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Eco sieht in die Zukunft und beschwört das Alte

Berlin (dpa) Umberto Eco hat viele Phänomene unserer Zeit in seiner Zeitungskolumne kommentiert. Eine Auswahl seiner Reflexionen liegt jetzt posthum auf Deutsch vor - oft auch sehr amüsant.

Eco sieht in die Zukunft und beschwört das Alte

Der italienische Schriftsteller Umberto Eco (1932-2016). Foto: Arne Detert

Umberto Eco ("Der Name der Rose") bedauerte den Zerfall der Wertegemeinschaft und prangerte einen "hemmungslosen Individualismus" an. Doch manchmal schoss er auch über das Ziel hinaus, wenn er die gute alte Zeit beschwor, was mitunter weltfremd und auch kurios wirkt.

Aber Ecos letztes Buch, "Pape Satàn", regt dennoch sehr zum Nachdenken über das "postfaktische" Zeitalter an.

Seine Reflexionen über eine "namenlose Gegenwart" hat Eco in einer Zeitungskolumne zusammengetragen, die der 2016 im Alter von 84 Jahren verstorbene italienische Schriftseller, Sprachwissenschaftler und Publizist seit 1985 für das Nachrichtenmagazin "L'Espresso" schrieb. Aus den letzten Jahren von 2000 bis 2015 stammt die Auswahl, die nun als posthumes Werk auf Deutsch vorliegt. Mit scharfer Beobachtungsgabe hat Eco vieles, was uns heute beschäftigt, schon lange kommen sehen und mit einem zuweilen leicht überheblich wirkenden Zynismus zu Papier gebracht.

So beklagt er etwa den Aufstieg sogenannter "Empörungsbewegungen" oder Populisten, die in die aus dem Werteverfall entstandene Lücke getreten sind und willkürlich in alle Richtungen zuschlagen. Dazu wäre es vielleicht nie gekommen, impliziert der Autor, hätte unsere Gesellschaft nur an ihren Traditionen und einem breiten Bildungsideal festgehalten. 

Ecos Kommentare sind oft voller Nostalgie - in Erinnerung an eine Zeit, in der Jugendliche noch über genügend christliche Bildung verfügten, um die Heiligen Drei Könige auf einem Gemälde zu erkennen, Kinder in der Schule Schönschrift lernten, und Bücher nicht im Internet heruntergeladen, sondern auf echtem Papier gedruckt wurden. Wie ein grantiger Opa verteufelt er alles, was dem Zeitgeist entspricht und den Enkeln Freude macht, von Piercings bis zum Kleben am Smartphone, Reality-TV und soziale Medien.

Ecos Subjekte sind neben den Dummheiten und der Ignoranz der jüngeren Generation, das Internet, die Massenmedien, Formen des Rassismus, Religion, Philosophie, Literatur, Politik und die Absurditäten des Alltags - eben das Leben im Allgemeinen aus der Sicht eines betagten Beobachters, der über vieles nur noch müde lächeln kann.

So sieht er etwa Twitter "wie die Sportbar in irgendeinem Dorf oder am Stadtrand", in der es von "irrelevanten Meinungen" wimmelt, weil jeder zu Wort kommt, vom "Dorfdeppen" bis zum Passanten "der schon zuviel Grappa intus hat". Mitleidig beobachtet er auch diejenigen, die Tausende von virtuellen Kontakten auf Facebook haben, sich aber doch nur nach echten menschlichen Kontakten sehnen.

Als große Gefahren unserer Zeit sieht Eco auch einen wachsenden Rassismus und einen Verlust von Toleranz, der sich in der Beleidigung anderer Kulturen und Religionen ausdrückt - insbesondere in einem Konflikt zwischen Christen und Muslimen. Dennoch wendet er sich gegen eine "Political Correctness", die Themen mit Tabus belegt und einen offenen Diskurs verhindert, und fordert stattdessen einen offenen und respektvollen Umgang mit Andersdenkenden.

Immer wieder kehrt Eco in seinen Kolumnen auch zu dem Verschwimmen von Fakt und Fiktion zurück. So hätten etwa zahlreiche Teilnehmer einer Umfrage in Großbritannien während der Nullerjahre Winston Churchill, Mahatma Gandhi und Charles Dickens für fiktive Personen gehalten, Sherlock Holmes, Robin Hood und Eleanor Rigby aber für real. Schuld daran seien die Massenmedien und vor allem die Filmindustrie, die ihre Protagonisten so ähnlich aussehen ließen.

Eco erinnert uns auch an die zahlreichen Verschwörungstheorien, die zu 9/11, den Anschlägen des 11. September 2001 in den USA, kursierten, wonach "die offizielle Rekonstruktion der Fakten bewusst gefälscht" gewesen sei. Und er beklagt die Verdrehung von Tatsachen in den Medien, von denen auch er selbst sich häufiger falsch verstanden fühlte.

Die größte Gefahr der Fehlinformation sieht er dabei im Netz, weil die Fülle von Informationen suggeriere, dass man dort alles herausfinden könne, "nur nicht, wie man diese Informationen gezielt sucht und dann filtert, selektiert, akzeptiert oder verwirft". Im Zeitalter des Internets sei vielen diese kritische Fähigkeit des "Faktenchecks" abhanden gekommen. 

Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte über Falschnachrichten oder "Fake News" erscheinen Ecos Kolumnen geradezu prophetisch. In jedem Fall ist der vorliegende Band voller kluger Beobachtungen und eine Ermahnung, dass es sich immer lohnt, genau hinzusehen.

- Umberto Eco: Pape Satàn: Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, die Welt zu verstehen, Carl Hanser Verlag, München, 224 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-446-25442-8.

Pape Satàn bei Hanser

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