Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Schutz vor Lärm und Rasern: Wall nachts nur einspurig?

Raser in der Dortmunder Innenstadt

Am Tag der Verkehrssicherheit kommen Polizei, Tuner und Anwohner in der „Boxengasse“ am Ostwall ins Gespräch. Unterschiedliche Interessen prallen aufeinander. Raser kommen im Gespräch nicht gut weg. In einer Frage sind sich alle einig.

Dortmund

, 17.06.2018
Schutz vor Lärm und Rasern: Wall nachts nur einspurig?

Simon Herder bittet darum, zu differenzieren: zwischen friedlichen Tunern, lärmenden Posern und gefährlichen Rasern. © Peter Bandermann

Am bundesweit organisierten „Tag der Verkehrssicherheit“ hatte die Polizei am Samstag zum Dialog in die „Boxengasse“ am Ostwall in der Dortmunder Innenstadt eingeladen. Das ist der Ort, den eine friedliche Tuner-Szene als Treffpunkt etablieren will. Das ist der Ort, an dem „Poser“ mit dröhnenden Auspuffanlagen vorbeifahren,, „um einen auf dicke Hose zu machen“, wie Tuner Simon Herder (30) aus Dortmund erklärt. Das ist der Ort, an dem Raser bei illegalen Rennen vorbeifliegen und gesehen werden wollen.

In Fachgesprächen über Pkw-Umbauten und das Verkehrsrecht kommen Tuner und Polizisten nicht zusammen. Tuner fühlen sich gegängelt. Dass die Polizei ihnen mit intensiven Kontrollen und einer hohen Trefferquote auf die Nerven geht, wird in ruhiger Gesprächsatmosphäre deutlich. Anwohner äußern ihren Unmut über den unerträglichen Lärm nachts und in den Morgenstunden. Sie wollen keine Kompromisse, sondern ihr Recht auf Ruhe durchsetzen.

In einer Frage sind sich die Beteiligten der intensiven Diskussion jedoch einig: Um Raser und Poser zu stoppen, müssen drastische Mittel her - Polizisten, Anwohner und Tuner bringen ins Gespräch, den Wall in den Abend- und Nachtstunden nur einspurig befahren zu lassen.

Schutz vor Lärm und Rasern: Wall nachts nur einspurig?

Diskussion zwischen Polizisten, Anwohnern und Tunern auf dem Ostwall in Dortmund. © Peter Bandermann

Neu ist die Idee nicht. Schon in den 1990er-Jahren hatte die Stadt Dortmund zwei Spuren des Ostwalls abgeriegelt, um die damalige Raserszene zu bremsen. Dass die Anwohner auf dem Zahnfleisch gehen, verdeutlichte im Gespräch in der Boxengasse ein Familienvater, der aus Angst vor Vandalismus an seiner Privatanschrift seinen Namen nicht nennen möchte: „Selbst bei geschlossenem Fenster ist an Schlaf nicht zu denken“, sagte der Anwohner des Schwanenwalls. Eine Ostwall-Nachbarin pflichtet bei: „Im Sommer nachts das Fenster auf? Hier nicht.“

Tuner - Poser - Raser

Tuner Simon Herder hat Verständnis für die Anwohner-Beschwerden und bittet die Bürger darum, zwischen friedlichen Tunern, für die das Auto ein Hobby ist, und den lärmenden Posern und gefährlichen Rasern zu unterscheiden. „Wir sind die Leute, die sich am Wochenende treffen, ihre Autos zeigen und miteinander reden möchten“, sagte Simon Herder, „und wir werden von diesen Typen genauso angepöbelt wie die Polizei oder Sie als Anwohner.“ Knallende Auspuffanlagen oder Burnouts mit durchdrehenden Reifen und laut Simon Herder „idiotische Raser“ würden nachvollziehbar zu Beschwerden führen. Der Tuning-Treffpunkt am Ostwall würde sich schnell auflösen, wenn die Szene einen anderen Treffpunkt ansteuern könnte und es keine Verdrängungseffekte gäbe. Simon Herder: „Phoenix- West in Hörde war so ein Platz. Aber der wurde uns weggenommen. Diesen Ort haben uns Poser und Raser kaputtgemacht.“ Die Polizei müsse gegen sie noch mehr Präsenz zeigen und ihre Zivilfahrzeuge sollten nicht so gut erkennbar sein.

Zivilfahrzeuge der Polizei

Die Polizei denkt weniger über einen Fuhrparkaustausch nach und lässt die Szene gerne in dem Glauben, dass die Zivilfahrzeuge ausschließlich aus VW-Passat mit langen Antennen besteht. Polizeihauptkommissar Ralf Lindemann: „Wir denken aber darüber nach, die Stadt Dortmund darum zu bitten, nachts den Wallring nur einspurig befahren zu lassen.“ So könnten Rennen verhindert werden. Ralf Lindemann arbeitet in der Dienststelle für Unfallprävention und Opferschutz. Es ist seine Aufgabe, durch Kommunikation Unfälle mit Verletzten und Toten zu verhindern. „In Dortmund hatten wir bereits Unfälle mit Schwerverletzten. Wir wollen keinen überfahrenen Nachtschwärmer auf dem Wall liegen haben. Aber die Sanduhr tickt“, sagte er am Samstag und blickte dabei auf Unfälle mit Todesopfern in Köln und Berlin.

Wall nur einspurig

Den Wall in den Abend - und Nachtstunden einspurig machen: Das Tiefbauamt der Stadt Dortmund müsste dafür jedesmal Baken aufstellen. Nicht nur an Wochenenden, sondern auch unter der Woche. Denn die Raser geben nicht nur freitags und samstags Gas. „Die Diskussion muss man führen“, meint auch Ralf Stoltze als Bezirksbürgermeister der Innenstadt West. „Aber das Problem ist, dass der Wall eine Hauptverkehrsstraße ist - so einfach ist das nicht.“

Das ewige Verdrängen einer (friedlichen) Tuner-Szene sei langfristig keine Lösung.

Der Innenstadt-Verkehr müsse langfristig zurückgedrängt werden. Mit dem Rückbau des Walls zugunsten einer Radfahrerspur könne ein Beitrag geleistet werden. Doch es sei schwierig, dafür Mehrheiten zu finden.

Ein Anwohner vom Schwanenwall vermisst aktive Politik für die Anwohner-Interessen. Um die Probleme im Bereich Schwanenwall / Geschwister-Scholl-Straße zu lösen, haben sich einst der CDU-Bundestagsabgeordnete Thorsten Hoffmann eingesetzt. „Innerhalb von zwei Wochen war hier Ruhe“, sagt der Vater mit Baby auf dem Arm. Solche politischen Initiativen vermisst er.

Bezirksbürgermeister Ralf Stoltze verweist auf gescheiterte Anträge der Bezirksvertretung Innenstadt West. Gefordert hatte sie

  • Tempo 30 auf dem Wall.
  • Blitzer an jeder Kreuzung.

„Klare Ablehnung“, stellt er rückblickend fest, „Tiefbauamt will nicht, Politik will nicht, Polizei will nicht.“ Ein Schwanenwall-Anwohner fordert die Politik auf, nicht länger zuzuschauen: „Die Bezirksvertretung Innenstadt-West hat gezeigt, dass es geht: Das nächtliche Parkverbot ab 21 Uhr hat nach mehreren Beschwerden von Anrufern und mehrfachem Druck teilweise zum Erfolg geführt.“ Er forderte dazu auf, die betroffenen Straßen in den Abend- und Nachtstunden als Anlieger-Parkzonen auszuweisen. „Haben wir schon versucht“, antwortet Ralf Stoltze, „die Grünen und die CDU haben das abgelehnt.“

Einfache Antworten gibt es also nicht.

Die Polizei setzt weiter auf Schwerpunkteinsätze und kündigt an, konsequent gehen illegales Tuning und illegale Autorennen vorzugehen. 2017 ist der Paragraf 315d i Strafgesetzbuch geschaffen worden. Das Bundesverkehrsministerium hat den Einsatz von Fernsteuerungen für Auspuffanlagen verboten. „Dennoch erreichen illegal manipulierte Auspuffanlagen immer noch Dezibelwerte von 110 bis 115 dBa“, berichtet Polizeihauptkommissar Ralf Lindemann.

Ein groß anglegeter Kontrolleinsatz der Polizei verlief in der Nacht zu Sonntag eher ruhig. In Chatgruppen wurde vor der Polizei gewarnt.

Lesen Sie jetzt