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Erdogan bittet Landsleute um Hilfe gegen Lira-Absturz

Istanbul. Die Lira fällt und fällt. Maßnahmen der türkischen Zentralbank scheinen zu verpuffen. Erdogan setzt nun mit einem ungewöhnlichen Aufruf auf Unterstützung seiner Landsleute. Ökonomen sprechen von einer Verzweiflungstat.

Erdogan bittet Landsleute um Hilfe gegen Lira-Absturz

Präsident Erdogan am 19. Mai im Präsidentenpalast in Ankara. Die türkische Lira ist wieder auf Talfahrt gegangen. Foto: Pool Presdential Press Service/AP

Angesichts des dramatischen Wertverfalls der Lira hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seine Landsleute zum Umtausch ihrer Dollar- und Euro-Ersparnisse in die heimische Währung aufgerufen.

„Meine Brüder, die Dollar oder Euro unter ihren Kopfkissen haben, geht und legt euer Geld in Lira an. Wir werden zusammen diesen Komplott vereiteln“, sagte Erdogan am Samstag auf einer Wahlkundgebung in der osttürkischen Stadt Erzurum.

Seit Jahresbeginn hat die Lira gegenüber dem Dollar und dem Euro mehr als 20 Prozent an Wert verloren. Besonders dramatisch stürzte die Lira am vergangenen Mittwoch ab. Die Zentralbank beschloss daraufhin in einer Krisensitzung, den Leitzins anzuheben, um die Lira zu stützen. Die Währung gab aber am Tag darauf schon wieder nach. Am Sonntag war ein Euro rund 5,5 Lira wert.

Der Verfall der Lira könnte Erdogan bei den Parlaments - und Präsidentenwahlen am 24. Juni zahlreiche Stimmen kosten. Der Präsident ist bei seinen Anhängern unter anderem deshalb so beliebt, weil er ihnen wirtschaftlichen Wohlstand brachte. Nun fürchten viele eine Wirtschaftskrise.

Erdogan selbst sieht hinter dem Verfall der Lira und der hohen Inflation von mehr als zehn Prozent keine ökonomische Gründe, sondern eine Verschwörung heimischer und ausländischer Finanzkräfte, die die türkische Wirtschaft destabilisieren wollten und seine Abwahl befürworteten. Auch am Samstag drohte er, der Finanzsektor würde einen „hohen Preis“ bezahlen, wenn dieser Teil der „Manipulation“ der Märkte würde.

Experten führen den Verfall der Lira vor allem auf das hohe türkische Leistungsbilanzdefizit sowie die niedrigen Realzinsen - die Zinsen abzüglich der Inflation - zurück. Generell reagiert eine Zentralbank mit deutlichen Zinserhöhungen, um die Inflation und den Wertverfall der eigenen Währung zu stoppen. Erdogan spricht sich jedoch vehement gegen Zinserhöhungen aus. Unter anderem weil diese das Wirtschaftswachstum von 7,4 Prozent im vergangenen Jahr abwürgen könnten.

Verstärkt wurde der Werteverlust der Lira durch Äußerungen Erdogans, wonach er bei einer Wiederwahl die Kontrolle über die Notenbank - die eigentlich unabhängig sein sollte - verstärken wolle.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher sagte dem „Handelsblatt“ die Ankündigung Erdogans, die Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank aufzuheben und selbst deren Entscheidungen treffen zu wollen, sei „einer der zentralen Gründe für die Währungskrise der Türkei“. Fratzscher fürchtet, dass immer mehr Türken das Land verlassen oder zumindest ihren Wohlstand außer Landes bringen werden. Vor allem viele türkische Unternehmer und Investoren hätten Vertrauen in Erdogans Wirtschaftspolitik verloren. „Die türkische Währung wird ihren Fall fortsetzen, wenn die türkische Regierung ihre Manipulation der Wirtschaft fortsetzt, aber auch wenn sie die Demokratie und Menschenrechte weiterhin beschneidet“, sagte Fratzscher.

Ifo-Präsident Clemens Fuest verwies darauf, 2017 habe die türkische Regierung mit extrem expansiver Konjunkturpolitik das Wirtschaftswachstum in der Türkei angeheizt, vor allem durch staatliche Kreditgarantien. „Nun bekommen die internationalen ebenso wie die heimischen Investoren kalte Füße und verkaufen Lira“, sagte er dem Blatt: „Der Aufruf Erdogans an die eigenen Landsleute, Lira zu kaufen, ist eine Verzweiflungstat und eher kontraproduktiv.“ Er zeige nur, dass der Präsident offenbar einen weiteren Verfall der Währung befürchte.

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