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Beim Arzt-Besuch muss der Patient die elektronische Gesundheitskarte vorlegen. Doch das war erst der Anfang. Jetzt folgt die elektronische Patientenakte - mit großen Neuerungen für Patienten.

NRW

, 20.08.2018 / Lesedauer: 6 min

Am 1. Januar 2019 beginnt eine neue Zeitrechnung für alle jene, die in einer gesetzlichen Krankenversicherung versichert sind. Zu diesem Zeitpunkt müssen alle Krankenhäuser und Praxen von Ärzten, Zahnärzten und Psychotherapeuten technisch fit sein für die Elektronische Patientenakte. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zu diesem Thema zusammengestellt.

Gesundheitskarte, Patientenakte, was ist das?

Seit 2015 hat jeder Krankenversicherte eine elektronische Gesundheitskarte. Das ist die Chipkarte mit Foto, die bei jedem Besuch eines Arztes, Zahnarztes, Psychotherapeuten oder Krankenhauses vorgelegt werden muss. Sie dient nur als Versicherungsnachweis, mehr nicht. Der Arzt oder Zahnarzt liest sie in einem Kartenterminal ein, um die von ihm erbrachten Leistungen mit der Krankenkasse abzurechnen. Ein direkter Austausch über das Gerät per Online-Verbindung von Daten zwischen Arzt und Krankenkasse findet nicht statt. Das heißt: Zieht der Versicherte beispielsweise um, schickt die Krankenkasse ihm eine neue Chipkarte.

Und was ändert sich jetzt?

Die elektronische Patientenakte kann mehr. Sie ist eine Chipkarte mit Foto wie die bisherige Gesundheitskarte. Schiebt der Arzt die Gesundheitskarte jetzt in sein Terminal ein, ist er online über eine komplizierte, verschlüsselte Technik mit der Krankenkasse verbunden. Das hat zur Folge, dass bei jedem Arztbesuch die Daten des Patienten auf der Karte automatisch mit den Daten der Krankenkasse abgeglichen und aktualisiert werden. Wenn der Patient beispielsweise umgezogen ist, braucht man dafür keine neue Karte mehr, sondern die Daten werden direkt online auf der Karte aktualisiert.

Brauche ich dafür eine neue Karte?

In der Regel nicht. Wer auf seiner Chipkarte rechts oben unter dem Schriftzug „Gesundheitskarte“ ein „G2“ stehen hat, bei dem ist alles gut. Wenn dort „G1“ steht, ist die Sache ungewiss, denn: Es gibt alte G1-Karten der ersten Generation, die nicht funktionieren und ungültig sind, und es gibt „G1+-Karten“, die funktionieren. Dummerweise steht aber in beiden Fällen nur „G1“ auf der Karte. Hier sollte man prüfen, ob man vielleicht eine alte G1-Gesundheitskarte nutzt, obwohl man eine neue erhalten und im Schrank liegen hat. Wenn das nicht der Fall ist, sollte man zur Sicherheit bei seiner Krankenkasse nachfragen. Die Krankenkassen müssen dafür sorgen, dass bis Ende des Jahres alle Versicherten eine für die neue Technik kompatible Karte haben.

Welche Daten werden auf der Karte gespeichert?

In einem ersten Schritt werden auf der Chipkarte nur die sogenannten Stammdaten gespeichert, das heißt: Name, Geburtsdatum, Alter, Geschlecht, Angaben zur Krankenversicherung und zum Versichertenstatus (selbst versichert, Familienversicherter oder Rentner). Gegen die Speicherung dieser Daten auf der Chipkarte kann ich mich als gesetzlich Versicherter nicht wehren, sie sind verpflichtend.

Aber die Patientenakte kann mehr, oder?

Ja, nach und nach soll die Karte zur eigentlichen Patientenakte ausgebaut werden. Es sollen immer mehr Funktionen genutzt werden können. Dabei ist wichtig: Alle Funktionen, die über die Stammdaten hinausgehen, dürfen nur bei einer ausdrücklichen Zustimmung des Patienten genutzt werden. Diese Funktionen sind absolut freiwillig. Der Patient entscheidet, was in der Patientenakte gespeichert wird und was nicht.

Von welchen Funktionen reden wir hier?

Da sind an erster Stelle die Notfall-Daten zu nennen. Dazu können etwa die Blutgruppe gehören, Angaben zu chronischen Erkrankungen, zu Allergien und zu regelmäßig eingenommenen Medikamenten. Hier kann auch der Kontakt zu Menschen gespeichert werden, die im Notfall zu informieren sind.

Was ist noch möglich?

Gespeichert werden kann auch ein Medikationsplan, um unerwünschte Wechselwirkungen zu vermeiden, wenn Arzneien von unterschiedlichen Ärzten verordnet werden. Außerdem können dort ärztliche Befunde, Labordaten, Impfungen, Röntgenbilder und auch Diagnosen gespeichert und vom Arzt auch zu einem anderen Arzt auf elektronischem Wege verschickt werden. Auch diese Funktion darf nur genutzt werden, wenn der Patient dem zustimmt. Gleiches gilt für das geplante Patientenfach, in dem der Patient selbst gesundheitsrelevante Daten ablegen können soll: etwa die Werte von Blutdruckmessungen, die er selbst durchgeführt hat, oder von Fitness-Uhren.

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Wie kann der Patient sicher sein, dass auf der Karte nur die Daten gespeichert werden, bei denen er zugestimmt hat?

Bevor ein Arzt medizinische Daten für einen Patienten erfassen darf, muss er einmalig die schriftliche Zustimmung des Patienten einholen. Der Patient kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen. Zudem muss der Patient dem Zugriff auf seine Daten durch einen anderen Arzt zustimmen. Sobald medizinische Daten auf der Karte gespeichert werden, erhält der Patient von seiner Krankenkasse – wie bei Bankkarten bekannt – eine PIN, eine nur ihm bekannte persönliche Identifikations-Nummer. Diese muss er eingeben, damit ein Arzt auf seine medizinischen Daten zugreifen kann.

Und wenn ich das kontrollieren möchte?

Auf der Chipkarte wird ein Protokoll gespeichert. Das hält fest, wann welcher Arzt welche medizinischen Daten abgerufen hat.

Wie ist sichergestellt, dass nicht etwa eine Aushilfe in der Arztpraxis alle Daten einsehen kann?

Um die abgespeicherten medizinischen Daten abrufen zu können, muss nicht nur die Gesundheitskarte ins eingeführt werden, sondern auch der Heilberufsausweis des Arztes (Zwei-Karten-Prinzip). Weitere Praxismitarbeiter können mit einem Praxis-Ausweis ebenfalls auf die Daten zugreifen, sofern der Arzt dies zuvor genehmigt hat.

Was ist in einem Notfall?

Ein Arzt oder Sanitäter kann in einem Notfall die vom Patienten freiwillig auf der Karte gespeicherten Notfall-Daten auch abrufen, ohne dass der Patient seine PIN eingeben muss.

Was muss noch passieren, damit die elektronische Patientenakte kommt?

Alle Arztpraxen, die gesetzlich Versicherte behandeln, ebenso wie Krankenhäuser müssen mit einer speziellen Technik ausgerüstet werden – vom Kartenlesegerät über einen speziell gesicherten Konnektor (Router) bis zu einer verschlüsselten Datenleitung. So soll sichergestellt werden, dass die Daten nicht in falsche Hände geraten. Die komplette Technik hinter der neuen Patientenakte firmiert unter dem Begriff Telematik.

Kann ich die auf der Gesundheitskarte gespeicherten Karte auch zu Hause, am Computer oder auf dem Smartphone einsehen?

Noch nicht, aber das soll künftig auch möglich sein, teilt das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage mit. Ebenfalls solle, so das Ministerium, in weiteren Ausbaustufen der Patient auch die Möglichkeit haben, einzusehen, was der Arzt an Leistungen für ihn abgerechnet hat.

Wie erfahre ich, wann welche Dienste auf meiner Gesundheitskarte möglich sind?

Das ist Sache der einzelnen Krankenkasse, die ihre Kunden rechtzeitig über die Veränderungen informieren muss.

Wer zahlt die Umrüstung der Arztpraxen?

Die Krankenkassen. Sie erstatten dem Arzt nicht nur die Anschaffungskosten für die Grundausstattung (Das sind rund 2350 Euro), sondern auch beispielsweise die Kosten für ein mobiles Kartenterminal, wenn der Arzt Hausbesuche macht. Außerdem gibt es eine Starterpauschale von 900 Euro für die Installation, Schulungen etc., sowie eine Betriebskostenpauschale von 248 bis 298 Euro pro Quartal. Bis zum 1. Januar 2019 müssen alle Arztpraxen an das neue System angeschlossen sein. Die Erstattung für die Installations-Kosten erhalten die Ärzte, sobald die Technik das erste Mal für Patienten genutzt wurde, nicht früher. Ärzten oder Psychotherapeuten, deren Praxen zum 1. Januar 2019 nicht startklar für die neue Patientenakte sind, droht ein Honorarabzug von einem Prozent.

Wer hat bei alledem eigentlich den Hut auf, wer steuert diesen ganzen Umstellungsprozess?

Hier kommt die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (Gematik) ins Spiel. Sie wurde 2005 von den Spitzenorganisationen des deutschen Gesundheitswesens gegründet. Gesellschafter sind je zur Hälfte die Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser auf der einen, der Anwender-Seite, und der Verbund der Krankenkassen auf der anderen, der Kostenträger-Seite. Die Gematik steuert den Prozess und wird dabei begleitet von Datenschützern, Ländervertreten, Patientenvertretungen und anderen. Die Gematik überprüft auch die technischen Geräte, die private Firmen für den Aufbau der Infrastruktur anbieten wollen, und erteilt oder verweigert nach einer Prüfung auch die Zulassung.

Was kostet das Ganze den Patienten?

Die Gematik hat die Gesamtkosten des Projekts auf rund 14 Milliarden Euro geschätzt. Eine Antwort auf die Frage, ob der Kostenrahmen eingehalten wird, gab die Gematik nicht. Der Spitzenverband der Krankenkassen, 50-prozentiger Gematik-Gesellschafter, finanziert seinen Anteil an den Kosten mit einem Betrag von einem Euro je Mitglied und Jahr der Gesetzlichen Krankenversicherung.