Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Düstere Aussichten für deutsche Welterbe-Titel

Paris (dpa) Für die deutschen Städte Bayreuth und Schwetzingen naht nach jahrelanger Lobby-Arbeit der Tag der Entscheidung.

/
Ein Barockjuwel: Das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth. Foto: Bayerische Schlösserverwaltung/Feuerpfeil Verlag

Schwetzingen bewirbt sich mit einem Gesamtensemble aus Schloss, Garten, Stadt und Wirkungsgeschichte um den Status als Unesco-Welterbe. Foto: Uli Deck

Am kommenden Sonntag beginnt im russischen St. Petersburg die diesjährige Sitzung des Unesco-Welterbekomitees, bei der auch über die Vergabe neuer Welterbetitel für schützenswerte Natur- und Kulturstätten beraten wird. Die kurfürstliche Sommerresidenz in Schwetzingen und das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth sind zwei von 36 «Kandidaten», die diesmal auf die prestigeträchtige Auszeichnung hoffen.

Sicher hat den Welterbetitel allerdings keiner der beiden deutschen Bewerber - vor allem nicht die baden-württembergische Barockstadt Schwetzingen. Wie bereits beim ersten Anlauf vor drei Jahren hat der Internationale Rat für Denkmalpflege (Icomos) die Ablehnung des Antrags empfohlen. Das Schloss sei nicht einzigartig genug, um es zum universellen Erbe der Menschheit zu erklären, heißt es zur Begründung.

Damit ist Schwetzingen bei der bis zum 6. Juli dauernden Sitzung ganz auf das Wohlwollen der Komitee-Vertreter angewiesen. Deutschland stellt zwar seit dem vergangenen Jahr wieder einen von ihnen, insgesamt gibt es aber 21 und entschieden wird nach dem Mehrheitsprinzip.

Politische Erwägungen können dabei nicht ausgeschlossen werden. Immer wieder hat es in der Vergangenheit zum Beispiel Kritik an der großen Zahl der Anträge aus Europa gegeben. Im vergangenen Jahr räumte Deutschland ab wie kein anderes Land und schaffte mit den Alten Buchenwäldern, dem Fagus-Werk des Stararchitekten Walter Gropius und historischen Pfahlbausiedlungen gleich drei Neueinschreibungen. Insgesamt sind auf der Welterbeliste bereits 36 deutsche Kultur- und Naturstätten verzeichnet.

Missmut und Neid sind vorprogrammiert - obwohl Deutschland mittlerweile Entwicklungsländer wie den Tschad bei den komplizierten Antragsverfahren mit Rat und Tat unterstützt. Der Unmut über die westliche Dominanz könnte nun sogar dem Markgräflichen Opernhaus im oberfränkischen Bayreuth - einem «einzigartigem Monument barocker Theaterkultur» - zum Verhängnis werden - trotz eines positiven Icomos-Gutachtens. «Das ist absolut kein Selbstläufer», heißt es in Unesco-Kreisen zu der vermutlich Ende nächster Woche stattfindenden Abstimmung. Es müsse mit starkem Gegenwind gerechnet werden.

Politisch eine noch ganz andere Dimension hat der Eil-Antrag auf Einschreibung der Geburtskirche Jesu Christi inklusive dem Pilgerweg in Bethlehem. Er kommt von den Palästinensern, die erst im vergangenen Jahr gegen den heftigen Widerstand von Israel und den USA als Vollmitglied in die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) aufgenommen wurden.

Die Icomos-Experten haben in einem Gutachten zwar die Dringlichkeit des Antrags verneint, theoretisch könnte er aber gegen deren Willen dennoch auf die Tagesordnung kommen. Ein Welterbetitel für die Palästinenser wäre ein weiterer Triumph bei ihren Autonomiebestrebungen. Neben Ländern wie den USA und Israel sehen auch christliche Kirchenvertreter den Antrag kritisch. Sie wollen die Geburtskirche aus politischen Auseinandersetzungen heraushalten und befürchten Einschränkungen bei der Nutzung als religiöser Wallfahrtsort.

Nicht weniger brisant ist schließlich der «Fall Sevilla». In der spanischen Stadt gefährdet nach Einschätzung der Icomos-Gutachter der Bau eines 40-stöckigen Hochhauses den visuellen Gesamteindruck der bereits bestehenden Welterbestätte, die aus der Kathedrale, dem mittelalterlichen Königspalast (Alcázar) und dem Indienarchiv (Archivo de Indias) besteht. Erklärt sich die Stadt nicht doch noch bereit, tiefgreifende Änderungen an dem Projekt vorzunehmen, droht die Aberkennung des Titels.

Ausgerechnet bei der Welterbekomitee-Sitzung in Sevilla verlor 2009 das Dresdner Elbtal wegen des Baus der umstrittenen Waldschlößchenbrücke den Titel. Besser machte es Russland. 2010 kippte der damalige Kremlchef Dmitri Medwedew die Pläne für einen 400 Meter hohen Wolkenkratzer in St. Petersburg und sicherte damit den Verbleib auf der Welterbeliste. Nur deswegen wird in diesem Jahr dort getagt.

THEMEN

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Kulturwelt

Genossenschaftsidee als immaterielles Kulturerbe?

Dresden/Berlin (dpa) Mit der Genossenschaftsidee aus Sachsen und Rheinland-Pfalz will es Deutschland auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der Unesco schaffen. Die Nominierung soll im März 2015 bei der Unesco eingereicht werden, teilte das sächsische Kunstministerium am Freitag mit.mehr...

Kulturwelt

Drei deutsche Städte ins Unesco-Netzwerk aufgenommen

Paris (dpa) Mannheim, Heidelberg und Hannover haben es ins globale Unesco-Netzwerk «Creative Cities» (Kreative Städte) geschafft. Mannheim und Hannover können sich nun «Stadt der Musik», Heidelberg «Stadt der Literatur» nennen. Das teilte die UN-Kulturorganisation in Paris mit.mehr...

Kulturwelt

Kenianischer Tanz und Rauchsauna auf Unesco-Schutzliste

Paris (dpa) Rituale des Sebiba-Fests in Algerien, bolivianische Tänze der Yampara oder die Tradition der Rauchsauna in Estland gehören nun zum Unesco-geschützten immateriellen Kulturerbes der Menschheit.mehr...

Kulturwelt

Netzwerk gesucht: Städte wollen kreativen Anschluss

Mannheim (dpa) Berlin hat ihn bereits, den Titel einer «Creative City». Aber kreativ, das sind wir auch, sagen fünf andere deutsche Städte - und haben sich mit ihren Bewerbungen ins Zeug gelegt.mehr...

Kulturwelt

Unesco entscheidet über 46 neue Kulturgüter

Paris (dpa) Die Kunst des brasilianischen Kampftanzes Capoeira, die Tradition handgeschöpften Papiers in Japan oder die Kultivierung des Arganbaums in Marokko - solche immateriellen Kulturgüter soll die Unesco zum Kulturerbe der Menschheit erklären.mehr...

Kulturwelt

Hamburger Speicherstadt und Naumburger Dom für Welterbe nominiert

Bonn (dpa) Die Hamburger Speicherstadt und der Naumburger Dom in Sachsen-Anhalt sind für das Unesco-Weltkulturerbe nominiert. Das teilte die Kultusministerkonferenz in Bonn mit.mehr...