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Ein Fahrstuhl im Rathaus, der nicht stehen bleibt

50 Orte - eine Stadt

Zig Mal genutzt. Zig Mal hineingesprungen. Mit großem Satz noch die gerade durchfahrende Kabine bekommen – sonst: 13,4 Sekunden auf die nächste gewartet. Zig Mal hinaus gestiegen. Niemals die ganze Runde gedreht. Bis jetzt: Mit dem Paternoster im Rathaus kann man nämlich einmal von ganz unten bis ganz oben und zurück fahren. Und das ist angeblich sogar ungefährlich.

BOCHUM

von Von Benedikt Reichel

, 01.08.2012

Vor der vierten Etage hängt das zweideutige Schild gut sichtbar für denjenigen in der Kabine. „Hier aussteigen“, steht dort mit schwarzen Lettern auf einer silbernen Metallplatte. Und dann: „Weiterfahrt ungefährlich.“ Wobei die Vorsilbe „un“ nur zu erahnen ist. Die schwarze Tinte ist herausgekratzt. Absicht? Nur ein Spaß? Besteht Gefahr? Ein Selbstversuch.

Die Fahrt mit dem Rathauspaternoster beginnt im Keller, um den inneren Spannungsbogen auf das Maximum auszudehnen. Fünf Stockwerke liegen darüber. 13,4 Sekunden Fahrzeit pro Etage. Paternoster sind Umlaufaufzüge. Eine durchgehende Reihe an Kabinen kreist unentwegt. Türen gibt es nicht. Vom Flur aus betrachtet kommen und gehen die schmalen Aufzugskammern. Aus der Kabine heraus sieht es so aus, als verschwinde der Flur langsam unterhalb der Fußschwelle. Die Rückseite der Wand wird sichtbar. Kurz nur. Schon taucht der Boden des Erdgeschosses auf. Was für eine Perspektive: auf Augenhöhe mit den Marmorfliesen des Rathauses.Weiter geht’s. Paternoster sind langsam. Ein Nachteil gegenüber den neumodischen Liften. 30 Zentimeter legt das Gefährt im Rathaus in einer Sekunde zurück. Damit zählt der 1964 gebaute Aufzug zu den langsameren seiner Gattung. Wenig mehr als ein km/h. Wäre Treppensteigen nicht schneller?

Erste Etage. Die 13 Sekunden brauche ich zu Fuß auch – ohne zu hetzen. Dann lieber faul sein und Paternoster fahren. Von 7 bis 17 Uhr dreht er seine Runden. Freitags nur bis 15.30 Uhr. Zweite Etage. Es wackelt leicht und donnert. Mit einem dumpfen Schlag macht jeder zugestiegene Gast auf sich aufmerksam. Ungeübte sind lauter, sie springen mehr, aus Angst, die Kabine könne weg sein. Sollen sie springen. Der Paternoster trägt bis zu 2100 Kilogramm. Etage drei. Ein Blick auf die Uhr. Fast eine Minute schon. Das Ziel ist nahe. Vierte Etage. Weiterfahrt (un)gefährlich. Das Schild drängt mich zum Aussteigen. Heute nicht. Stehenbleiben. Zum ersten Mal. Das Surren der Maschinen wird lauter. Die vierte Etage verschwindet unter der Fußschwelle. Die Kabine ruckelt. Wackelt stärker als zuvor. Und nun?

Die Kette wird sichtbar. Sie zieht die Kabinen und ist über ein großes Rad in der Wand gespannt. Die mächtigen Metallzähne greifen ineinander, befördern die Kammer auf die andere Seite. Es geht abwärts. Völlig ungefährlich. Ein bisschen Nervenkitzel und Spaß. Drei Minuten dauert die Runde. So viel Zeit sollte jeder Bochumer einmal im Rathaus übrig haben.