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Gedenken in Dorstfeld: Davidstern sollte Nazi-Propaganda verhindern

November-Pogrome

500 Dortmunder erinnerten in Dorstfeld an das Schicksal der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Gegen Nazi-Propaganda setzte Dortmund zwei große Davidsterne ein.

Dortmund

, 08.11.2018
Gedenken in Dorstfeld: Davidstern sollte Nazi-Propaganda verhindern

Ein Hubsteiger verdeckte vor diesem Wohnhaus mit einem großen Transparent den Blick auf den Wilhelmplatz. In dem Haus wohnen Neonazis. © Peter Bandermann

Über 500 Dortmunder haben am Donnerstag in Dorstfeld an die November-Pogrome in der Stadt erinnert. Am jüdischen Mahnmal in der Arminiusstraße nannten Schülerinnen und Schüler der Martin-Luther-King-Gesamtschule die Namen mehrerer Dorstfelder Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Mit eindringlichen Worten führten sie die 500 Teilnehmer der Gedenkveranstaltung zurück in die Geschichte. Unter ihnen die 17-jährige Sarah Acheampong. „Es ist wichtig, heute in Dorstfeld zu sein, damit nicht vergessen wird, dass die Juden schikaniert und fertig gemacht worden sind. Für die nächsten Generationen darf das nicht ein Teil der Geschichte bleiben. Es muss ein Ereignis sein, das nicht vergessen werden darf.“

Gedenken in Dorstfeld: Davidstern sollte Nazi-Propaganda verhindern

Auch Sarah Acheampong von der Martin-Luther-King-Gesamtschule wirkte mit. © Peter Bandermann

„Wir erlauben uns zu schweigen“

Nicht vergessen – dafür sorgte auch der Rabbiner der jüdischen Gemeinde, Baruch Babaev. Er forderte zu mehr Aufmerksamkeit auf: „Das Problem ist: Wir erlauben uns genauso zu schweigen wie 80 Jahre zuvor. Ist nicht genug Blut geflossen? Muss sich noch einmal wiederholen, was wir erlebt haben?“, fragte er. Es reiche nicht, an die Opfer zu erinnern. „Wir müssen auch die Namen der Täter nennen.“ In diesem Zusammenhang nannte er den Namen der zurzeit inhaftierten Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck. Sie ist Mitglied der Partei „Die Rechte“.

Die Täter von damals wollten in Ruhe altern. Den in der jüdischen Gemeinde in Dortmund heute noch lebenden Opfern fehlten die Worte. Baruch Babaev: „Auch in unserer Gemeinde gibt es noch Menschen, die das alles erlebt haben. Sie können nicht darüber sprechen. Aber es reicht, in die Gesichter und in die Augen zu blicken, um zu wissen, was sie als Kinder erlebt haben.“

Gedenken in Dorstfeld: Davidstern sollte Nazi-Propaganda verhindern

500 Dortmunder nahmen an der Gedenk-Veranstaltung in Dorstfeld teil. © Peter Bandermann

Keine Bequemlichkeit mehr

Bürgermeister Manfred Sauer forderte die Teilnehmer dazu auf, es nicht bei Sätzen wie „Wir akzeptieren nicht, wenn Juden auf beschämende Weise beleidigt werden“ zu belassen. Auch die Haltung „Der Staat muss mit allen Mitteln des Rechtsstaates einschreiten“ reiche nicht mehr aus. Diese Sätze seien wichtig. Aber mit Blick auf die AfD, deren führende Mitglieder den Nationalsozialismus verharmlosten, und mit Blick auf das Aufflammen eines nationalsozialistischen Spuks „müssen wir verstehen, dass es mit jeder Art von Bequemlichkeit endgültig vorbei ist.“ Demonstrationen und Konzerte gegen rechte Gewalt und Antisemitismus reichten nicht mehr aus, um die Demokratie zu verteidigen. Manfred Sauer: „Das bedeutet Arbeit. Das bedeutet tägliches Engagement.“

Gedenken in Dorstfeld: Davidstern sollte Nazi-Propaganda verhindern

Schülerinnen und Schüler erinnerten an die Mordopfer der Nationalsozialisten. © Peter Bandermann

Teilnehmer der Gedenkveranstaltung war auch Polizeipräsident Gregor Lange. „Das war ein würdiges Gedenken“, sagte er nach den Reden. Die vielen Sicherheitsvorkehrungen der Polizei, der Stadt Dortmund und des Veranstalters hätten dazu geführt, dass die Neonazi-Szene ihre „menschenverachtende Propaganda nicht in den Raum tragen konnte.“ Bezirksbürgermeister Ralf Stoltze teilte diese Einschätzung: „Ich bin zufrieden damit, dass unser Gedenken mit mehreren 100 Menschen an einem normalen Werktag eine angemessene Würdigung gefunden hat. Die Störungen hielten sich in Grenzen.“

13 Platzverweise gegen Rechtsextremisten

Tatsächlich waren in Unterdorstfeld wohnende Rechtsextremisten – wie in den vergangenen Jahren – erneut auf Störaktionen aus. Doch sie scheiterten an der Strategie der Polizei. Eine Einsatzhundertschaft und der Staatsschutz waren in den Seitenstraßen unterwegs, um Störer sofort zu stoppen. Die Polizei verteilte 13 Platzverweise an bekannte und auch vorbestrafte Neonazis und drohte vorübergehende Festnahmen mit Fahrt in eine Gefangenensammelstelle an. Vor einem Jahr hatte die Polizei demonstrativ einen Gefangenentransporter mit sechs Zellen abgestellt. In diesem Jahr standen zwei Transporter bereit. Mit Hubsteigern hatte die Stadt vor zwei von Nazis bewohnten Häusern große Transparente mit einem Davidstern platziert, um nationalsozialistische Propaganda verdecken zu können.

Karnevalsmützen und Bier

Die Rechtsextremisten trollten sich, zündeten in einem Hinterhof aber drei lautstarke Böller. Nach der Gedenkveranstaltung setzten sie sich Karnevalsmützen auf und tranken auf dem Wilhelmplatz Bier.

Die Nazi-Szene im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld bildet keine Übermacht. In Unterdorstfeld wohnen etwa 25 Rechtsextremisten.
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