Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Erdogan, Putin und Ruhani zeigen Geschlossenheit

Ankara. Die Türkei, Russland und der Iran mischen selber kräftig im Syrien-Krieg mit - auf unterschiedlichen Seiten. Bei einem Gipfeltreffen plädieren ihre Präsidenten für ein Ende der Gewalt. Der deutsche Staatsminister Niels Annen spricht von einem „Kriegsgipfel“.

Erdogan, Putin und Ruhani zeigen Geschlossenheit

Der türkische Präsident Erdogan (r), Russlands Präsident Putin (M) und der iranische Präsident Ruhani bei einem Dreiergipfel im November 2017 im russischen Sotschi. Foto: Kayhan Ozer/Pool Presidential Press Service/AP

Die Türkei, Russland und der Iran haben bei einem Gipfeltreffen zu Syrien Geschlossenheit demonstriert - obwohl sie unterschiedliche Interessen in dem Bürgerkriegsland verfolgen.

In einer gemeinsamen Erklärung nach dem Treffen am Mittwoch in Ankara bekannten sich die Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Wladimir Putin und Hassan Ruhani dazu, ihre Bemühungen für ein Ende der Gewalt in den sogenannten Deeskalationszonen zu verstärken. Dasselbe gelte für den Schutz von Zivilisten dort. Die drei Länder wollten stärker darauf hinwirken, dass humanitäre Hilfe Notleidende in diesen Zonen erreiche.

Konkrete Pläne, wie die Gewalt gestoppt werden soll, wurden in der Erklärung nicht benannt. Besonders für die Zivilisten in Ost-Ghuta - einer der vier Schutzzonen, auf die sich die selbsternannten Garantiemächte Türkei, Russland und Iran im vergangenen Jahr verständigt hatten - dürfte das in Ankara beschlossene Papier fast schon zynisch wirken. Mit Unterstützung Russlands und des Irans hat die syrische Regierung die Region kürzlich in blutigen Kämpfen weitgehend zurückerobert.

Mehr als 133.000 Menschen hatten das Gebiet östlich der Hauptstadt Damaskus nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) wegen der heftigen Kämpfe verlassen. Sie leben jetzt als „intern Vertriebene“ in anderen Gebieten in Syrien. Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden in Ost-Ghuta seit Mitte Februar mehr als 1600 Zivilisten getötet. Putin sagte am Mittwoch bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Erdogan und Ruhani: „Dank der engen Zusammenarbeit der Garantiemächte haben wir die Gewalt in Syrien drastisch reduziert.“

Die Erklärung von Ankara liest sich in Teilen wie ein Appell besorgter Staaten, die selber keine Akteure in Syrien sind. Das Gegenteil ist aber der Fall: Die Türkei, Russland und der Iran - die ihre gemeinsame Syrien-Initiative 2017 begonnen hatten - sind maßgeblich an dem Konflikt beteiligt. Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Niels Annen (SPD), nannte das Treffen in Ankara im ARD-„Morgenmagazin“ denn auch einen „Kriegsgipfel“.

Tatsächlich ist Syriens Präsident Baschar al-Assad nur dank seiner Schutzherren in Moskau und Teheran noch an der Macht. Die Türkei unterstützt nicht nur oppositionelle Kräfte in Syrien, sondern ist selber erst im Januar im nordsyrischen Afrin einmarschiert. Erdogan sagte am Mittwoch dennoch: „Die territoriale Integrität Syriens ist für uns unerlässlich.“

In Afrin bekämpfen türkische Truppen die Kurdenmiliz YPG, die die Regierung in Ankara als Terrororganisation einstuft. In der Erklärung heißt es nun, die drei Präsidenten lehnten alle Versuche ab, „unter dem Vorwand des Kampfes gegen Terrorismus neue Realitäten am Boden zu schaffen“. Aus Sicht von Kritikern - die die Offensive in Afrin für völkerrechtswidrig halten - tut die Türkei allerdings genau das.

Erdogan sieht das freilich ganz anders, er beansprucht für die Türkei eine Sonderrolle. „Es gibt kein anderes Land, das in derselben Lage ist wie wir hier“, sagte er nach dem Gipfel. „Wir sind ein Land, dass eine 911 Kilometer lange Grenze mit Syrien teilt.“

Allerdings zeigten sich an Afrin und der YPG - bei allen Bemühungen um Geschlossenheit in Ankara - deutliche Differenzen zwischen der Türkei, Russland und dem Iran. Ruhani - immerhin gerade zu Besuch in Ankara - forderte den Gastgeber nach Angaben der Nachrichtenagentur Isna dazu auf, die eroberte Region Afrin an die syrische Regierung zu übergeben. Auch wenn er die Türkei dabei nicht beim Namen nannte, war klar, wen er meinte.

Bezeichnend auch: In der Erklärung betonen die drei Präsidenten ihre Entschlossenheit, die Terrorororganisationen Islamischer Staat (IS), Nusra-Front und Al-Kaida sowie mit ihnen verbündete Individuen und Gruppen zu vernichten. Den Kampf gegen diese Gruppen hatten Syrien und seine Verbündeten zuletzt immer wieder zum Anlass genommen, auch in den sogenannten Deeskalationszonen weiter zu kämpfen und Luftangriffe zu fliegen. Nicht in der Aufzählung enthalten: die YPG, die Erdogan dort mit Sicherheit gerne genannt gesehen hätte.

Putin legte den Fokus statt auf den Militäreinsatz eher auf den Wiederaufbau des in großen Teilen zerstörten Landes. „Unabhängig von einer politischen Lösung ist es notwendig sicherzustellen, dass die Menschen unter normalen Verhältnissen leben“, zitierte ihn die russische Agentur Tass. Russland, die Türkei und der Iran würden dem Wiederaufbau des Landes besondere Aufmerksamkeit widmen. Kritiker warfen Syrien und seinen Verbündeten zuletzt immer wieder vor, Oppositionelle zu enteignen und umzusiedeln.

Während Erdogan den syrischen Präsidenten Assad in der Vergangenheit wiederholt einen „Mörder“ nannte, sagte Ruhani nun: „Respekt für die Regierung und die territoriale Integrität Syriens ist die Bedingung für Frieden und Stabilität in dem Land.“ Er fügte hinzu: „Die Zukunft Syriens muss von Syrern selbst und nicht von ausländischen Regierungen bestimmt werden.“ Darüber beraten Erdogan, Putin und Ruhani dann beim nächsten Dreiergipfel. Für dieses Treffen gibt es zwar noch kein Datum. Festgelegt wurde am Mittwoch aber, dass der nächste Gipfel im Iran stattfinden wird.

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Ausland

Merkel soll sich in Peking für Liu Xia einsetzen

Peking. Beim Besuch der Kanzlerin in China werden globale Politik und Wirtschaftsthemen im Mittelpunkt stehen. Bürgerrechtler hoffen, dass Merkel die schlechte Menschenrechtslage in der Volksrepublik dabei nicht verschweigen wird.mehr...

Ausland

Maas' Expedition ins transatlantische Tief

Washington. Erst der Klimaschutz, dann die Strafzölle, jetzt das Iran-Abkommen: Wohl noch nie war die Liste der Streitpunkte zwischen EU und USA so lang, noch nie waren die Differenzen so tiefgehend. Für Außenminister Maas gibt es darauf nur eine Antwort.mehr...

Ausland

Palästinenser: Weltstrafgericht muss gegen Israel ermitteln

Den Haag/Ramallah. Illegale Siedlungen, Verfolgung, Vertreibung, Tötungen: Die Palästinenser wollen Israel dafür vor Gericht bringen. Der Druck auf die Ankläger in Den Haag nimmt zu.mehr...

Ausland

Rätselraten um Gipfel zwischen Trump und Kim

Washington. Nach Nordkorea setzt jetzt auch Donald Trump ein Fragezeichen hinter das erst kürzlich terminierte Gipfeltreffen in Singapur. Der US-Präsident zeichnet jedoch weiter die Vision eines prosperierenden Nordkoreas. Und sein Außenminister sagt noch etwas anderes.mehr...

Ausland

Venezuela immer weiter isoliert

Caracas. Staatschef Maduro feiert seinen „historischen“ Wahlsieg. Mit dem gegen allen Widerstand durchgedrückten Triumph manövriert sich die Regierung des südamerikanischen Landes allerdings immer weiter ins Aus. Länder aus der ganzen Welt erkennen das Ergebnis nicht anmehr...

Ausland

Maas beschwört enge Bindung zu USA trotz Differenzen

Washington. Die USA wollen den Iran auf die harte Tour bändigen. Die Europäer setzen auf wirtschaftliche Anreize. Es ist ein Kräftemessen mit ungewissem Ausgang - und kaum Kompromissmöglichkeiten. Was ist da für Außenminister Maas beim Antrittsbesuch in Washington überhaupt zu holen?mehr...