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Mit Abriss des Karstadthauses geht‘s aufwärts

Gastronomie im Dortmunder Brückstraßenviertel

Jahrelang lag das Brückstraßenviertel in Dortmund im Schatten des leer stehenden Karstadthauses. Das wird nun abgerissen, Händler, Anwohner und Gastronomen atmen auf. Und das Viertel entwickelt sich in eine neue Richtung: An der Brückstraße wächst eine echte Gastromeile heran.

DORTMUND

, 13.02.2018
Mit Abriss des Karstadthauses geht‘s aufwärts

Im Brückviertel treffen sich Schüler und Banker, Kulturinteressierte und Hungrige. © OIiver Schaper

Es braucht keinen sonderlich guten Riecher, um festzustellen: Der letzte Besucher hier drin suchte kein Gespräch, sondern ein stilles Örtchen. Die Telefonzelle an der Gerberstraße im Brückstraßenviertel ist keines der charmanten gelben Häuschen, sondern eins der weiß-grau-pinken Nachfolgermodelle. Innen stinkend, außen hässlich. „Ein Schandfleck“, sagt Christian Weyers, wobei sich seine Miene sogleich aufhellt: Die Zelle kommt bald weg.

Noch glücklicher ist Weyers, 41, der sich für die Stadt ums Brückstraßenviertel kümmert, darüber, dass ein anderer Schandfleck verschwindet: das seit Jahren leer stehende frühere Karstadt-Technikhaus. Dass der Abriss läuft und dort ein Neubau mit Studenten-Appartements entsteht, ist „ein Segen“, sagt Weyers. So jubeln alle Händler, Wirte, Anwohner, die man fragt.

Brückviertel ist „spannender Flecken Erde“

Praktisch erdrückt vom Karstadthaus wurde die dahinter liegende Gasse Hohe Luft, dort ist es dunkel, und sie wurde oft für ähnliche Zwecke missbraucht wie die Telefonzelle.

Auch im Schatten des Karstadthauses liegt die Galerie von Anne Voss in einem Hof an der Gerberstraße: Voss will anlässlich des Abrisses eine Feier veranstalten und Fotografien der Bauarbeiten zeigen. Sie sagt über das Brückviertel mit Kultur-Institutionen wie Domicil und Konzerthaus sowie hoher Gastro- und Kneipendichte: „Ich finde diesen Flecken Erde spannend.“

Studenten sollen Schub in das Viertel bringen

Er scheint noch spannender zu werden. Denn von dem Neubau mit Platz für 430 Studenten „erhoffen wir uns für das Viertel einen Schub“, sagt Weyers, der offiziell Leiter der Stabsstelle Brückstraßenquartier ist. Er möchte aber den Namen Brückviertel etablieren – weil es nicht nur um die Brückstraße, sondern auch um die umliegenden Straßen geht.

Mit Abriss des Karstadthauses geht‘s aufwärts

Das alte Karstadt-Technikhaus am Eingang zur Brückstraße wird abgerissen und soll Studenten-Appartments weichen. © Oliver Schaper

Im Sommer soll es eine neue Internetseite geben, auf der das Viertel, dessen Händler, Gastronomen und Kultureinrichtungen zu finden sind. Die Online-Präsenz soll mehr Aufmerksamkeit und Publikum bringen. Zudem müsse man die Eingänge ins Viertel sichtbarer machen, sagt Weyers. Auch für die Gäste, die aus Richtung des Burgwalls kommen: Dort hat sich neben dem Hotel Esplanade im vorigen Jahr ein B&B-Hotel angesiedelt, für 2019 plant die Marke Leonardo die Eröffnung eines Hotels.

Zig Gastro-Neueröffnungen

Ob Hotelgäste, Konzertbesucher oder Studenten: Sie finden im Brückviertel mehr und mehr Schnellrestaurants vor – aber nicht „nur Dönerläden“, wie lange kritisiert wurde. In Kürze startet an der Brückstraße ein „Mexican Grill“, gegenüber hat Avo & Cado (Salate und Panini) eröffnet.

Einige Schritte weiter wird „Iss so“ (Hähnchen) aufmachen, noch etwas weiter gibt‘s bald den kanadischen Snack Poutine: Pommes mit Käsestücken und Bratensoße. An der Ecke Brück-/Gerberstraße ballen sich mit dem Kartoffel-Lord (Vegetarisches, etwa Ofenkartoffeln), Pan-Pizza und Baguette-Läden ohnehin beliebte Imbisse. Food Brother (Burger) will sich an der Gerberstraße sogar noch aufs Nachbarlokal erweitern.

„Wok-Man“ eröffnet nicht wieder

Über kurz oder lang wieder zu einer Gastronomie werden soll auch das Ladenlokal, in dem bis Mitte 2017 der „Wok-Man“ saß: Dann wurde der chinesische Imbiss von der Stadtaus Hygienegründen geschlossen. Mit einer Neueröffnung wurde es nichts, das Mietverhältnis wurde aufgelöst, sagt Dennis Riebeling vom Vermieter Terrania AG.

Derzeit stehen Container vor dem Gebäude, dazu sagt Riebeling: „Das Gebäude wurde komplett renoviert und gereinigt und ist jetzt frei von Schädlingen.“ Das Ladenlokal, in dem einst die Kette Nordsee ihr erstes Dortmunder Lokal eröffnete, sei als Gastrofläche genehmigt, sagt Riebeling – als solche solle sie bald auch wieder genutzt werden: „Ich würde mir dort wieder ein asiatisches Lokal wünschen.“

Vom Schüler bis zum Banker

Kurzum, sagt Kunde Oliver Gerke: „Wenn man was essen will, geht man ‚inne Brück‘. Da findet man eine gute Auswahl und muss sich auch im Freundeskreis nicht auf das geringere Übel einigen.“ Die Vielfalt sorgt laut Christian Weyers dafür, dass vom Schüler bis zum Banker alle in die Brückstraße kommen.

Mit Abriss des Karstadthauses geht‘s aufwärts

Viele neue Schnellrestaurants machen an der Brückstraße auf - so wie dieser Mexikaner. © Michael Schnitzler

Stimmt, sagt etwa ein Mitarbeiter der Dortmunder Volksbank: Im Brückviertel sei „ein tolles Angebot entstanden, da gehen viele aus der Bank in der Mittagspause hin“. Weyers geht davon aus, dass sich die Entwicklung der Brückstraße zur Gastronomiemeile noch fortsetzt, und er sagt: „Das Brückviertel geht wieder in Richtung Amüsierviertel: Musik, Kultur, Gastronomie.“

Kultur holt mehr Besucher ins Quartier

Musik gibt‘s im Konzerthaus, im Orchesterzentrum und in der Chorakademie, genauso im Domicil, im Spirit und im Bierkönig. „Dieses Nebeneinander von musikalischen Akteuren ist ganz toll“, sagt Dr. Constanze Müller, Verwaltungsdirektorin des Orchesterzentrums. Mit kostenfreien Konzerten ziehe ihr Haus auch Besucher an, die kein Geld für Konzerte haben, sagt Müller.

Und auch die Studenten des Orchesterzentrums aus aller Welt „beleben die Straße noch einmal“.Dieses Leben spüren auch die Kneipen, ob es Chill’R, Hirsch-Q, Die Schenke oder Zum Schlips ist – Letzterer ist beliebter Anlaufpunkt zum Beispiel für die Besucher der Schauburg vor oder nach dem Film. Chill’R-Inhaber Matthias Strasser sagt: „Wir merken einen Aufschwung, bei uns läuft es sehr gut.“

Verträgt die Brückstraße noch mehr Gastronomie?

Es stellen sich zwei Fragen, erstens: Verträgt die Brückstraße noch mehr Gastronomie? Ja, meint Quartierskümmerer Weyers. Und Strasser sagt: „Umso mehr bei uns passiert, desto besser: Konkurrenz belebt das Geschäft.“

Frage zwei: Was passiert mit dem Handel? Größter Immobilieneigentümer im Viertel ist die Terrania AG. Sie erhalte derzeit kaum Anfragen von Einzelhändlern nach Ladenlokalen, erzählt Dennis Riebeling vom Dortmunder Terrania-Büro. Seine Erklärung: „Früher war die Brückstraße für junge und preiswerte Mode bekannt – jetzt ist es bei Primark und anderen billiger.“ Es gibt noch Mode-, Schuh- und Accessoires-Händler, und „es werden immer Händler auf der Straße sein und bleiben“, sagt Riebeling. Aber eben weniger.

Mode-Läden werden weniger

Alteingesessen ist die Boutique von Rouven Schwarze. Der bedauert zwar den Weggang mancher Läden wie der Damenboutique Macao im vergangenen Jahr, sagt aber: „Für uns funktioniert es hier, weil wir uns einen Namen gemacht haben und viele Stammkunden haben.“

Nach schwierigen Jahren infolge der Thier-Galerie-Eröffnung laufe es seit einem Jahr wieder besser. Und Schwarze sind gut funktionierende Gastro-Konzepte in der Nachbarschaft lieber als Billig-Konkurrenz und Leerstände.

Billigläden schadeten dem Image

So sieht es auch Brückviertel-Gänger Dennis Gottschalk: „Mit der Thier-Galerie und dem Auszug von Karstadt kamen mehr und mehr Billigläden dazu und das Image verschlechterte sich.“ Er mag die jetzige Entwicklung.

Ein Sorgenkind für Terrania ist noch das kaum vermietete Brückcenter. Es gebe, sagt Riebeling, aber „ein interessantes neues Gesamtkonzept“. Vielleicht tue sich noch 2018 etwas. Die Entwicklung im Brückviertel geht weiter.

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