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Kay Voges inszeniert ein Stück an zwei Orten gleichzeitig

Kay Voges bringt Dortmund und Berlin zusammen

Schauspielintendant Kay Voges ist dafür bekannt, die digitale Revolution im Theater voranzutreiben. Mit dem, was er nun in Dortmund und Berlin vorhat, betritt er erneut absolutes Neuland.

Dortmund

, 24.04.2018
Kay Voges inszeniert ein Stück an zwei Orten gleichzeitig

Kay Voges hat sich wieder etwas ausgedacht, auf das bisher noch niemand gekommen ist. © Foto: Marcel Schaar

Eine Simultan-Uraufführung kündigt Schauspielintendant Kay Voges zur Eröffnung der kommenden Spielzeit an: „Die Parallelwelt“ heißt der Theaterabend, der am 15. September (Samstag) am Dortmunder Schauspiel und am Berliner Ensemble die Spielzeit beider Häuser eröffnet. Das nicht nur zeitgleich, sondern auf mehrfache Weise miteinander verbunden.

Der Untertitel lautet „Eine Simultanaufführung über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“. Das Schauspiel formuliert die Ausgangsfrage des Stücks so: Was wäre, wenn die uns bekannte Welt irgendwo im Universum ein zweites Mal identisch existierte? Und was wäre, wenn durch einen Zufall in der kosmischen Ordnung die eine dieser Welten einen anderen Verlauf nehmen würde und die Gegenwart heimgesucht wird von Geistern der Vergangenheit und der Zukunft? Welche Alternativen hätten wir gehabt? Und gibt es einen Weg, dem Schicksal zu entkommen?

Wir haben darüber mit Kay Voges gesprochen.

Wenn ich bei der Premiere in Dortmund sitze, was habe ich von dieser Parallelität? Was aus Berlin kommt in Dortmund an und umgekehrt?

Wir werden sieben Schauspieler in Dortmund sehen und gleichzeitig sieben Schauspieler in Berlin. Und irgendwann werden die Schauspieler in Dortmund und Berlin anfangen miteinander zu spielen. Es wird Spiegelungen geben, Interaktionen.

Bisher war es für das Schauspiel allein schon innerhalb des Dortmunder Theaters oft problematisch, das Geschehen auf der Bühne mit digitalen Inhalten zu synchronisieren. Jetzt liegen beide Orte etwas mehr als 420 Kilometer entfernt – wie lösen Sie das technisch?

Wir arbeiten mit einer Netzwerkfirma zusammen. Wir haben Glasfaserkabel gemietet, die wir für die Vorstellungen exklusiv nutzen. Ich gehe davon aus, dass die Übertragungsgeschwindigkeit so verzögerungsfrei ist, wie wir das vom Fernsehen oder vom Telefonieren her kennen.

Welchen Effekt erhoffen Sie sich?

Wir haben ja einen Zeitbegriff, der immer untrennbar mit dem Raum zusammenhängt. Wir führen hier in Dortmund unser Leben aus der Dortmunder Perspektive, und die Berliner führen ihr Leben dort in der Berliner Perspektive. Der Abend wird die Subjektivität dieser Perspektiven bewusst machen und die Relativität der Entfernung. Wir leben unser Leben sehr eng verknüpft mit dem Ort, an dem wir leben.

Gleichzeitig sind wir mit der ganzen Welt verbunden, und zwar sehr direkt. Wenn Donald Trump in Amerika einen Tweet schreibt, dann kann der innerhalb kürzester Zeit die Börse in Frankfurt beeinflussen und von dort wiederum Auswirkungen haben auf die Preise in der Thier-Galerie hier in Dortmund. Die Verknüpfung der digitalen Welt ist eine andere.

Wollen Sie die Grenze zwischen digitaler und analoger Welt überwinden?

Der Zuschauer wird die Erfahrung machen, dass er einen realen Körper und einen virtuellen Körper hat. Wenn ich hier in Dortmund real bin, werde ich in Berlin eine Projektion sein und umgekehrt.

Sie haben das Stück mit Alexander Kerlin geschrieben. Worum geht es inhaltlich?

Der Abend funktioniert über Raum und über Zeit, und wir sind verbunden durch Lichtgeschwindigkeit, mit der die Daten übertragen werden. Raum, Zeit und Lichtgeschwindigkeit – da sind wir ganz schnell bei Albert Einstein und seiner Relativitätstheorie.

Und da denken wir auch an den Film Die Fliege und an den Film Zurück in die Zukunft und Marty McFly und die Frage, ob man sein Schicksal ändern kann, wenn man durch die Zeit reist. Der Theaterabend erzählt eine Geschichte über die Globalisierung und das eigene Leben, über die Relativitätstheorie und ein Leben, das sich selbst begegnet.

Das klingt noch etwas vage. Geht es konkreter?

Nein, noch nicht. Wir sind noch mitten in der heißen Planungsphase. Aber ich glaube, wenn man die Arbeit von Kay Voges und Alexander Kerlin etwas kennt, wenn man Das Goldene Zeitalter, Hell – ein Augenblick und Die Borderline Prozession gesehen hat, dann kann man sich vielleicht vorstellen, wie das wird, wenn zwei Ensembles an zwei Orten einen Abend über Zeit, Raum, Perspektive und Schicksal machen. Die großen Lebensstationen – Geburt, Tod, das Altern und die Jugend– werden an zwei Orten erzählt, und es wird eine Hochzeit geben über eine große Entfernung hinweg. Der Abend wird hoffentlich bildgewaltig, sinnlich und inspirierend.

Warum gerade mit dem Berliner Ensemble?

Das Berliner Ensemble gehört zur absoluten Spitzenklasse. Das ist die A-Liga in der Republik. Und das ist schon toll, dass die das mit uns zusammen machen. Das zeigt, welchen Stellenwert das Dortmunder Ensemble in der Republik erreicht hat.

Die zeitgleiche Aufführung an beiden Bühnen soll auch nach der Premiere bei den Folgevorstellungen beibehalten werden. Die Bühne stammt von Daniel Roskamp, die Kostüme sind von Mona Ulrich, die Musik ist von T.D. Finck von Finckenstein, die Videokunst von Voxi Bärenklau und Mario Simon. Das alles ist identisch in Berlin und Dortmund. Es ist Kay Voges‘ erste Regiearbeit am Berliner Ensemble. Der Vorverkauf beginnt am 19. Juni.