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Eltern auf Zeit

WEITMAR Große braune Augen, ein neugieriger Blick und ein breites Grinsen - so werden Besucher derzeit im Haus der Kortes empfangen. Seit April lebt der kleine Tom* bei der Familie in Bereitschaftspflege. Offensichtlich fühlt er sich pudelwohl.

von von Angela Wiese

, 01.08.2008

Kein Wunder, bietet doch schon das Wohnzimmer dafür optimale Bedingungen: Soweit die Augen des fast Eineinhalbjährigen reichen, erblicken sie Möglichkeiten zum Spielen.

Kleiner Wildfang

Da wäre der Laufstall mit den vielen bunten Bällen, in denen Tom baden kann. Dann sind da noch die Spielzeuge, die sich auf der großen Decke verteilen, die Anneliese und Peter Korte* in der Mitte des Wohnzimmers ausgebreitet haben. Und genau die hat es Tom scheinbar besonders angetan, auf der krabbelt er rum und wälzt sich ausgelassen.

"Jetzt ist er ein richtiger kleiner Wildfang", sagt Peter Korte. Am Anfang, erinnert sich der 60-Jährige, sei das anders gewesen, da habe er nur still dagelegen. "Einen Monat hat es schon gedauert, bis er sich eingewöhnt hat", sagt seine Frau Anneliese*. Bis heute sei er schreckhaft.

Weil seine Mutter Alkoholprobleme habe und es Stress zwischen den Eltern gebe, sei Tom jetzt vorübergehend bei den Kortes, erklärt Sozialarbeiterin Brigitte Dunker, die die Bereitschaftspflege betreut. Wie lange, das stehe noch nicht fest. "Das weiß man nie", weiß Anneliese Korte aus Erfahrung.

Seit zehn Jahren nimmt die Familie immer wieder Bereitschaftskinder auf, dreizehn seien es bisher insgesamt. Einige Kinder blieben nur wenige Tage, andere länger, eines sogar 18 Monate lang. "Vom Bindungsverhalten der Kinder her wären drei Monate ideal, das gibt es faktisch aber kaum", erklärt Brigitte Dunker. Gründe dafür seien zum Beispiel Gerichtsverfahren, die sich hinziehen, weil Gutachten erstellt werden müssen oder auch suchtkranke Eltern, die rückfällig werden und ihre Therapie abbrechen.

Immer wieder Abschied

Immer wieder steht also sowohl für die Kinder als auch für die Kortes der Abschied zwangsläufig an. "Wir haben zwar eine enge Beziehung zu den Kindern, aber wir kennen das Ablösen ja schon", sagt Anneliese Dunker. Um es den Kindern leichter zu machen, sei es wichtig, irgendwann den Kontakt zu stoppen, beschreibt die 55-Jährige. Vorher gebe es jedoch immer eine lange andauernde Rückführung, bei der das Kind langsam wieder an seine Herkunftsfamilie gewöhnt werde.

Schöne Zeit

"Eine andere Pflegemutter hat die Situation mal sehr treffend beschrieben", sagt Brigitte Dunker, "sie meinte: Meine Aufgabe ist es , dem Kind eine schöne Zeit zu machen, solange ich das kann". "Mehr kann man auch nicht", sagt Anneliese Korte zustimmend. "Man darf nur nicht zu viel nachdenken", erklärt sie. Nicht zu viel nachdenken also über die leiblichen Eltern oder darüber, wie es den Kindern nach der Rückführung ergeht.

Der "Job" der Bereitschaftspflege erfordert in jedem Fall eins: Eine große Liebe zu Kindern. Schließlich sind viele der Kinder traumatisiert und brauchen eine intensive Betreuung, inklusive vieler Arztbesuche und regelmäßiger Krankengymnastik, wenn etwa die motorischen Fähigkeiten unterentwickelt sind. Diese Liebe haben die Kortes. "Ich habe immer Kinder gehabt. Wenn es nicht meine eigenen waren, dann waren es eben die Nachbarskinder." Ein volles Haus mit den eigenen Kindern, den Enkeln und dem Pflegekind sei für Anneliese Korte einfach das Schönste.

Namen von der Red. geändert.