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Rüpel-Mufflon Hermann wurde narkotisiert

Umzug nach Salzwedel

Die Geschichte um Rüpel-Mufflon Hermann hat vorerst ihr letztes Kapitel geschrieben. Am Sonntag wurde das Tier von Schütze Heino Krannich narkotisiert. Unser Autor war bei der letzten Etappe dabei.

DORTMUND

, 21.05.2017
Rüpel-Mufflon Hermann wurde narkotisiert

Heino Krannich mit dem etwas derangierten Hermann.

Als der Pfeil mit dem Narkosegift um kurz nach sechs an diesem prächtigen Sonntagmorgen aus einer Entfernung von 12, vielleicht 13 Metern verschossen ist, beginnt Mufflon Hermann, langsam zu taumeln. Er setzt sich zunächst auf die Hinterläufe, dann legt er sich hin. Und so beginnt der Anfang vom Ende einer Geschichte, die Ilse Keinitz und ihren Mann Manfred Ninnemann ein knappes Jahr beschäftigt hatte. Es geht in ihr um das Wildschaf Hermann, das sich – warum auch immer –, diesen Garten an der A 45 als Lebensmittelpunkt ausgesucht und entsprechend benommen hat. 

„Zuletzt hat er sich das Wasserfass und den Strandkorb vorgenommen.“ Sagt Frau Keinitz. Das Wasserfass ist geborsten und der Strandkorb sieht aus wie entkernt. Aber nun liegt er da, der Hermann, neben dem Baum, an den ihm mit einem dicken Seil ein Stück Baumstamm gehangen wurde, auf dass er sich an dem austobe. Was er auch getan hat. Mit der Betonung auf dem auch.

Dreitagebart, Kippe und CO2-Gewehr

Als Hermann am Boden liegt, steht der Schütze Heino Krannich an einer Hausmauer und zündet sich eine Zigarette an. So steht er da, mit Dreitagebart, Kippe und CO2-Gewehr, und seine Warnung wirkt sehr authentisch: Jederzeit könne das Tier wieder auf die Beine kommen. Was, würde er auf den Autobahnzubringer laufen, fatal enden könnte: Zwar ist der gerade gesperrt. Doch die Polizisten, die das tun, hätten angekündigt, nicht zu zögern und von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.

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Die vorerst letzte Geschichte von Mufflon Hermann

Am Sonntag wurde Mufflon Hermann narkotisiert. Jetzt wird er nach Salzwedel gebracht. Wir waren beim letzten Kapitel mit der Kamera dabei.
21.05.2017
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Eindrücke von Mufflon Hermann.© Foto: Tobias Großekemper
Eindrücke von Mufflon Hermann.© Foto: Tobias Großekemper
Eindrücke von Mufflon Hermann.© Foto: Tobias Großekemper
Eindrücke von Mufflon Hermann.© Foto: Tobias Großekemper
Eindrücke von Mufflon Hermann.© Foto: Tobias Großekemper
Eindrücke von Mufflon Hermann.© Foto: Tobias Großekemper
Eindrücke von Mufflon Hermann.© Foto: Tobias Großekemper
Eindrücke von Mufflon Hermann.© Foto: Tobias Großekemper
Eindrücke von Mufflon Hermann.© Foto: Tobias Großekemper
Eindrücke von Mufflon Hermann.© Foto: Tobias Großekemper

Im Juni vergangenen Jahres tauchte das Tier zum ersten Mal auf, da war es lediglich originell, so etwas regelmäßig im Garten stehen zu haben. Dann mutierte Hermann zum Rabauken, der er bis jetzt war. Weil der Garten an der Autobahn liegt, wollten Tierfreunde von der Tierschutzorganisation Arche 90 das Tier schon ab November einfangen lassen. Doch da legte die Stadt ihr Veto ein.

Erstens verletzt das „Einfangen und Versetzen von Wild“ das Jagdrecht und ist nach § 292 StGB eine Straftat. Zweitens wollte die Stadt einen Präzedenzfall vermeiden: Denn wenn ein Wildschaf eingefangen werden kann, weil es in einem Garten nahe einer Autobahn lebt, müsste mit der Logik dann nicht auch jedes Reh, das neben einer Autobahn steht, eingefangen werden?

Online-Petition sollte das Tier retten

Ein Gezerre setzte ein, eine Online-Petition sollte das Tier retten aber letzten Endes schafften das seine Klauen: Mufflons in ihrem ursprünglichem Lebensraum kraxeln für gewöhnlich durch Gebirge, an den Steinen schleifen sich ihre Klauen ab. Steine aber hat es hinten an der Wittbräucker Straße nicht viele und so bekam das Tier ein klassisches Problem, dass Mufflons in Deutschland haben: Viel zu lange Klauen. Damit galt Hermann als krank, das Jagdrecht war außer Kraft gesetzt. „Nochmal“, sagt Manfred Ninnemann, „würde ich deswegen nicht zum Telefon greifen. So ein Theater.“

Heino Krannich stellt sein Gewehr an die Hauswand. Was in dem Pfeil ist? „Ein Narkosemittel.“ Und welches? „Da spricht man nicht drüber, ich habe aktuell sieben Anzeigen laufen.“ Er habe, sagt er noch, Feinde. Dann geht er das Tier holen. Erst trägt er Hermann, dann stellt er ihn hin und hält ihn an einem Horn fest. Heike Beckmann von der Arche 90 fasst mit an, und so ziehen und zerren sie ihn rund 100 Meter weit zu einem Parkplatz, auf dem Krannichs Wagen steht.

Die Feinde von Heino Krannich sind, so sieht er das, Naturschützer oder Menschen, die sich dafür halten. Seine Homepage hat den Werbespruch „Tierschutz im Visier“. So richtig sprechen will der ehemalige Obertierpfleger des Wildparks Lüneburger Heide nicht über seine Feinde. Richtige Neider habe er aber auch. Und die hätten bereits versucht, seinen Hund zu vergiften. Ansonsten habe er „schon eigentlich alle Europäer, Wisente, Kühe, Bisons, auf die Seite gelegt“.

Kühe? Nun, die würden ja auch weglaufen. Auf seiner Narkosegewehr-Abschussliste stünden im Moment aber vorrangig Hunde. Genauer streunende Straßenhunde aus Südosteuropa, von Tierfreunden aus Mitleid hierher gebracht. Die würden dann weglaufen und schließlich zu „Straßenwölfen“. Richtig schlaue Tiere seien das, schwer zu stellen.

Hermann zieht nach Salzwedel

Hermann liegt am Pick-Up von Krannich, Frau Beckmann hält ihn, wie geheißen, weiterhin fest. Und nachdem jemand vom städtischen Veterinäramt, der plötzlich auch da ist, dem Tier Blut abgenommen hat, geht es an die Klauen. Erst mit einer Gartenschere, dann mit einem kleinen Messerchen. Dicke dunkle Späne werden abgehobelt und Krannich sagt, dass wenn Hermann wach wird, er sich erst einmal an seine neuen Schuhe gewöhnen müsse.

Er wird sie in Salzwedel ausprobieren, das liegt ein Stückchen nördlich von Wolfsburg in der Nähe der ehemaligen innerdeutschen Grenze, knapp 360 Kilometer von Dortmund entfernt. Dort soll Hermann, nachdem er in einer geräumigen Kiste zum wahrscheinlich ersten und letzten Mal über eine Autobahn gefahren ist, mit einer anderen Herde leben.

Wie er sich da einlebt, wo er überhaupt herkam, warum er Einzelwidder wurde – all das ist unbekannt oder noch unbekannt. Heike Beckmann von der Arche 90 sagt, sie „freut sich tierisch“, dass das alles geklappt hat. Die Arche 90 trägt die Kosten, die dieser Tag mit sich bringt. 1000 Euro dürften es werden. Die Anwohner freuen sich, dass die Kinder und Enkelkinder wieder im Garten spielen können. Frau Keinitz findet, dass „es eine schöne Zeit war. Aber jetzt ist es auch gut, dass es vorbei ist.“ Was man so sagt, wenn etwas zu Ende geht und dann eben doch zwei Herzen in einer Brust schlagen.

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