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Notaufnahmen sollen Patienten in nur zwei Minuten einstufen

Neue Regelung ab 1. April

Drohen den Ärzten in den zentralen Notfallambulanzen bald Anzeigen von Patienten wegen unterlassener Hilfeleistung? Nach einer neuen Regelung haben sie künftig ganze zwei Minuten Zeit, um zu entscheiden, ob der Patient im Krankenhaus behandelt werden muss - alles, was darüber hinaus geht, zahlen die Krankenkassen nicht.

DORTMUND

, 29.03.2017
Notaufnahmen sollen Patienten in nur zwei Minuten einstufen

Immer wieder kommen auch Patienten mit kleineren Wehwehchen in die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Das führt zu längeren Wartezeiten.

Zum Hintergrund: Wie mehrfach berichtet, platzen die zentralen Notfallaufnahmen (ZNA) der Krankenhäuser seit Jahren aus allen Wänden. Im Wartebereich sitzen immer mehr Patienten, die definitiv keine Notfälle sind. Die Rede ist sogar von knapp der Hälfte der Patienten. Für die Kliniken ist die Versorgung von angeblichen und echten Notfällen ein Zuschussgeschäft. Sie erhalten von den Krankenkassen pro Fall eine Pauschale von etwa 30 Euro – bei Kosten von mindestens 100 Euro.

Die neue Abklärungspauschale sieht für den Kurz-Check des Patienten 4,74 Euro am Tag und 8,42 Euro in der Nacht vor. Das entspricht dann einer Arzt-Zeit von 120 Sekunden. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft läuft Sturm gegen den aus ihrer Sicht "Skandalbeschluss von Gesetzlicher Krankenversicherung und Kassenärztlicher Bundesvereinigung."

Nach "Dringlichkeit" sortiert

In den Dortmunder Notfallambulanzen werden Patienten schon lange nach "Dringlichkeit" sortiert. Das sorgt immer wieder für Aufruhr in den Wartezonen. Jeder Patient hält sich selbst für den dringlichsten Fall. So mussten schon mehrfach Polizisten in der Unfallklinik eingreifen. Der Vater eines Kindes mit Platzwunde am Kopf hatte dort einmal die halbe Besucher-Toilette auseinandergenommen, nur weil er glaubte, die Wunde sei nicht schnell genug versorgt worden.

Am Klinikum Dortmund greift seit Jahren das "Triage"-Verfahren (Einteilung). Das heißt, alle Hilfesuchenden in den zentralen Notfallaufnahmen werden nach Krankheitsschwere eingestuft, um akut Erkrankten die Behandlung möglichst ohne Zeitverlust anbieten zu können. Dazu gibt es eine farbliche Einteilung.

Wartezeit von 10 bis 120 Minuten

"Sehr dringend" bedeutet maximal zehn Minuten Wartezeit, "nicht dringend" 120 Minuten. Letztere Patienten müssten nach der neuen Abklärungspauschale abgewiesen werden. Dabei hat es das Klinikum leicht. Die hausärztliche Notfallpraxis, unterhalten von der Kassenärztlichen Vereinigung, liegt gleich neben der ZNA am Standort Klinikum Mitte an der Beurhausstraße.

"Ärger lässt sich aufgrund der Einteilung leider nie ganz vermeiden", sagt Klaus-Peter Wolter, Sprecher des Klinikums Westfalen. Zu dem Klinikverbund gehören die Knappschaftskrankenhäuser in Brackel und Lütgendortmund. In Brackel saß vor Kurzem Raphael Müller mit seiner Mutter. Er schrieb an die Redaktion: "Wie kann es sein, dass Patienten in einem Krankenhaus vier bis fünf Stunden warten müssen, obwohl man denen ansieht, dass es ihnen echt sch... geht?"

"Sie sackte langsam in sich zusammen"

Seine Mutter hatte einen extrem erhöhten Blutdruck mit Werten von 215 zu 121 (normal wäre 120 zu 80). Sie klagte über Kopfschmerzen und Schwindel und bekam immer wieder gesagt, sie käme gleich dran. "Meine Mutter war nicht die einzige Patientin, der es so schlecht ging im Warteraum, da waren noch zwei, drei andere Personen. Eine sackte schon langsam in sich zusammen", berichtet Müller.

Zum Fall möchte sich das Krankenhaus aus Datenschutzgründen nicht äußern. In einer Stellungnahme heißt es nur: "Grundsätzlich ist es möglich, dass in der Notaufnahme wegen der Behandlung nach Dringlichkeit und nicht nach Ankunftszeit, bei der Häufung von zu behandelnden Patienten mit schweren Erkrankungen verlängerte Wartezeiten auftreten."

60 bis 80 Notfallpatienten

Die ZNA am Knappschaftskrankenhaus Brackel versorgt am Tag im Schnitt 60 bis 80 Notfallpatienten, die mit dem Rettungsdienst, vom Hausarzt/hausärztlichen Notdienst oder als Selbsteinweiser kommen. Untersuchungen ergaben, dass Menschen oft an Wochenenden und nach Feierabend der niedergelassenen Ärzte die Ambulanzen aufsuchen – auch, weil sie wegen eigener Berufstätigkeit in der Woche nicht zum Arzt gehen.

Nicht selten sitzen Patienten mit Bagatellerkrankungen wie Erkältungen im Wartebereich der ZNA. Sie müssten nach Feierabend ihres Arztes den hausärztlichen Notdienst bemühen. Infos unter der kostenlosen Rufnummer 116117.

Mit diesen Symptomen sind Menschen ein Notfall: akute Atemnot, akut auftretender Brustschmerz, akute Blutungen, Verdacht auf Knochenbruch, Ohnmacht oder Bewusstseinsstörung, Lähmungserscheinungen, plötzlicher Sehverlust. Dann den Notruf 112 wählen!

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