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Eingedampft: Katja Lange-Müllers Brühwürfel

Berlin. Was ist gute Literatur? Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller erwartet, dass ein Stoff seinem Autor „in der Seele brennt“. In ihren Frankfurter Poetikvorlesungen, die nun nachlesbar sind, erfährt man etwas über die Stoffe, die sie bewegen.

Eingedampft: Katja Lange-Müllers Brühwürfel

Katja Lange-Müller und „Das Problem als Katalysator““. Foto: Arno Burgi

Was hat ein Brühwürfel mit Literatur zu tun? Für die Schriftstellerin Katja Lange-Müller besitzt Literatur im Idealfall die Eigenschaften dieses kleinen Quaders: „eingedampfte Substanz, der jedes überflüssige Wort entzogen ist“.

In ihren Frankfurter Poetikvorlesungen von 2016, die nun bei Kiepenheuer & Witsch als Buch erschienen sind, nennt und zitiert sie ihre „Brühwürfel-Texte“, ihre Vorbilder im Schreiben.

In der seit 1959 bestehenden Vortragsreihe an der Frankfurter Goethe-Universität sind bedeutende deutschsprachige Autoren eingeladen, über eine frei gewählte Frage zur zeitgenössischen Literatur zu sprechen. Die Schwerpunkte der jeweils fünf bis sechs Vorlesungen sind denn auch so unterschiedlich wie die Dichter, manchmal auch Literaturkritiker, selbst: So berichtete Christa Wolf 1982 über eine Griechenlandreise und gab Einblicke in ihr Arbeitstagebuch zu „Kassandra“, wobei sie von Anfang an betonte, keine Poetik zu haben. Wolfgang Hilbig, einer der von Lange-Müller sehr geschätzten Autoren, beleuchtete 1995 vor allem die Bedeutung von Kritik im Allgemeinen und Literaturkritik im Besonderen.

In ihrer ersten und persönlichsten Vorlesung widmet sich Katja Lange-Müller ihren - wie sie selbst einräumt - strengen Literaturkriterien. Sie definiert gute Literatur als „dringlich Geschriebenes“, Texte die geschrieben werden mussten und formuliert überspitzt: „Wenn ein erzählender Text, ein Stück, ein Gedicht so gar nichts Autotherapeutisches hat, ein Stoff seinem Autor nicht 'in der Seele brennt', er nicht schreibend versucht einige - zunächst für ihn selbst - lebenswichtige Fragen zu ergründen, kommt selten einmal Literatur dabei heraus.“

Ihre eigenen Schreibanfänge nennt die 1951 in Ostberlin geborene und 1984 in den Westen übergesiedelte Schriftstellerin „quasi autotherapeutisch“. So ist auch der Titel, den sie ihrer Poetik und den fünf Vorlesungen gibt, nicht nur poetologisch, sondern auch psychologisch und autobiografisch zu verstehen: „Das Problem als Katalysator“. Lange-Müller beschreibt wie das vermeintliche, aber in ihrer Schulzeit sehr reale, Problem, ihre Linkshändigkeit, sie erst recht zum Schreiben führte - trotz der Zwangsumschulung auf die rechte Hand und der damit einsetzenden Legasthenie, die aber nicht das Lesen betraf.

Überhaupt das Lesen. Lange-Müller räumt ihm einen größeren Stellenwert als dem Schreiben ein und sieht Lesen als einen wesentlichen Teil der Arbeit eines jeden Schriftstellers an. Sie würde, müsste sie sich zwischen Lesen und Schreiben entscheiden, sogar das Lesen bevorzugen. So verwundert es nicht, dass sie immer wieder auf ihre Vorbilder - Melville, Hebel, Twain, Kleist oder Endler, um nur einige zu nennen - verweist und (bis auf die letzte) in jeder Vorlesung mindestens einen ihrer „Brühwürfel-Texte“ „serviert“. Zum Beispiel das höchstironische, pointiert-gewitzte Gedicht „Zwei Seelen“ von Kurt Tucholsky oder ihre Lieblingserzählung von Wolfgang Hilbig „Die Flaschen im Keller“. Mit ihren - im wahrsten Sinne des Wortes - Lesungen macht sie nicht nur Werbung für die Texte, sie macht auch Lust aufs Lesen.

Von ihren eigenen Texten wählt Müller-Lange für die letzte Vorlesung ihre allererste Erzählung aus, „Manchmal kommt der Dot auf Latschen“, allerdings nur, um zu zeigen „wie es weiland zuging auf einer geschlossenen gerontopsychiatrischen Frauenstation in der Hauptstadt der DDR“. Sie hat sie sich nach einer Nachtwache als Hilfspflegerin, als die sie vor ihrer Ausreise aus der DDR auch arbeitete, wie sie sagt „buchstäblich von der Seele geschrieben“. Veröffentlicht werden konnte sie nur in der Bundesrepublik. Diese Nachtwachen verfolgten sie noch Jahre später im Traum. So sehr, dass Katja Lange-Müller ihren 2016 erschienenen Roman „Drehtür“ schrieb, an dessen Entstehung sie die Leser und Zuhörer teilhaben lässt. Man merkt: dieser Roman musste von dieser Autorin geschrieben werden und schon erwischt man sich dabei, Literatur nach Lange-Müllers Maßstäben zu beurteilen. Was Literatur - zumal gute - ist, ist streitbar. Katja Lange-Müller hat einen sehr engen Begriff von Literatur. Authentizität und eigene Erfahrung sind für sie Dreh- und Angelpunkt im Schreiben. Verdichtete, kürzestmögliche Prosa bevorzugt sie gegenüber dicken Schinken. Doch auch wenn man ihre Vorliebe für die Gattung Erzählung nicht teilt und vielleicht Autoren bewundert, die sich lieber in Welten hineinschreiben, ohne sie persönlich zu kennen, muss man zugeben, dass die - unter anderem - Bachmann-Preisträgerin, die sich besonders über den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor freute, ihren hohen Ansprüchen an Literatur selbst in beeindruckender Weise in ihren komprimierten, mit Humor gut gewürzten Texten gerecht wird und das mit keiner Spur von der Mühe, die sie in ihren Vorlesungen thematisiert.

Wer dieser großen Autorin über die Schulter schauen, ihren Weg von der Schriftsetzerin zur Schriftstellerin verstehen, ihre Vorbilder und ihre Poetik besser kennenlernen möchte, dem sei „Das Problem als Katalysator“ empfohlen. Wer lieber gute Literatur liest statt über sie zu lesen, der greift am besten gleich zu Lange-Müllers Erzählungen und ihren - aus einer Scheu heraus - maximal 250 Seiten langen Romanen.

- Katja Lange-Müller: Das Problem als Katalysator. Frankfurter Poetikvorlesungen. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln, 192 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-462-05090-5.

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