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Filmpremiere mit Dortmunder Wurzeln auf der Berlinale

„Retablo“: Neuer Film von Menno Döring

„Retablo“ heißt der neue Film des Dortmunder Produzenten Menno Döring und seiner Firma „Catch of the Day Films“. Auf der Berlinale feierte der Streifen nun seine Weltpremiere. Für das gesamte Filmteam waren die Tage ein surreales Erlebnis.

Dortmund

, 25.02.2018
Filmpremiere mit Dortmunder Wurzeln auf der Berlinale

Das Team hinter dem Film „Retablo“ feierte die Weltpremiere diese Woche auf der Berlinale. © Kullmann

Menno Döring steckte zwar in den letzten Tagen tief im Berlinale-Trubel, erschien aber dennoch sehr entspannt zum Gespräch im Sony Center am Potsdamer Platz. Der Dortmunder Produzent, der zusammen mit Lasse Scharpen die Firma „Catch of the Day Films“ betreibt, hat auch allen Grund zur Zufriedenheit. Sein neuer Film „Retablo“ feierte auf der Berlinale Weltpremiere. Und für seinen Film „Blind und Hässlich“ erhielten die beiden Hauptdarstellerinnen noch eine Auszeichnung.

Herr Döring, es läuft gerade gut für Sie in Berlin. Unter anderem wurden die Hauptdarstellerinnen des Dramas „Blind und hässlich“, das Sie produziert haben, mit dem Preis des Verbandes der deutschen Filmkritik ausgezeichnet. Inwiefern ist das auch eine Anerkennung für Ihre Arbeit?

Wir haben mit Tom Lass den richtigen Regisseur für das Projekt gefunden und überhaupt die richtigen Leute an einen Tisch gebracht. Das ist die Aufgabe des Produzenten, so wie ich sie verstehe: Talente zu erkennen und ihnen die Arbeit so angenehm wie möglich zu machen.

Clara Schramm ist tatsächlich blind, Naomi Achternbusch gibt im Film vor, blind zu sein. Gab es im Vorfeld Diskussionen, wie mit dem Thema Behinderung umgegangen werden sollte?

Wir wollten das Thema nicht tabuisieren, das stand von Beginn an fest. Ein riesiger Vorteil war, dass Clara uns die Welt der Blinden näher bringen konnte. Seitdem weiß ich zum Beispiel, wie sehr Blinde unter den Radio-Jingles leiden, die bis zum Gehtnichtmehr wiederholt werden (lacht).

Wann und wie haben Sie von der Auszeichnung der Schauspielerinnen erfahren?

Am Montag, dem 19. Februar. Das Datum werde ich nie vergessen, weil wir am gleichen Tag auch die Premiere unseres Films „Retablo“ in der Berlinale-Reihe „Generation 14+“ gefeiert haben. Das war schon unglaublich: Wir fahren mit einer Limousine vor dem Zoopalast vor, laufen über den roten Teppich und sehen den Film mit 990 Zuschauern. Die anschließende Feier fand in einem Keller statt, wo es keinen Handyempfang gab. Kaum dass wir wieder draußen waren, erreichte uns die Nachricht vom Preis – und die Freude war riesig.

„Retablo“ ist ein Coming-of-Age-Film des peruanischen Regisseurs Álvaro Delgado-Aparicio. Wie ist denn die Verbindung zwischen Dortmund und Südamerika entstanden?

Schon auf der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg, wo ich „Creative Producer“ studiert habe, wurde uns eingebläut, dass Produzenten ihre Fühler in alle Richtungen ausstrecken müssen.

Dazu gehört auch, auf vielen Festivals präsent zu sein, um Kontakte zu knüpfen. Auf dem Palm Springs Festival haben Lasse und ich durch Zufall Álvaro kennengelernt. Vier Jahre später ist das Ergebnis dieser Begegnung auf der Berlinale zu sehen!

Filmpremiere mit Dortmunder Wurzeln auf der Berlinale

Der Film „Retablo“ spielt in Peru in einem abgeschiedenen Bergdorf. Retablo-Meister Noé hält seinem Sohn die Augen zu, weil er sich die Gesichter und Details von etwa 20 Personen merken sollte, und fragt ihn ab, damit sie später aus diesem Moment gemeinsam ein Retablo bauen können. Retablos sind kleine Holzhäuschen, in denen mit Miniaturfiguren Situationen nachgestellt werden. © Filmausschnitt RETABLO / Catch of the Day Films

Eine ziemlich lange Entwicklungszeit.

Das ist nicht ungewöhnlich. Die Idee zu „Retablo“ ist auf dem Sundance Festival von Robert Redford weiter entwickelt worden, hat durch das Rome Film Institute eine Förderung bekommen.

Man holt nach und nach Leute an Bord, die sich überzeugen lassen. Schlussendlich ist auch die Filmstiftung NRW mit eingestiegen.

Worum geht es in „Retablo“?

Um den 14-jährigen Segundo, der in einem abgeschiedenen Bergdorf aufwächst. Sein Vater ist ein bekannter Retablo-Bauer. Retablos sind kleine Holzhäuschen, in denen mit Miniaturfiguren Situationen nachgestellt werden – wie ein Foto-Ersatz. Der Retablo-Meister muss sich jedes Detail genau einprägen, weil er es später mit einer Art Kartoffelstärke nachmodelliert. Das erinnert an 3D-Technik, ist aber filigrane Handarbeit. Und dieses Handwerk soll der Sohn vom Vater erlernen.

Und was ist der Konflikt?

Der Film spielt in einer männerdominierten, chauvinistischen Gesellschaft, in der die Frau zu dienen hat. In den peruanischen Bergdörfern herrschen tatsächlich noch solche archaischen Strukturen vor. Jedenfalls erwischt Segundo seinen Vater während einer Lkw-Fahrt in einer sexuellen Situation, die für den Jungen ziemlich verstörend ist. Mehr will ich nicht verraten!

War es schwer, den Darsteller des Segundo zu finden?

Wir haben lange gecastet. Aber als wir Junior Béjar Roca trafen, war die Suche sofort beendet. Er ist Laie, hat zuvor noch nie gespielt. Sein Rollenvater besitzt ein bisschen Schauspielerfahrung. Die beiden benehmen sich, auch hier auf der Berlinale, wie Vater und Sohn, das ist einfach schön.

Wie erlebt Junior Béjar Roca das Festival?

Das Erste, was der Junge von Berlin gesehen hat, war die Charité-Klinik. Ich habe ihn vom Flughafen abgeholt – es war sein allererster Flug überhaupt! –, und Junior klagte über Beinschmerzen. Ich wollte sichergehen, dass es keine Thrombose ist. Tatsächlich hatte er sich beim Fußballspielen in Peru Blasen zugezogen, die entzündet waren. Die Laune hat er sich aber nicht verderben lassen!

Wie war es auf dem roten Teppich für ihn?

Surreal vor allem. Nach der Vorführung musste Junior Autogramme geben. Er dachte, so was ist den großen Fußballern und Hollywoodstars vorbehalten. Das wird er so schnell nicht vergessen!

Wie geht es für einen Film wie „Retablo“ nach der Berlinale weiter?

Für die Weltpremiere auf der Berlinale sind wir das Risiko eingegangen, ein Festival in London abzusagen. Das hat sich auf jeden Fall gelohnt! Wir haben jetzt einen Weltvertrieb, der Film kann auf vielen weiteren Festivals im Ausland laufen. Mal sehen, ob auch jemand in Deutschland Interesse zeigt.

Warum haben Sie Ihre Firma in Dortmund angesiedelt – und nicht in einer größeren Medienstadt wie Köln oder Berlin?

Ich bin in Dortmund geboren und liebe die Stadt. Schon während des Studiums in Berlin habe ich gemerkt, dass mir die nordrhein-westfälische Mentalität einfach mehr liegt. Und international tätig sein kann man auch von Dortmund aus. „Retablo“ ist der beste Beweis.

Haben Sie auf der Berlinale schon neue Projekte anbahnen können?

Wenn man hier einen Film laufen hat, passieren viele Dinge auf einmal sehr schnell. Viele Leute wollen sich mit dir treffen, Regisseure, Festivalkuratoren, natürlich auch Journalisten. Gerade haben wir eine deutsch-ungarische Produktion ins Auge gefasst, die interessant werden könnte. Es geht also langsam wieder los!

Aus Summerhill Lights wurde Catch of the Day Films 2005 hat Menno Döring die Film-Produktionsfirma Summerhill Lights gegründet. Namensgeber der Firma war der Ort Sommerberg im Stadtteil Holzen in Dortmund. Dort ist Döring aufgewachsen. Die Firma heißt inzwischen Catch of the Day Films und hat zwei Sitze, in Dortmund-Wellinghofen und in Berlin. Menno Döring führt die Firma gemeinsam mit seinem Freund Lasse Scharpen. Der Film „Retablo“ wird nun auf Festivals in der ganzen Welt zu sehen sein. Die Produzenten würden sich freuen, wenn sie einen Sender wie Arte, 3sat oder den WDR für eine Ausstrahlung begeistern könnten.
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