ihren knapp 600.000 Einwohnern. Seit Beginn der Klinik-Aufzeichnungen 1994 wurden hier rund 1.5 Millionen Partienten behandelt.

Während Karla Schefter diese Zahlen in ihrer Wohnung im Saarlandstraßenviertel routiniert referiert, schwingt ein bisschen Stolz in ihrer Stimme mit. Schließlich hat die 76-jährige Dortmunderin große Teile der vergangenen 30 Jahre damit verbracht, das Krankenhaus aufzubauen und zu erhalten - und das in einem Land, in dem seit 40 Jahren fast ununterbrochen Krieg herrscht und das aktuell laut einer Rangliste des internationalen Instituts für Wirtschaft und Frieden hinter Syrien das zweitgefährlichste Land der Welt ist. Diese Woche reist die 76-Jährige erneut in das Krisenland.

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Mit Klinik-Gründerin Karla Schefter in Afghanistan

Schefter arbeitete als junge Frau in Brasilien, Amerika und der Türkei

Karla Schefters Afghanistan-Geschichte beginnt 1989. Da stößt sie in einer Fachzeitschrift auf eine Anzeige, in der eine OP-Schwester für ein mobiles Team in Afghanistan gesucht wird. Zu dieser Zeit hat Schefter schon eine beachtliche Karriere hingelegt. Sie arbeitet seit 23 Jahren in den Städtischen Kliniken, baute dort die OP-Abteilung mit auf, ist dort als OP-Schwester Teil des Leitungspersonals.

Doch es zieht sie in die Welt. „Schon als Neunjährige wollte ich einen Forscher heiraten und auf Expedition gehen.“ Als junge Frau reist sie um die Welt, arbeitet als Krankenschwester in Brasilien, Amerika und der Türkei. Nun, mit Mitte Vierzig, entscheidet sie sich für das Abenteuer Afghanistan. Dort sind gerade die Sowjets nach zehn Jahren Krieg abgezogen. Sie hinterlassen ein verwüstetes Land, das sogleich in einen Bürgerkrieg schlittert.

Für ein Deutsch-afghanisches Komitee beginnt sie im März 1989 mit Fördergeldern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft mit dem Aufbau des Krankenhauses im Chak-Tal. Das fruchtbare Tal auf 2400 Metern Höhe ist von den Kämpfen größtenteils verschont geblieben und ist ein Zufluchtsort für die Verletzten der nahen Front. Zuerst versorgen Schefter und ihre Kollegen die Verwundeten und Kranken in einem alten Siemens-Wasserkraftwerk. Operiert wird im Licht von Taschenlampen und Laternen zwischen den alten Turbinen. Für viele Patienten kommt die Hilfe jedoch zu spät.

„Fünf Jahre ohne Auto und Elektrizität, dafür aber mit Plumpsklo“

Die Arbeiten für den Krankenhaus-Neubau beginnen. Es wird 19 Jahre dauern, bis er fertig ist. Die Kollegen aus der Anfangszeit sind bald weg, aber Schefter bleibt, als einzige ausländische Frau unter Afghanen. „Ich habe fünf Jahre das Leben eines Afghanen geführt: Fünf Jahre ohne Auto und Elektrizität, dafür aber mit Plumpsklo“, erzählt sie. Sie reist viel, lernt die Mentalität der Afghanen kennen. Sie nennt sich selbst eine deutsche Kutschi, das Afghanische Wort für Nomaden.

Dortmunder Klinik-Gründerin reist im Rollstuhl ins umkämpfte Afghanistan

Der Krankenhaus-Komplex im Chak-Tal von oben. © Oliver Schaper (Repro)

Die Zeiten, in der sie neun Monate im Jahr in Afghanistan verbracht hat, sind mittlerweile vorbei. Inzwischen reist Schefter nur noch selten dorthin, den Rest des Jahres wohnt sie in Dortmund, hält Vorträge, sammelt Spenden. Das hat auch mit ihrer Gesundheit zu tun. Vergangenes Jahr hatte sie eine Knie-OP, dann kam im März noch ein Mittelfußbruch dazu. Bis auf Weiteres ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Der Physiotherapeut kommt regelmäßig vorbei.

20 größere Anschläge allein in Kabul

Von ihren Besuchen hält sie ihre eingeschränkte Beweglichkeit nicht ab. „Ich sag‘ nicht: ‚Es geht nicht‘, sondern: ‚Wie krieg‘ ich‘s hin“, sagt sie. Der Flughafen in Kabul sei barrierefrei, den Rest der Zeit kümmern sich ihre Mitarbeitern um sie. „Da bin ich besser versorgt als in Deutschland.“

Was ihr mehr Sorgen macht, ist die Sicherheitslage im Land. 20 größere und unzählige kleinere Anschläge mit über 1000 Toten gab es 2017 allein in Kabul. Mitte August eroberten die Taliban große Teile von Ghazni, hunderte Menschen starben. Ghazni ist die Hauptstadt von Wardaks Nachbarprovinz. „Auf dem Basar von Ghazni haben wir immer unsere Vorräte aufgefüllt, das ist jetzt alles zerstört“, berichtet Schefter.

Die Gefahr von Entführungen und Angriffen ist sehr groß

Sie selbst ist mittlerweile bei ihren Aufenthalten im Land bisweilen so etwas wie eine Gefangene - zu ihrem eigenen Schutz. Sie bleibt vor allem in einem Büro in Kabul. Reisen zu ihrem Krankenhaus ins zwei bis drei Stunden entfernte Chak-Tal sind wenn überhaupt nur heimlich möglich, als unangekündigte Tagesbesuche ohne Übernachtung. Zu groß ist die Gefahr von Entführungen und Angriffen. Ausländer sind beliebte Ziele. Mehrere von Schefters Freunden sind in den vergangenen Jahren getötet worden. „Früher wusste man, wo die Front ist“, sagt Schefter, „heute nicht.“

Das Chak-e-Wardak-Hospital hat die kriegsumtosten Zeiten bisher gut überstanden. „Wir sind in all der Zeit politisch unabhängig geblieben, das hat sich rumgesprochen“, meint Schefter. „Nur so konnten und können wir überleben. Wir sind eine medizinische Partei - mehr nicht.“ Nur einmal zersplitterten Fenster, als die Taliban in den Nullerjahren einen nahen Stützpunkt der US-Armee angriffen. Schefter erreichte schließlich, dass die Amerikaner ihren Posten verlagerten.

Dortmunder Klinik-Gründerin reist im Rollstuhl ins umkämpfte Afghanistan

Karla Schefter einem Besuch in Hospital im März 2018. © Thomas Thiel (Repro)

Auch wenn es dieses Mal nicht mit einem Besuch im Hospital klappen sollte - vor Ort zu sein, selbst nur in Kabul, ist wichtig für Schefter, für den persönlichen Kontakt mit ihren Angestellten, für Personalfragen, wichtige Besprechungen. Außerdem fällt beim Besuch auch noch ein Preis ab. Der afghanische Staat will ihr den Masjidi-Khan-Preis verleihen, eine der höchsten zivilen Auszeichnungen des Landes. Es wird die jüngste von vielen Ehrungen sein, die Schefter in ihrem Leben erhalten hat, darunter zwei Bundesverdienstkreuze und ein Bambi.

Schefter hat nicht vor, so schnell etwas an ihrem Engagement zu ändern. Auf die Frage, wie lang sie die anstrengenden Reisen und das zeitintensive Amt noch auf sich nehmen will, reagiert sie gereizt. „Dieses ständige Nachfragen nervt mich“, sagt sie dann. Sie werde das so lange machen, wie sie kann. „Ich kann meinen afghanischen Mitarbeitern einfach nicht sagen: ‚Mir ist egal, was mit euch passiert‘.“

Spenden benötigt:
  • Der laufende Betrieb im Chak-e-Wardak-Hospital kostet jährlich 700.000 Euro und wird zu 100 Prozent aus Spendengeldern finanziert, die über den gemeinnützigen Verein „Kommitee zur Förderung medizinischer und humanitärer Hilfe in Afghanistan“ (CPHA) organisiert werden.
  • Das Spendenkonto bei der Sparkasse Dortmund: CPHA e.V., IBAN: DE70440501990181000090, BIC: DORTDE33
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