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"Erfolg zu planen ist schwierig"

30 Jahre Materna

Das Dortmunder Softwarehaus Materna besteht in diesem Jahr seit 30 Jahren. Wir sprachen mit den Gründern Dr. Winfried Materna und Helmut an de Meulen.

DORTMUND

von Von Bettina Kiwitt

, 14.08.2010
"Erfolg zu planen ist schwierig"

Dr. Winfried Materna und Helmut an de Meulen

Nein. Der Aufbau des Unternehmens war ein kontinuierlicher Prozess. Da gewöhnt man sich dran. Aber wir haben beide 1980 sicherlich nicht daran gedacht, dass wir heute 1300 Mitarbeiter haben und 153 Mio. Euro Umsatz machen.

Ohne die technische Entwicklung hätten wir uns gar nicht so entwickeln können. Als wir angefangen haben, gab es keine PCs, kein Fax, keine Handys, kein Internet. Hätte sich die Technik nicht rapide weiterentwickelt – Internet, Mobilfunk und Web 2.0 – wären wir heute nicht da, wo wir sind. 

Erfolg zu planen ist schwierig. Oftmals sind die Kunden auf uns zugekommen und aus diesen Kundenprojekten ist dann ggf. ein neues Geschäftsfeld entstanden.

: Man kann nicht alles planen. Vieles ist auch Intuition. Und manchmal ist auch jede Menge Zufall im Spiel. 

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Da denk ich gern an das Thema SMS zurück. Der Chef von Mannesmann Mobilfunk kam auf uns zu. Er meinte, ob wir das Geschäft mit SMS für Mannesmann machen könnten. Er könne sich einfach nicht vorstellen, dass jemand Lust hat, viele Tasten zu drücken, um eine SMS zu schreiben. Da würde man doch eher telefonieren. Allein an Weihnachten 1999 wurden über uns 20 Millionen SMS verschickt. Später hat Mannesmann dann das SMS-Geschäft wieder an sich gezogen. Und wir haben über die SMS den Einstieg ins Mobilfunk-Geschäft geschafft. 

Das stimmt. So haben vor über 18 Jahren eine Anwendung für den Zoll im Auftrag der Bundesfinanzverwaltung entwickelt. Das war für uns der Einstieg in den Bereich der öffentlichen Verwaltung, ein Meilenstein. So haben wir mittlerweile mehr als 100 Web-Auftritte für Bundesbehörden umgesetzt. Wir gehören heute zu den Top 5 in Sachen Dienstleistung für die öffentliche Verwaltung. 

Natürlich. Anfang der 90er Jahre wollten wir in die Hardware-Entwicklung einsteigen. Allein für Lizenzen haben wir 800 000 DM ausgegeben. Das war für uns enorm viel Geld. Als wir endlich den Chip entwickelt hatten, hat IBM den Preis für seinen Chip einfach halbiert. Wir sind gescheitert, weil wir uns gegen einen Branchenriesen wie IBM nicht durchsetzen konnten. Aus der Zeit habe ich auch meine grauen Haare. Hardware-Projekte werden wir nie wieder anfassen. Aber mit IBM kooperieren wir. Bei manchen Projekten arbeitet IBM sogar als unser Unterauftragnehmer. 

Schlaflose Nächte nicht. Aber wenn ein großer Auftrag ansteht, fiebern alle mit. Notfalls arbeiten unsere Mitarbeiter für einen solchen Auftrag auch rund um die Uhr.

: Das, was wir von den Mitarbeiter erwarten, haben wir früher vorgelebt. Da haben wir viele Nächte durchgearbeitet. Außerdem sind die Mitarbeiter am Erfolg ihrer Abteilung beteiligt. Das kann das Gehalt erheblich steigern.

(guckt zu an de Meulen): Willst du an die Börse? Ich nicht.

(verschmitzt): Ich bin an der Börse. Ich habe Aktien.

Im Ernst. Der Börsengang ist kein Thema mehr. 

Der Standort ist in Bezug auf das Mitarbeiterpotenzial gehobene Mittelklasse bis untere Spitzenklasse. Was hier fehlt, ist das Kundenpotenzial.

: Es ist schade, dass es uns nicht gelungen ist, große Ansiedlungen nach Dortmund zu holen. In Düsseldorf sind die Japaner und Chinesen.Warum sind die nicht zu uns gekommen? Wir müssen das Ruhrgebiet als Ganzes verkaufen, nicht mit fünf oder zehn verschiedenen Wirtschaftsförderungen.

: Es spielen auch nicht immer rationale Entscheidungen für die Standortwahl eine Rolle. Wichtig ist manchem Unternehmen, dass die Führungskräfte ihre Kinder auf eine internationale Schule schicken können. Oder Düsseldorf hat die Kö, Frankurt die Goethestraße. Vergleichbares hat Dortmund eben nicht. 

Da gibt es keinen Königweg. Wir haben keine Chance ausgelassen, waren uns für nichts zu schade. Das A und O sind Netzwerke. Wir hatten Kontakte zu Siemens und Nixdorf, das hat uns enorm geholfen. Man muss Vertrauen zu den Kunden aufbauen, kontinuierlich gute Arbeit abliefern, verlässlich sein. Insgesamt ist es heute aber schwieriger geworden zu gründen. 

IT ist heute eine ganz normale Industrie, sie hat im Jahr 2000 ihre Unschuld verloren. Heute geht ohne IT gar nichts mehr.

Heute gründen sich die Unternehmen nicht mehr aus ihrem eigenen Urschleim, wie wir das noch getan haben. Das Geld bekommen sie von Dritten. Ich bin seit Jahren in der Jury von start2grow. Da sitzen auch die Fonds am Tisch, beispielsweise die NRW.Bank 

Die ganze Kommunikation hat sich geändert und wird sich weiter verändern. Der Übergang zwischen Arbeit- und Privatleben wird immer fließender.

Es wird keine festen Arbeitsplätze mehr geben, wie das bei IBM schon heute der Fall ist. Die Mitarbeiter gehen mit Notebook und Handy zum Kunden. Viele Mitarbeiter werden überhaupt nicht mehr in ein Büro gehen, kein Bild von der Familie auf einem Schreibtisch aufstellen. 

Ja. Die Gefahr der Entfremdung zum Unternehmen. Es wird schwieriger, die Mitarbeiterbindung an die Firma aufrecht zu erhalten. 

: Man wird Software nicht mehr kaufen, sondern für ihre Nutzung bezahlen. Die Apps sind eine Übergangstechnologie.

E-Commerce wird sich noch viel weiter entwickeln. Warum kann man die BVB-Saisonkarte nicht einfach auf sein Handy laden? Der Anteil der Käufe im Internet wird immer größer werden. ? Die Digitalisierung der Welt wird weiter zunehmen.

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