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"Ich möchte mit Worten große Bilder malen"

Wolfgang Hohlbein im Interview

Das Stück "Märchenmond" wird erstmals unter freiem Himmel an der Naturbühne Hohensyburg aufgeführt. Die Buchvorlage dazu schrieb Wolfgang Hohlbein im Jahr 1982. Wir haben den 60-jährigen Erfolgsautor in seiner Wohnung in Neuss besucht

DORTMUND

, 01.08.2014

In einem Reihenhaus in Neuss haben wir den Erfolgsautor Wolfgang Hohlbein besucht – und zwischen Schwertern als Wandschmuck, dunklen Ledermöbeln und allerhand Mittelalter-Deko einen offenherzigen 60-Jährigen getroffen, der über seine Arbeit, seinen Erfolg, seine Vorlieben und die vermurkste RTL II-Doku-Soap anders spricht als erwartet.

Ein Werkzeug. Man kann damit wunderbare Geschichten erzählen, Bilder malen, man kann ganz gute und auch ganz böse Dinge tun; ich glaube, dass Sprache das allerwichtigste Merkmal ist, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Sprache ist das, was man daraus macht.

Wenn ich in einer anderen Zeit geboren wäre, wäre ich wahrscheinlich Filmemacher geworden. Ich bin ein sehr visueller Mensch, bei uns läuft immer der Fernseher, ich geh oft ins Kino, schau mir sehr gern Bilder an...

Am eindrucksvollsten in den letzten Jahren fand ich Avatar, weil es einfach großartige Bilder waren. Und auch eine neue Technik. Ich bin Hollywood-Fan, ich mag diese bunten, großen Bilder.

Ach ja, wissen Sie, das Wort Fantasy ist in den letzten Jahrzehnten in Deutschland so oft missbraucht worden. Alles, was so ein bisschen seltsam ist oder nicht ganz der Realität entspricht, erhält diesen Stempel. Avatar ist ein klassisches Märchen, Gut gegen Böse, und am Ende gewinnen die eigentlich unterlegenen Guten.

Was ist Fantasy? Ich mag das Wort nicht. Viel treffender finde ich das deutsche Wort Fantastik. Daher steht auf den meisten unserer Bücher nicht Fantasy-Roman, sondern Fantastischer Roman. Sprache ist, mit Worten Bilder zu malen. Die Bilder sehen bei jedem anders aus, aber ich hoffe, dass mir das gelingt. Wenn ich beim Schreiben richtig drin bin, dann ist das wie ein Film, der in mir abläuft.

Manchmal schreiben mir Leser, die einen Fehler entdeckt haben. Aber wenn es darum geht, dass Ritter Kunibert vom Pferd fällt und im Steigbügel hängenbleibt, und jemand mir schreibt, zu dieser Zeit gab es keine Steigbügel, dann ist mir das herzlich egal, weil dieser Steigbügel an dieser Stelle für die Geschichte wichtig ist. Das ist doch bei fast allen historischen Romanen oder Filmen so, dass viele Details nicht stimmen. Zum Beispiel war es den einfachen Menschen in Deutschland verboten, bunte Kleidung zu tragen, bunt war dem Adel vorbehalten. Aber in den Filmen sind die Leute quietschbunt angezogen.

Das Unbedarfte – jetzt nehme ich mal den Stift in die Hand und schaue, was morgen Abend auf dem Papier steht – funktioniert nicht mehr ganz so gut wie früher.

Das habe ich vor etwa 15 oder 20 Jahren gesagt, und damals stimmte das auch. Ich habe diesen Spruch danach noch ein paarmal wiederholt, weil ich ihn so witzig fand. Aber diese harte Teilung zwischen Unterhaltung und hoher Literatur ist nicht mehr so vorhanden wie damals.

Leute wie Stephen King haben gezeigt, dass es in der Fantasy-Literatur nicht nur Zombie-friss-mich-auf-Geschichten gibt, sondern auch einfallsreiche Sachen. Ich glaube, dass heute ein Germanistikprofessor in der S-Bahn Stephen King lesen kann, ohne ein Immanuel-Kant-Cover davorhalten zu müssen. Aber ich will unterhalten. Das muss nicht trivial sein. Homer war zu seiner Zeit auch Unterhaltung. Vor einiger Zeit habe ich einen Tatort gesehen, in dem der Kommissar im Koma lag und in seinen Visionen den Fall gelöst hat. Das wäre vor 30 Jahren nicht möglich gewesen. Und im Kino sind fantastische Geschichten die erfolgreichsten Filme.

Finde ich ganz toll, dann werde ich wieder zum kleinen Jungen, der seine Comic-Heftchen liest.

Eigentlich war nichts inszeniert, nur hin und wieder hat der Regisseur gesagt, lass uns das nochmal drehen. Das mit der abgebrannten Küche zum Beispiel ist wirklich so passiert. Und dann haben wir gesagt: Wenn die Küche schon brennt, dann bauen wir das in die Sendung ein. – Zusammenfassung der genannten Folge: Hohlbeins Frau Heike ließ über Nacht den Herd an, schob die Schuld aber auf einen Geist. Die Familie engagierte einen Parapsychologen, um den Geist zu vertreiben. Der fand nichts. Erst überlegten die Hohlbeins umzuziehen, ließen es dann aber bei einer neuen Küche bewenden. –

Der war echt. Es ist schon eine Unterhaltungssendung, Comedy war auch dabei, aber gelogen war gar nichts. Ich habe da keine Berührungsängste. Und ich habe gesehen, dass die Leute bei den viel gescholtenen Privatsendern genauso ernsthaft arbeiten wie woanders. Die haben halt eine andere Herangehensweise.

Ja, und ein anderes Publikum. Es gibt auch Formate, bei denen ich nicht mitmachen würde.

Ja, ganz viele.

Da, wo ich nicht mehr authentisch bin. Und: Ich mache mich gern über mich selbst lustig, aber ich mache mich nicht lächerlich. Ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Ich lache auch gern über andere, wenn die nichts dagegen haben. Aber ich würde nie verletzend werden. Da gab es ein paar Anfragen.

Die Verkaufszahlen sind ja nun mal der einzige messbare Faktor. Neuerdings schaue ich ganz gern in die Downloadzahlen bei E-Books rein und werde ganz nervös, wenn meine Bücher da nicht auftauchen.

Nicht nur. Eine wunderschöne Geschichte ist uns vor vielen Jahren auf der Frankfurter Buchmesse passiert. Eine junge Mutter sagte zu mir: Mein zehnjähriger Sohn will nicht lesen. Ich schenkte ihr „Märchenmond“ auf sechs oder zehn Kassetten. Ein Jahr später war sie wieder da, kam zu mir und sagte: „Die können Sie wiederhaben. Mein Sohn hat die erste Kassette gehört und gesagt: Jetzt will ich das Buch lesen.“

(Lacht) Jedenfalls ist diese Geschichte so schön, die hätte ich mir ausdenken müssen.

Sie sehen ja, dass wir nicht in Sack und Asche leben. Meine Frau und ich, wir mögen Autos, aber wir haben keinen Ferrari. Wir haben auch keine Villa am Wörthersee, obwohl wir die uns vermutlich hätten leisten können. Dass ich mit meiner ganzen Familie hier leben kann, ist der größte Luxus überhaupt. Ich hatte vor vielen Jahren mal vor, mir eine Goldwing zu kaufen, aber da habe ich mir gesagt, ich fahr zweimal im Jahr Motorrad und für fünf Stunden Spaß zigtausend Euro vor die Tür zu stellen, dazu bin ich zu geizig.

Soviel ich weiß, gibt es bisher keine schlechte Inszenierung von der Naturbühne. Und auch wegen der Möglichkeit, das Stück jetzt zum ersten Mal unter freiem Himmel zu sehen.

So schlimm ist das bei mir nicht. Ich werde hin und wieder mal erkannt, aber nicht ständig und überall. Aber wenn jemand anschließend ein Autogramm möchte, bekommt er es auch gern.

Märchenmond ist eine ganz einfache, naive Geschichte, an die ich blauäugig rangegangen bin, und gerade deshalb gefällt sie mir besonders gut. Gut gegen Böse, und am Ende stellt sich heraus, es gibt weder das absolut Gute oder das absolut Böse, und der Trick im Leben ist es, halbwegs die Balance zwischen beiden zu finden. Das ist die Botschaft der Geschichte, und mehr soll’s auch gar nicht sein. Das Musical zu Hohlbeins Buch „Märchenmond“, das ihm 1982 seinen Durchbruch verschaffte, feiert am Freitag (1. 8.) um 21 Uhr auf der Naturbühne Premiere. Die nächsten Termine sind am 2., 8., 9., 15., 16. 8., es folgen weitere. Karten kosten 9 Euro, ermäßigt 8 Euro, Kinder bis 14 Jahre 7 Euro, Kinder bis 3 Jahre sind frei. Reservierungen sind möglich auf Wolfgang Hohlbein schreibt nicht nur Fantasy beziehungsweise Phantastik, sondern auch Abenteuer- und Horrorromane, Science Fiction, historische Romane und Kinderbücher, außerdem Bücher zu den Filmen von Indiana Jones und Fluch der Karibik. Zu seinen erfolgreichsten Buchreihen gehört zum Beispiel Der Hexer von Salem. Er hat bisher mehr als 200 Bücher veröffentlicht. Während eines Jobs als Nachtwächter begann er mit dem Schreiben, auch heute noch schreibt er meist nachts. Woher bekommt er seine Ideen? Das wird Wolfgang Hohlbein am häufigsten gefragt. Seine Antwort: Durch alles mögliche. Alltägliche Situationen, ein Buch, ein Film – oder ein Bild: einmal sah er ein Foto von Venedig, Häuser, die halb im Wasser stehen. Daraufhin schrieb er eine Geschichte: Weil ihre Häuser ständig im Sand versinken, bauen die Bewohner eines Sandplaneten immer neue Etagen auf ihre Häuser. Am Ende, erzählt Hohlbein, haben sie immer nur noch eine Etage – aber unglaublich tiefe Keller.  

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