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Von der Suche eines Witwers zurück ins Leben

Caritas-Hospizdienste

Der siebte Teil unserer Trauerserie erzählt die Geschichte eines Hinterbliebenen. Wilhelm Krügers Frau starb vor eineinhalb Jahren - und er suchte sich Hilfe bei den Caritas Hospizdiensten, geht zweimal im Monat in das Trauercafé. Wir haben mit ihm gesprochen.

DORTMUND

, 21.11.2014
Von der Suche eines Witwers zurück ins Leben

Steffi Czech und Wilhelm Krüger blättern im Abschiedsbuch. Es liegt in der Kapelle des Bruder-Jordan-Hauses.

„Der Tod darf uns keine Angst machen. Wir müssen mit ihm vertraut werden“, sagt Wilhelm Krüger, 83, Witwer seit eineinhalb Jahren. Er ist noch immer auf der Suche: nach seiner Frau, nach dem Umgang mit dem schweren Verlust, nach der Zielgraden für das eigene Leben. Krüger erfuhr und erfährt auch jetzt Hilfe von den Hospizdiensten der Caritas und den Gästen des Trauercafés. Alle sitzen im gleichen Boot, aber jeder rudert anders durch das schier endlose Meer der Trauer.

„Man kann sich nicht darauf vorbereiten. Auch nicht, wenn feststeht, dass der Angehörige, der Freund stirbt. Es kommt immer zu früh und immer zum falschen Zeitpunkt, gleich wie alt ein Mensch ist. Und es ist immer da, dieses Gefühl, dem oder der Liebsten das Sterben zu gönnen bei unheilbarer Krankheit, aber gleichzeitig zu denken: ‚Ich brauch Dich doch noch‘“, sagt Steffi Czech. Sie koordiniert bei der Caritas den Hospizdienst. Die 55-Jährige hat erfahren, dass jeder anders trauert, und jede Art sei richtig: „Der Eine räumt 14 Tage später den Kleiderschrank leer, der Andere selbst nach Jahren nicht. Es gibt Menschen, die erschrecken sich beim ersten Lachen, solche, die sich ins Leben stürzen und dann nach einem Jahr in ein tiefes Loch fallen, und andere, die jeden Kontakt meiden.“

Im Schrank von Wilhelm Krüger hängen noch alle Kleider seiner Frau. Er fiel in das tiefe Loch nach ihrem Tod, schottete sich komplett ab, würde dies aber nicht wieder tun, sagt er leise. 13 Jahre lang pflegte Krüger seine Alzheimer-kranke Frau. Gut sechs Jahrzehnte waren sie verheiratet, bekamen zwei Söhne, von denen wiederum jeder zwei Söhne bekam. Wilhelm Krüger ringt um Fassung. Dieser höfliche alte Herr, der so eloquent erzählen kann, der trotz seiner 83 Jahre und der furchtbaren Zeit, die hinter ihm liegt, erstaunlich vital wirkt, kämpft mit den Tränen. Zuhause, wenn er alleine ist zwischen den Wänden, die er mit dem Liebsten teilte, das er hatte, lässt er die Tränen zu. Landwirt hatte er als Jugendlicher gelernt, in seiner pommerschen Heimat. Nach der Flucht in den Westen, ins kriegszerstörte Dortmund, konnte er seine Ausbildung nicht zu Geld machen. Krüger wurde Fahrer bei der ZVS, der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze: „Damals mussten Daten noch hin- und hergefahren werden“, sagt er. Marie-Luise, seine spätere Frau, war 15, als der Kriegsflüchtling aus Pommern die Dortmunderin kennenlernte. Eine schwer traumatisierte junge Frau, deren Vater am 17. März 1945 beim letzten großen Bombenangriff auf die Stadt ums Leben kam. Der Vater saß in einem privaten Bunker, als sein Körper zerfetzt wurde. „Meine Frau war sehr Vater-bezogen. In der Hoch-Zeit ihrer Depression schrie sie immer nach ihm“, sagt der Witwer.

Die Depression. Krüger macht die schwere psychische Erkrankung seiner Frau verantwortlich für ihren späteren Alzheimer: „Sie musste immer neue Tabletten schlucken.“ Dann konnte sie sich nicht mehr so gut konzentrieren, vergaß, wo sie sich nach dem Einkaufen in der Stadt mit ihren Mann verabredet hatte. Er schrieb ihr die Treffpunkte auf Zetteln auf, aber die fand sie auch nicht mehr. Der Hausarzt überwies seine Frau zum Neurologen und der sie weiter an die Memory-Klinik nach Essen. 2000 stand die Diagnose fest: Eine besondere Form von Alzheimer. Wilhelm Krüger kümmerte sich sofort und gründlich. Er ging in alle Veranstaltungen zum Thema, um sich über die Krankheit zu informieren, war oft Gast bei der Alzheimer-Gesellschaft. Seine Frau muss in vielen Momenten genau gewusst haben, wie es um sie steht. Erst vor Kurzem fand Krüger ein Notizbuch von ihr. Heimlich hatte sie dort ihre Empfindungen formuliert. Er trägt schwer an der Erinnerung, ist gerührt, fängt sich, erzählt weiter. Tag und Nacht war er für sie da, besorgte alles, auch neue Strumpfhosen und BHs, machte alles, kümmerte sich, bis auch er durchatmen musste. Ende 2000 kam seine Frau in die Tagespflege. Er war damals noch Chormitglied, der Chor probte einmal in der Woche, dann saß eine Caritas-Betreuerin an der Seite seiner Frau. Für zweieinhalb Stunden. So ging das jahrein und jahraus. Medikamente bewahrten die Krankheit vor der Beschleunigung.

Ein gemeinsamer Kuraufenthalt 2011 in der Klinik am Stein im sauerländischen Olsberg endete abrupt. Marie-Luise Krüger stürzte und brach sich einen Wirbel. Trotz Operation kam sie nie wieder richtig auf die Beine, hatte extremste Schmerzen. Eine zweite OP kam nicht infrage, weil ihr Knochenschwund, die Osteoporose, zu weit fortgeschritten war. Sie trug ein Stützkorsett und schluckte täglich acht verschiedene Medikamente, bis die Organe das nicht mehr verkrafteten. Im Hüttenhospital erhöhten die Ärzte die Dosis der Beruhigungsmittel, als Marie-Luise Krüger aus dem Bett flüchten wollte, am Gitter kniete und sich komplett ausgezogen hatte. Das war im Januar 2013. 14 Tage später war sie im Wohnbereich des Bruder-Jordan-Hauses der Caritas untergebracht. Ein Druckgeschwür an ihrem durchgelegenen Körper wurde im Knappschaftskrankenhaus operiert.

Marie-Luise Krüger stand kurz vor ihrem 80. Geburtstag, den ihr die Mitarbeiter im Bruder-Jordan-Haus noch schön gestalteten. Wilhelm Krüger war jeden Tag dort, kam mittags, um seine Frau zu füttern, und ging oft erst, wenn die Pforte abends schon geschlossen war. Knappe vier Monate vergingen so bis zu ihrem Tod. Anfangs hatte sie ihren Mann noch erkannt, dann blickte Marie-Luise Krüger ihn an mit fremden Augen. Mit einem Blick, der zwischen hilfesuchend, Unwissenheit über die eigene Situation und Schuldgefühlen lag. Sie starb am 10. Mai 2013. Die Nacht zuvor hatte ihr Mann in ihrem Zimmer geschlafen. Loslassen konnte sie erst, als er nicht bei ihr war. Wilhelm Krüger ging jedem Menschen aus dem Weg. „Sie verstanden es nicht. Die, die noch keinen Verlust erlebt haben, können das nicht nachvollziehen.“ Er hat seine Sprachlosigkeit überwunden. Der Austausch mit anderen hilft ihm. Noch immer besucht er zweimal im Monat das Trauercafé. Das Betrachten von Fotos, Lesen von Sprüchen, Formulieren der eigenen Gedanken hat ihm die Augen geöffnet für die Blume am Straßenrand, die Strahlen der Sonne, für ein leises, kleines Zurück ins Leben. Kürzlich, beim Weinfest im Jordan-Haus, wagte er ein Tänzchen mit einer Besucherin und litt später fürchterlich zu Hause. Seine Marie-Luise hätte es sicher nicht verstanden – sein unglückliches Gefühl, sie mit diesem Tanz betrogen zu haben. Durch die Trauerarbeit verlor er das schlechte Gewissen. „Ich weiß, ich hab alles für sie getan, was mir möglich war. Man reift mit dieser Erfahrung der Trauer. Durch meine kranke Frau habe ich gelernt, mich hineinzuversetzen in einen anderen Menschen. Jetzt bin ich in der Aufbauphase.“  

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