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Dürrenmatts «Der Richter und sein Henker» als Oper

Erfurt (dpa) Friedrich Dürrenmatts legendärer Roman «Der Richter und sein Henker» war in Erfurt erstmals als Oper zu erleben - aber nicht als Opern-Krimi, wie vom Theater Erfurt angekündigt.

Dürrenmatts «Der Richter und sein Henker» als Oper

Friedrich Dürrenmatts Roman «Der Richter und sein Henker» kam in Erfurt als Oper auf die Bühne.

Kommissär Bärlach (Petteri Falck), sein Feind Gastmann (Robert Wörle) sowie die kriminalistischen Ermittlungen rücken in den Hintergrund. In der Uraufführung von Franz Hummel dominieren stattdessen die aussichtslose Liebe von Tschanz zu Anna, der Verlobten des toten Schmied, und ihr Schmerz um den Verlust. Die Akteure werden zu Charakteren mit bestimmten Haltungen reduziert. Um deren Wünsche, moralischen Bedenken oder Verderbtheit zu zeigen, entschied sich Regisseurin Rosamund Gilmore für eine Verdoppelung der Hauptfiguren. Deren «Schatten» sind sechs Tänzer. Ein Kunstgriff, der aufgeht. Das Premierenpublikum in der nahezu ausverkauften Neuen Oper dankte mit Szenenapplaus und langem Beifall.

Wie in einem verzerrten Spiegel stimmen die Bewegungen beider Figuren mal überein, mal driften sie auseinander. Besonders eindrucksvoll war dies in der Begegnung Bärlachs mit Gastmann. Beide sprechen über ihre 40-jährige Feindschaft geradezu gelassen. Der Kommissär verkündet Gastmann sein nahes Ende. Er wird ihn richten. Nicht für ein begangenes Verbrechen, sondern für eines, das Gastmann nicht begangen hat. Im Hintergrund kämpfen und streiten derweil die «Schatten» bis aufs Äußerste. Szenenapplaus auch beim Auftritt der doppelten Frau Schönler, der Wirtin des toten Schmied, die als Witwe Bolte daherkommt. Mit ihrem «Schatten» und zwei Staubsaugern führt sie eine reife Operettennummer über die Vorzüge des Himalaya auf. Beide Partien besetzte Gilmore übrigens mit Männern.

Auch Friedrich Dürrenmatt hat in seinem Roman 1950 den Vergleich mit dem Spiegelbild herangezogen, um am Beispiel von Gastmann zu verdeutlichen, dass immer zwei Dinge möglich sind: das Schlechte und das Gute, und dass der Zufall entscheidet.

Um den sperrigen Roman-Inhalt dem Opernpublikum zu erschließen, haben Komponist Hummel und seine Frau Sandra als Texterin den Autor Dürrenmatt als Strippenzieher und Erzähler eingebaut. Schauspieler Olaf Müller spielt den Schweizer in seinem charakteristischen Mantel nebst Mütze, der sich in einem Berner Caféhaus seine Romanfiguren ausdenkt. Immer wieder greift er in das Geschehen ein. Von Bärlach auf Gastmann angesprochen, gibt er beispielsweise zur Antwort: «Das Böse ist bei ihm nicht triebhaft, sondern kreativer Ausdruck seiner Freiheit.» Leider ist die Figur Dürrenmatts nicht konsequent bis zum Ende - einem düsteren, grotesken Totentanz - durchgezogen worden.

Das Caféhaus, über das Bühnenbildner Carl Friedrich Oberle eine surrealistische Alpenlandschaft gesetzt hat, bietet Raum für die schnell wechselnden Handlungen. Es ist auch der Salon Gastmanns, der von dort mit der «berühmten» Sängerin Lucy Netrapko zur Züricher Oper aufbricht. Insgesamt ein kurzweiliges Stück, das mit Situationskomik und schwarzem Humor durchaus im Sinne Dürrenmatts wirkt.

Wer von den Besuchern jedoch eine nahe Adaption des Dürrenmatt-Krimis erwartet hatte, wurde von der knapp zweistündigen Uraufführung enttäuscht. Den Roman «Der Richter und sein Henker» möglichst originalgetreu wiederzugeben, war auch nicht Absicht des Komponisten und der Librettistin, wie sie im Programmheft bekannten. Sie interessierte vielmehr die bei Dürrenmatt «mitschwingende Alptraumwelt, diese Zwillingsschwester alltäglicher Schizophrenie und ihrer Verwerfungen».

www.theater-erfurt.de

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