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"Jugendliche dienen dem IS als Kanonenfutter"

Interview mit Lamya Kaddor

Der selbst ernannte "Islamische Staat" rekrutiert junge in der Gesellschaft gescheiterte Männer für den Krieg. Die Islamwissenschaftlerin und Erziehungswissenschaftlerin Lamya Kaddor erklärt im Interview, warum extreme Gruppen in Deutschland dabei erfolgreich sind.

DORTMUND

, 16.11.2014
"Jugendliche dienen dem IS als Kanonenfutter"

Öffentliches Gebet auf der Kampstraße in der Dortmunder Innenstadt im Februar 2014: Mehrere hundert meist junge Männer folgten einem Aufruf.

Betroffen sind „unsere“ Jugendliche. Ein Kind wächst nicht nur in einer Familie auf, sondern auch in einer Gesellschaft.

Das ist natürlich schön griffig und plakativ, aber zu ungenau. Das „M“ für Migrationshintergrund würde ich als erstes anzweifeln. Einen nicht unerheblichen Teil der Salafisten machen zum Islam konvertierte Deutschstämmige aus.

Die Religion ist zum Beispiel identitätsstiftend. Die Jugendlichen bezeichnen sich als gläubige Muslime, können das aber kaum mit Inhalt füllen. Deshalb haben radikale Islamisten so leichtes Spiel. Die Jugendlichen haben auch keine Vorstellung von einem funktionierenden Staat – Extremisten füllen dieses leere Staatsverständnis auf.

Viele junge Menschen spüren, dass sie in dieser Gesellschaft nicht die gleichen Chancen, nicht das gleiche Ansehen und nicht den gleichen Respekt genießen. Sie erleben Diskriminierung und Demütigung. Über Jahre wird ihnen vermittelt, dass sie den falschen Namen haben, in der falschen Gegend wohnen, die falsche Religion haben. Irgendwann grenzen sich manche selbst ab. Einige stellen sich da die Frage: Wenn schon jetzt alles schlecht läuft – wie soll es dann in den nächsten Jahren sein? Dann kommt einer und sagt: deine Religion ist gut – leg doch noch was drauf.

In salafistischen Gruppen bekommen diese jungen Menschen den Respekt, den sie sonst nicht finden. Wer sehnt sich gerade in der Pubertät nicht nach Achtung? Von den radikalen Salafisten lernen sie: Die Ungerechtigkeit, die dir widerfahren ist, kannst du im Namen Gottes wiederherstellen und selbst dafür sorgen, dass dir Gerechtigkeit widerfährt. Den Gedanken, dass sie dabei ihr Leben aufs Spiel setzen, verdängen viele auch.

Genau das sind sie. In Syrien treffen sie auf Söldner mit jahrelanger Kampferfahrung. Und von diesen Jugendlichen hatten viele vorher noch nicht mal eine Pistole in der Hand. Das ist ihnen aber nicht unbedingt bewusst. Sie denken, sie werden wirklich gebraucht. Diese unerfahrenen Jungs werden dann aber beispielsweise für Selbstmordattentate missbraucht.

Manche nehmen den Tod in Kauf – und hoffen, dass sie anschließend ins Paradies eingehen. Wie Neonazis kann man sie nicht davon überzeugen, dass alle Menschen gleich sind.

Sie muss an all den Stellen, an denen Jugendliche sich aufhalten, die Aufklärung und Sensibilisierung für die Gefahren des Salafismus fördern. Die gesamte Gesellschaft muss viel sensibler werden. Selbst die Familien, deren Kinder bereits als Dschihadisten kämpfen, haben die Entwicklung so spät gemerkt, dass sie dem nichts mehr entgegensetzen konnten.

Moscheevereine müssen sich frühzeitig einbringen. Dafür brauchen wir mehr Bildungsprogramme für Pädagogen, Lehrer, Sozialarbeiter. Ich erhalte täglich Fortbildungs-Anfragen von Schulen, die über Salafismus informiert werden wollen, die lernen möchten wie man Radikalisierungen erkennen kann.

Zunächst einmal haben die Familien versagt. Aber auch die Politik hat versagt. Den meisten Jugendzentren wird immens das Geld gestrichen. Zu wenig Sozialarbeiter können sich um benachteiligte junge Menschen kümmern. Die Sozialarbeiter selbst sind für die vielfältigen Probleme zu wenig sensibilisiert. Wir müssen stärker auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen, die in unserer vom Individualismus geprägten Gesellschaft nur schwer einen Platz finden können.

Es geht um die Gefahren, die vom politischen Salafismus und vom Dschihadismus ausgehen. Und es geht um die Frage, wie die Radikalisierung verläuft: Warum werden die jungen Menschen Dschihadisten und nicht Neonazis? Dafür gibt es Gründe.

Selbstverständlich. Was dort geschieht, ist desaströs. Seit Jahren herrscht das absolute Chaos. Einzelne Milizen bilden sich heraus, und jede stellt absolute Machtansprüche. Es gibt keine funktionierende Zivilgesellschaft mehr. Es geht nur noch ums einfache Überleben.

Ich sehe das kritisch. Ich wünschte mir, dass Deutschland aber auch vor allem die reiche EU insgesamt mehr tun würde – und zwar ungeachtet der Religion. Wir dürfen uns hier keine Unterscheidungen leisten. Denn in Syrien sind alle Religionen gleichermaßen vom IS verfolgt.

So schnell ist er wohl nicht mehr zu bändigen. Zunächst muss seine Expansion gestoppt werden. Das geht nur militärisch. Der Dschihadismus wird uns darüber hinaus noch länger fordern – dafür läuft zu viel schief auf dieser Welt. Gänzlich werden wie Islamismus ebenso wie Neonazitum nie ausmerzen können.

Der Vortrag mit dem Titel „Es geht uns alle an – warum Jugendliche zu Dschihadisten werden können“ beginnt am Dienstag (18. 11.) um 17 Uhr im türkischen Beratungszentrum, Westhoffstraße 22. Veranstalter ist das Interkulturelle Zentrum (Ikuz) der Arbeiterwohlfahrt.
Der Journalist Stefan Laurin vom Internetblog „Ruhrbarone“ moderiert. Anmeldungen zu dem Vortrag unter Tel. 0231 / 99 3 42 03. Veranstaltungspartner der Arbeiterwohlfahrt ist das Jugendamt der Stadt Dortmund.
Lamya Kaddor ist eine Tochter syrischer Einwanderer und stammt aus Ahlen (Westfalen). An der Universität Münster bildete die Islam- und Erziehungswissenschaftlerin islamische Religionslehrer aus. Sie berät Politiker und Multiplikatoren.

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