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Integration ist im Haftalltag nicht immer einfach

Integrationsbeauftrage in der JVA Dortmund

In der JVA treffen viele verschiedene Kulturen aufeinander. Da kann es auch mal zu Reibereien kommen. Das stellt den Arbeitsalltag der Bediensteten vor viele Herausforderungen, gerade in Sachen Integration. Aber es gibt Menschen, die da helfen.

Dortmund

27.05.2018
Integration ist im Haftalltag nicht immer einfach

Als Integrationsbeauftragte der Dortmunder Justizvollzuganstalt kümmern sich Gabriela Schülting (37) und Bekir Ercicek (38) darum, dass das Zusammenleben der Gefangenen im Haftalltag reibungslos läuft. © Stephan Schütze

Er wolle raus aus diesem Teufelskreis. Wohnungslos, Drogen, Kriminalität. „Ich möchte mein Leben wieder in den Griff bekommen. Ich möchte das hier jetzt echt nutzen.“ Er murmelt etwas von Chancen und wieder auf die Beine kommen. Der junge Häftling sitzt an diesem Morgen im Büro von Bekir Ercicek und Gabriela Schülting, beide Integrationsbeauftragte in der Dortmunder Justizvollzugsanstalt. Vor einer Woche kam der Gefangene zur Untersuchungshaft in die Dortmunder JVA. Und man will ihm das glauben, was er sagt, von einer besseren Zukunft. Aber er ist nicht zum ersten Mal in Haft.

Gabriela Schülting und Bekir Ercicek kümmern sich in der JVA um die Integration der Gefangenen. Einerseits für einen reibungslosen Haftalltag mit all den unterschiedlichen Kulturen und Herkünften der Gefangenen, für das Klarkommen hinter Gittern, andererseits ebenso für eine Resozialisierung und die Vorbereitung auf Freiheit.

Erfolg ist nicht die Motivation

„Ich habe einen Inhaftierten schon drei Mal auf die Entlassung vorbereitet“, sagt sie. „Jetzt ist er zum vierten Mal hier.“ Niederschmetternd sei das für sie nicht. Was sie und ihren Kollegen motiviert, ist nicht der Erfolg. „Erfolgsaussichten haben wir eigentlich nicht“, sagt Gabriela Schülting ganz offen. „Aber ich bin damit glücklich. Da ist immer die Hoffnung, dass es doch irgendwann greift.“

Die Motivation ihrer Arbeit sei viel mehr die Entwicklung der Gefangenen, sagt Bekir Ercicek. „Wichtig ist, dass der Inhaftierte hier nicht herumlungert, sondern eine Aufgabe hat und sich entwickelt.“ Also raus aus der Hoffnungslosigkeit in der Zelle.

Die Inhaftierten müssen im Haftalltag erstmal klarkommen. Mit dem Alltag, mit den Regeln, mit den Bediensteten. Es gibt eine Hausordnung, Konsequenzen für dieses und jenes Verhalten. Es gibt Freizeitangebote und es gibt Anträge. Sie sind nicht mehr frei, sondern auf alles angewiesen. „Sogar auf Toilettenpapier, wo jeder andere einfach zu Lidl geht“, sagt Schülting. Kurzum: Sie müssen die interne Sprache im Gefängnis lernen. „Es ist eine ganz andere Welt hier. Und die meisten stehen privat vor einem Scherbenhaufen und wissen nicht, wie sie den sortieren können.“

50 unterschiedliche Kulturen

Die Gefahr dabei sei, dass sie durchdrehen, weil sie eben nicht klarkommen. Dank der Integrationsmaßnahmen aber, kämen sie schneller wieder runter, sagt Ercicek.

Immer mehr an Bedeutung gewonnen hat die Integration von ausländischen Gefangenen. „Integration geschieht hier von beiden Seiten“, sagt Ercicek. „Die Kollegen haben hier mit 50 unterschiedlichen Kulturen im Jahr zu tun. Wenn sie wissen, wie der andere tickt, können sie auch dafür sorgen, dass er nicht austickt.“

Anträge und Dokumente sind in die Sprachen der Häftlinge übersetzt, es wird Deutschunterricht angeboten, es gibt Dolmetscher-Sprechstunden und auch fremdsprachige Literatur in der Gefangenenbücherei. Auch die Religionsausübung für muslimische Gefangene sei wichtig. Die Integrationsbeauftragte koordinieren die Freitagsgebete mit dem Imam, haben Gebetsteppiche beschafft und wollen auch dafür sorgen, dass es im Ramadan für alle Gefangenen – auch die Christen – Datteln gibt. „Die Religion ist in der Haft sehr wichtig. Menschen, die in Not sind, wenden sich der Religion zu. Und die Haft ist eine Notsituation“, sagt Ercicek.

Integration ist im Haftalltag nicht immer einfach

Bekir Ercicek und Gabriela Schülting arbeiten in ihrem Büro hinter Gittern. Sie sind die Integrationsbeauftragten in der Dortmunder Justizvollzugsanstalt. © Stephan Schütze

Zwar verschieden aber nicht fremd

Das große Ziel der Integrationsarbeit ist es, den Gemeinsinn der Gefangenen zu stärken. Die Häftlinge sollen aufeinander zu gehen. Ob sie zu Gott beten oder zu Allah, das Zuckerfest feiern oder Ostern, egal welche Kultur, welche Religion und Herkunft, die Nachricht sei: „Wir sind zwar in einigen Punkten verschieden, aber fremd sind wir uns nicht“, sagt Ercicek. Mit diesem Gemeinsinn soll Radikalisierung entgegengewirkt werden.

Um das zu erreichen, gibt es die Gesprächsgruppe „Wie wollen wir leben?“. Zwei Stunden lang führen sie dabei mit den Gefangenen Gespräche über Kultur, Religion, die heutige Gesellschaft und die politische Entwicklung. „Aktuelles Thema ist der Islam. Welche Werte vermittelt die Religion, welche Mythen gibt es?“, erklärt Gabriela Schülting.

Engagement hat auch kulturelle Wurzeln

Was Bekir Ercicek und Gabriela Schülting bei ihrer Arbeit hilft, ist ihr eigener kultureller Hintergrund. Gabriela Schülting kommt gebürtig aus Rumänien, lebt seit 2000 in Deutschland. Die 38-Jährige hat Soziale Arbeit studiert und neben ihrem Studium als Dolmetscherin bei Gericht gearbeitet. Bei einem dieser Termine hat sie damals mitbekommen, dass es in den Gefängnissen Sozialarbeiter gibt. Also hat sie sich für das Anerkennungsjahr beworben und ihren ersten Job bei der JVA Geldern als Sozialarbeiterin begonnen. „Das Team dort hat mich überzeugt, dass das der richtige Job für mich ist“, erzählt sie. Seit Juli 2011 arbeitet sie nun in der Dortmunder JVA im Sozialdienst, seit 2016 zusätzlich als Integrationsbeauftragte.

Bekir Ercicek hat vor seiner Zeit als Integrationsbeauftragter als Vollzugsbeamter in der Dortmunder JVA gearbeitet. Durch seine türkischen und muslimischen Wurzeln sei er da irgendwie reingerutscht in die Position des Integrationsbeauftragten. Dennoch macht er auch normalen Dienst als JVA-Beamter, zum Beispiel an den Wochenenden. „Da sehe ich ganz klar, dass die Umgangsformen unter den Häftlingen anders geworden sind.“ Kommunikation klappe ohne Zeichensprache, Gefangenen könnten sich mitteilen, mit den Bediensteten sprechen.

45 Stellen für Integrationsbeauftrage gibt es in NRW

Die Integrationsbeauftragten gibt es in der heutigen Form erst seit 2016. Das Konzept stammt vom NRW-Justizministerium. 45 Planstellen wurden dafür in den 36 Justizvollzugsanstalten NRWs geschaffen. „Integration war auch vorher ein Thema. Wir haben ja nicht erst seit gestern ausländische Gefangene“, sagt Bekir Ercicek. Aber die Aufgaben seien eben nicht zentral gebündelt gewesen, sondern waren auf unterschiedliche Fachbereiche verteilt. Jetzt liegt es in einer Hand.

Natürlich gebe es trotzdem immer mal wieder Auffälligkeiten, sagt Ercicek. Aber es sei ruhiger geworden.

Das sind die Maßnahmenpakete des Justizministeriums: Das Konzept des Ministeriums zur Integration von Gefangenen gliedert sich in verschiedenen Pakete, die die JVA jeweils umsetzen. Dazu gehören: Verbesserung sprachlicher Verständigkeit, Sicherstellung eines freien Zusammenlebens, Verhinderung von Radikalisierung, Förderung der Integrationschancen nach der Haftentlassung und die Optimierung der Handlungssicherheit der Bediensteten. Die JVA Dortmund sei, so Bekir Ercicek, die Anstalt, die bisher die meisten dieser Pakete angegangen ist.
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