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Ein Jahr Dresdner Brückenbau

Dresden (dpa) Das erste Fundament ist in Beton gegossen, die Schalung für Tunneleinfahrten gesetzt, das Verkehrschaos Alltag, der Protest scheinbar verstummt.

Ein Jahr Dresdner Brückenbau

Monteure errichten die Schalungen für die Pfeiler am Johannstädter Ufer.

Genau ein Jahr nach dem Baubeginn (19. November) sind die Fundamente der umstrittenen Waldschlößchenbrücke im UNESCO-Welterbe Dresdner Elbtal bereits sichtbar. Mit Abweisung dreier Klagen von Naturschützern am Verwaltungsgericht Dresden scheint den Gegnern des 160 Millionen Euro-Projekts der Wind aus den Segeln genommen. Auch wenn es in der Tat nicht gut aussieht, «geben wir die Hoffnung nicht auf», sagt Achim Weber von der Grünen Liga. Für die Stadt sind die Messen gesungen, wobei sie sich nach wie vor um den Segen der UNESCO für beides bemüht: Brücke und Welterbetitel.

Das Feedback, den Gesprächsfaden neu aufzugreifen, sei durchaus positiv, sagt Dresdens neue Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU). «Der Streit um Brücke und Welterbe hat tiefe Gräben gerissen.» Es sei die Pflicht der Kommune, diese zu überbrücken. Allerdings scheint die Streichung des Dresdner Elbtals aus der Welterbeliste angesichts fortschreitender Brückenbauarbeiten sicher. Hat die UNESCO doch mehrfach deutlich gemacht, dass der Titel futsch ist, wenn die Brücke wie geplant entsteht. Die Flusslandschaft kam 2004 auf die Welterbe-Liste. In der Bewerbung war die Brücke zwar enthalten, ihr Standort aber falsch vermerkt. Nach Intervention des Welterbezentrums in Paris wurde der Baubeginn zunächst verschoben.

Im Juli 2006 setzten die Welterbe-Väter sie auf die Rote Liste gefährdeter Stätten, gewährten eine letzte Chance und forderten eine mit dem Welterbe-Status vereinbare Alternative. Ein Jahr später gab es, verbunden mit diesen Forderungen, eine Gnadenfrist. Im Juli 2008 nun stellte die UNESCO ein letztes Ultimatum und kündigte an, den Titel 2009 abzuerkennen, wenn nicht statt Brücke ein Tunnel gebaut wird. Auch eine von der Stadt vorgelegte filigranere Konstruktion besänftigte die Welterbe-Hüter nicht. Dem ersten Baggeraushub am 19. November 2007 folgten Massenproteste, Kranbesetzungen, Sitzblockaden, Anschläge auf Baugeräte, Stadtratsdebatten und Gerichtsverhandlungen.

Formierte sich in den ersten Wochen noch regelmäßiger Protest, dem sich auch Literaturnobelpreisträger Günter Grass vor Ort anschloss, finden Mahnwachen und Aufzüge inzwischen eher sporadisch statt. Zuletzt hatten die Baumfällungen zu Jahresbeginn zugunsten der künftigen Brückenzufahrten für Schlagzeilen gesorgt. 34 Tage bewahrten Natur- und Umweltschutz-Aktivisten eine 200 Jahre alte Rotbuche vor der Säge, im Januar wurden die im Geäst Angeketteten dann von der Polizei auf den Boden zurückgeholt und auch dieser Baum gefällt.

Warnende Stimmen von Politikern und Gremien wie Deutscher Kulturrat oder Internationalem Denkmalrat mischten sich mit Rufen zur Wahrung der Demokratie. Diese habe Vorrang, sagte dann Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Künstler wie Filmemacher Wim Wenders oder die Autoren Durs Grünbein, Christoph Hein und Martin Walser befürchteten öffentlich einen Imageschaden für die Kulturnation Deutschland. Die Haltung des Freistaates und der Stadt, die unter Verweis auf die erste Befragung der Bürgerschaft im Februar 2005 pro Brücke beharren, änderte das nicht.

Ein neuer, auch vom UNESCO-Welterbezentrum in Paris geforderter Bürgerentscheid zugunsten eines Tunnels wird zum Ping-Pong-Ball im Stadtrat und scheitert letztlich auch vor Gericht. Baustopp-Anträge in Parlamenten und bei Gericht blieben ohne Erfolg. Das Dresdner Verwaltungsgericht wies nach wochenlangen Sitzungen die ersten drei von insgesamt zwölf Klagen gegen die Brücke ab. Die Grüne Liga prüft den Gang zur nächsten Instanz. «Die Sache ist noch nicht beendet», so Weber, der den Widerstand gegen die Brücke ungebrochen und die Felle noch davon geschwommen sieht. Beim derzeitigen Stand könne noch auf einen Tunnel umgeschwenkt werden. «Die eigentliche Brücke ist noch nicht gebaut.» Der Stahl dafür ist aber schon bestellt.

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