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Hinter den Kulissen der RTL-Doku-Soap

Laien-Schauspielerin erzählt

Real sollen sie sein, nah an den Menschen und deren Problemen – die Doku-Soap Betrugsfälle von RTL. Unsere Autorin war bei einem Casting in Dortmund dabei und wurde kurz darauf für Dreharbeiten der RTL-Serie gebucht. Hier erzählt sie, wie es vor der Kamera abläuft.

DORTMUND

, 19.12.2016

Schrille Schreie tönen aus einem Hotelzimmer. „Was ist denn hier los?“ Irgendwer hat irgendwen betrogen und jetzt fliegen die Fetzen: „Du blöde …“, es schallen Beschimpfungen und Flüche durch den Raum, die es sich weder gehört zu sagen, noch an dieser Stelle aufzuschreiben. Vor dem Zimmer sitzen etwa zehn Leute und lauschen gespannt dem Geschehen hinter der verschlossenen Tür.

„Das sind ja nur Schimpfwörter“, sagt eine Mutter, die mit ihrer Tochter vor dem Zimmer in der ersten Etage eines Dortmunder Hotels sitzt und auf ihr Casting wartet. Ein anderer Bewerber kommt gerade aus dem Hotelzimmer, indem gecastet wird. „Jetzt musst du dich wohl erst einmal von dem Geschrei erholen“, begrüßen ihn die Wartenden.

Statisten für RTL

Die Fernsehproduktionsfirma Norddeich TV sucht Darsteller und Statisten für den Fernsehsender RTL. Die Sendungen Betrugsfälle und Blaulicht-Report sollen gedreht werden. Das sind TV-Formate, in denen fiktive Ereignisse von Laien-Schauspielern nach Regieanweisung gespielt werden.

In den TV-Sendungen geht es zum Beispiel um Seitensprünge in Partnerschaften, geheime Doppelleben und familiäre Streitigkeiten. Und das hört man bereits beim Casting auf dem Flur: Es wird gestritten, beleidigt und geweint – wohl die Art von Pseudo-Realität, die so mancher Fernsehzuschauer am frühen und späten Nachmittag in seinem TV-Programm erwartet.

Bewerber improvisieren bei Casting

Casting-Nummer auf die Brust geklebt, schnell noch ein Foto, ein kurzer Fragebogen zur Person und schon schlüpfen die Teilnehmer in ihre Rollen. Hierzu bekommen sie einen zweiseitigen Waschzettel, auf dem ein altersgerechter Charakter beschrieben ist, den sie zum Besten geben sollen.

Es wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass der Text auf dem Zettel nicht auswendig gelernt werden muss. Vielmehr sollen sich die Bewerber in die Rolle hineinversetzen und vor der Kamera improvisieren. „Das Ganze soll so echt wie möglich rüberkommen“, erklärt eine Casting-Mitarbeiterin. Es würde reichen, wenn die Teilnehmer den Inhalt sinngemäß wiedergeben.

 

Der Ausstrahlung der Sendung im RTL-Fernsehen hat die RN-Autorin mit Freuden entgegengefiebert. Ihr Fazit: Sie würde auch ein zweites Mal als Laien-Schauspielerin bei einer Doku-Soap mitwirken. Foto: Oliver Schaper

 

Das soll wohl heißen, die Casting-Teilnehmer müssen nicht die Beleidigungen verwenden, mit denen manche Waschzettel gespickt sind – sondern dürfen kreativ sein und sich eigene ausdenken. Inhaltlich zeugen die Geschichten der Autoren zumindest selbst bereits von gewisser Kreativität.

Teilweise sind sie ziemlich absurd. Wer kennt zum Beispiel eine Frau, die sich für ihren Freund die Haare blondiert und die Brustvergrößerungen machen lässt, sich für ihn wie eine Prostituierte anzieht, von ihm schlagen lässt und dann erfährt, dass der Freund all diese Dinge nur von ihr verlangt und tut, weil er seine eigene Homosexualität verbergen möchte? Geschichten, die das Leben schreibt, oder ein Fernsehskript.

Zwei Termine der Produktionsfirma für RTL

Auf dem Flur, im Vorzimmer, in der Hotellobby und selbst vor dem Hotel – überall sieht man Leute mit einer Nummer auf der Brust und einem Zettel in der Hand, die eifrig versuchen, sich ihren Charakter einzuprägen. Nach einer schriftlichen Bewerbung per Mail vergibt die Produktionsfirma vorab zwar Termine, damit die Teilnehmer nicht alle gleichzeitig im Hotel auflaufen.

Wann sich die Bewerber der Kamera stellen, bleibt ihnen jedoch selbst überlassen. Manche setzen sich bereits nach fünf Minuten vor das Casting-Zimmer, andere bereiten sich wiederum über eine Stunde auf das Rollenspiel vor. Auch spontane Interessenten dürfen an dem Casting teilnehmen.

Kuss- oder Nacktszenen?

Die Casting-Kandidaten gehen nacheinander in das besagte Hotelzimmer, um eine dieser bizarren Rollen zu spielen. Drinnen erwartet sie eine Mitarbeiterin, die zügig und bestimmt erklärt, wie das Casting verläuft. „Gibt es irgendetwas, was du nicht spielen würdest – Kuss- oder Nacktszenen?“, fragt sie und vermerkt es auf dem Fragebogen, den die Teilnehmer zuvor mit ihren Daten ausgefüllt haben. „Wenn wir dich anrufen, kannst du dann spontan für uns arbeiten oder wie lange brauchst du Vorlauf?“, fragt sie weiter.

Und dann geht’s auch schon los. Erst wird der Körper abgefilmt, danach stellt sich der Teilnehmer vor und spielt seine Rolle. Damit es kein Monolog bleibt, steht die Mitarbeiterin hinter der Kamera und übernimmt den Gegenpart. Das Wichtigste ist, dass die Teilnehmer aus sich herauskommen und Emotionen zeigen. Sie sollen wütend werden und ihren Rollenpartner beschimpfen, der sie betrogen, belogen oder sonst irgendetwas Schlimmes gemacht hat. Es darf aber auch traurig und emotional werden, weil man vom Partner enttäuscht oder verletzt wurde.

„Wenn du auf Knopfdruck weinen kannst, ist das natürlich perfekt“, sagt die Mitarbeiterin. Das „täuschend echte“ Dokusoap-Leben ist glücklicherweise manchmal auch positiv. Ein bisschen fröhlich und glücklich dürfen die Casting-Teilnehmer daher auch noch vor der Kamera agieren. Innerhalb weniger Sekunden sollen sie ihre Stimmung wechseln, damit die Produktionsfirma einen möglichst guten Eindruck vom schauspielerischen Talent der Bewerber erhält.

Bewertung nach dem Casting

Nach ungefähr fünf Minuten ist es geschafft. Die Mitarbeiterin verabschiedet sich mit „Wir melden uns“ und bittet den nächsten Kandidaten herein. Die Bewertung erfolgt wieder auf dem Casting-Fragebogen: Wie sieht der Bewerber aus? Gibt es einen Akzent oder Dialekt? Welchen Eindruck vermittelt der Teilnehmer? Aggressiv, hip, elegant, sexy oder eher zurückhaltend? Für welche Charaktere eignet sich der Kandidat? Sympathisch oder unsympathisch, Opfer oder Täter? Sind bereits TV-Erfahrungen vorhanden? Wie in einem Baukastensystem werden die Kandidaten von den Mitarbeitern bewertet und einsortiert.

Einen großen Teil der Bewerber würde man wahrscheinlich eher vor dem Fernseher als vor der Kamera erwarten. „Kann ich noch eine rauchen?“, fragt ein Typ in einem fleckigen, weißen Unterhemd eine Mitarbeiterin des Casting-Teams. Ein weiterer Mann kommt gerade aus dem Fahrstuhl. Er ist um die 50 Jahre alt, trägt Vollbart und macht mit einer merkwürdigen „Steampunk Western Brille“ auf sich aufmerksam. Das ist eine mit Zahnrädern dekorierte Fliegerbrille mit einem farbigen Glas in dem einen, und einer altmodischen Uhr im anderen Auge. Der Mann trägt sie auf seinem Hut, wie die Protagonisten in dem Film „Wild Wild West“.

Für Extrovertierte: Job als Kleindarsteller

Er füllt seinen Fragebogen aus, lacht unvermittelt laut auf und lässt seine Umgebung wissen: „Natürlich habe ich keine Tattoos.“ Er nehme Marcumar, einen Blutverdünner, ein. Das Blut würde nur so spritzen, ließe er sich ein Tattoo stehen. Man kann auch einfach „Nein“ auf dem Bogen ankreuzen. Aber für einen Job als Kleindarsteller ist es womöglich ja sogar von Vorteil extrovertiert zu sein.

Auch andere potenzielle Darsteller der Pseudo-Dokusoaps ziehen die Blicke durch ihr Verhalten auf sich: Paare, die sich bereits bei der Vorbereitung auf die Rolle streiten, oder Eltern, die ihre Kinder in den Räumen herumtollen lassen. Ob man nicht theoretisch direkt die Kamera draufhalten und sich das Casting sparen könnte?

Rollenbeschreibung im Drehbuch

Etwa einen Monat nach dem Casting in Dortmund meldet sich eine Mitarbeiterin der Casting-Abteilung mit der ersten Drehanfrage. Danach scheint das Telefon nicht mehr still zu stehen. Alle paar Tage ruft ein Mitarbeiter aus der Casting-Abteilung mit einer Anfrage an. Die Mitarbeiter dort lesen sich die Rollenbeschreibungen der Drehbücher durch, suchen in der Casting-Kartei nach geeigneten Darstellern und telefonieren, was das Zeug hält, um die Rollen zu besetzen.

 

Bei den Doku-Soaps vieler privater Fernsehsender stehen Laien-Schauspieler vor der Kamera. So wie hier RN-Autorin Patrica Zernik in einer von unserer Redaktion nachgestellten Szene. Foto: Oliver Schaper

 

Am Telefon gibt es bereits erste Informationen zu den Charakteren und der Abhandlung. Selbstverständlich sei es kein Problem, wenn man an dem geplanten Drehtag keine Zeit hat, versichert eine Mitarbeiterin. Wird ein Dreh jedoch von Darstellern wiederholt zu- und im Nachhinein wieder abgesagt, fliegen die Leute aus der Kartei.

Mit der Drehbestätigung erhalten die Darsteller auch das Drehbuch per Mail. Auf konkrete Textvorgaben wird hierbei, wie schon beim Casting, verzichtet. Die Szenen sind im Fließtext zusammengefasst. Es ist beschrieben, worüber die Akteure reden, wie sie miteinander interagieren und wie sich die Szene dramaturgisch aufbaut.

Das soll den Darstellern dabei helfen, authentisch zu wirken und mit dem eigenen Wortschatz zu arbeiten. Dazu stehen im Drehbuch alle wichtigen Infos zum Leben und zur grundlegenden Haltung der Personen: eine aufgeschlossene, lebensfrohe Frau, die ihren Job sehr ernst nimmt; ein selbstbewusster, charmanter Mann, der wegen Geldproblemen kriminell wird; die hartnäckige beste Freundin, die ihre Freundin verkuppeln möchte.

Für Maske und Kostüm verantwortlich

Auch wenn es in den Fernsehsendungen auf manch kritische Zuschauer anders wirken mag, „es verlangt schon viel ab, sich in eine Rolle hinein zu versetzen“, sagt ein Mitarbeiter der Produktionsfirma. Daher werden „normale Menschen“ als Darsteller gesucht. Ein anderer Mitarbeiter erzählt, er habe bisher nur zuverlässige Leute am Set gehabt.

Zwei Ausnahmen: Eine Mutter sei mal ohne Betreuung mit ihrem Säugling zum Dreh angereist. „Wir haben sie sofort nach Hause geschickt“, sagt er. Einen weiteren Darsteller habe es gegeben, der stark alkoholisiert zum Dreh gekommen sei. Da habe man schnell für Ersatz sorgen müssen.

Diesmal sind aber alle nüchtern und die Dreharbeiten können starten – vorausgesetzt es sind alle da. Das Produktionsteam ist überschaubar: Es gibt einen Aufnahmeleiter, einen Regisseur, zwei Regie-Assistenten, einen Kamera- und einen Tonmann und die Maske. „Die Maske ist aber im Urlaub, ganzjährig“, sagt einer der Produktionsmitarbeiter und grinst dabei. Für Make-Up und Kostüm sind die Schauspieler selbst verantwortlich. Ihre Outfits bringen die Kleindarsteller bis auf ein paar Accessoires selbst von zu Hause mit.

Ein paar Tage vor dem Dreh gibt es hierzu einen Anruf der Kostüm-Abteilung, bei dem jede Szene einzeln durchgesprochen und der Kleidungsstil festgelegt wird. Zwei bis drei Outfits sollten die Darsteller für jede Szene mitbringen. Aber keine karierten Muster und auch Markennamen dürfen nicht zu sehen sein. Selbst bestimmten, was sie vor der Kamera anziehen, dürfen die Darsteller aber trotzdem nicht. Auch das Team am Set darf das nicht entscheiden. Der Regisseur schlägt ein paar Klamotten vor, der Regie-Assistent schickt ein Foto an die Kollegen im Büro und erst, wenn diese das Outfit bestätigen, darf vertont und gedreht werden.

Wenn der Hauptdarsteller fehlt

Es ist 8.30 Uhr, das Produktionsteam ist vollständig, die meisten Schauspieler sind auch da – doch der männliche Hauptdarsteller fehlt. So etwas passiere (am Set leider häufiger), sagt ein Mitarbeiter des Teams. Aus diesem Grund ruft die Casting-Abteilung am Vortag noch einmal an und fragt nach, ob es bei der Zusage für den Dreh bleibe. Aus Hamburg sollte der Protagonist am frühen Morgen anreisen, doch er hat seinen Flug verpasst. Jetzt muss dringend für Ersatz gesorgt werden.

Aber wo bekommt man so schnell einen neuen Kleindarsteller her? Am besten ein Mann Anfang 30, der umgehend zum Drehort kommen kann, zwei Tage Zeit für den Dreh hat und ohne Vorbereitung eine Hauptrolle spielt.

Letztlich erbarmt sich ein Mitarbeiter der Casting-Abteilung. Er unterstützt seine Kollegen bereits zum zweiten Mal vor der Kamera. Und er sei nicht der Einzige, auch andere aus dem Produktionsteam hätten bereits in letzter Sekunde für einen Darsteller einspringen müssen.

Mit Rollennamen ansprechen

„Ihr sprecht euch bitte nur noch mit eurem Rollennamen an“, lautet die Anweisung beim Kennenlernen. Sonst sage man auch vor der Kamera aus Versehen den richtigen, also den falschen Namen. Solche unnötigen Fehler sollen vermieden werden, um Zeit zu sparen. Die gibt es nämlich kaum. Der Drehtag ist von morgens bis abends durchgeplant. Da die Sendungen werktäglich ausgestrahlt werden, müssen wöchentlich fünf Folgen produziert werden.

Die sogenannte „Dispo“ gibt vor, welches Team, welche Szene, an welchem Tag, wann und wo dreht. Daran muss sich jedes Produktionsteam strikt halten. Abweichungen und Verspätungen müssen umgehend den Kollegen im Büro mitgeteilt werden.

 

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