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Extremes Übergewicht: Eine OP als letzte Chance

Ibbenbüren (dpa) Der Tag, an dem sie «zweistellig» wurde, ist für Jessica L. wie ein zweiter Geburtstag. «Als die Waage zum ersten Mal unter 100 Kilo geblieben ist, war das ein total erhebendes Gefühl», erzählt sie glücklich.

Extremes Übergewicht: Eine OP als letzte Chance

Bei extremen Übergewicht steigt die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck oder Gelenkarthrosen zu erkranken. (Bild: dpa)

Die 34-Jährige trägt einen knielangen Rock und eine kurze Bluse. Noch vor wenigen Monaten hat sie ihre üppigen Formen unter wallenden Oberteilen und weiten Hosen versteckt. Bei jedem Café-Besuch hatte die lebenslustige Frau Angst, in den engen Bistro-Stühlen stecken zu bleiben.

Damals wog Jessica 146 Kilo bei einer Körpergröße von 1,69 Meter. Seitdem sind eineinhalb Jahre vergangen, und die dreifache Mutter ist rund einen Zentner leichter. Ein kleines, etwa zwölf Millimeter breites Band hat ihr wieder Figur und Lebensfreude gegeben. Clemens Knappmann, leitender Oberarzt der Abteilung für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Klinikum Ibbenbüren, hat Jessica vor 18 Monaten das Magenband eingesetzt. Der Silikonring schnürt das obere Drittel ihres Magens fast völlig ein. Seit der Operation kann Jessica nur noch Kinderportionen verspeisen.

Anfang 2008 wurde am Klinikum Ibbenbüren ein Adipositaszentrum für Schwergewichtige gegründet. Bundesweit haben sich mittlerweile zahlreiche Einrichtungen auf die Behandlung der Adipositas (Fettleibigkeit) spezialisiert. Der Bedarf ist groß: Jeder fünfte Deutsche ist laut nationaler Verzehrstudie stark übergewichtig. «Knapp zwei Prozent haben sogar extremes Übergewicht», sagt Knappmann.

Für die Betroffenen sind die zusätzlichen Pfunde weit mehr als ein kosmetisches Problem. Mit der schweren Last steigt die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck, Gelenkarthrosen und bestimmten Krebsleiden zu erkranken. Bei stark übergewichtigen Patienten ohne eine dieser schweren gesundheitlichen Störungen versuchen Knappmann und seine Kollegen, dem Körperfett zunächst mit den üblichen Verfahren zu Leibe zu rücken: Ernährungsumstellung, mehr Bewegung, Verhaltenstherapie. In einigen Fällen unterstützen Medikamente die Diät.

Doch ein BMI (Body-Mass-Index) von 40 gilt dem Arzt als «Schallgrenze». Übersteigt das Gewicht dieses Maß, rät er zur Operation. Zunächst zum Magenband, bei schwereren Fällen auch zum Magenbypass oder sogar zur Schlauchmagenbildung. «Die Wahrscheinlichkeit, ohne Operation dauerhaft abzunehmen, liegt bei einem BMI über 40 bei nur rund fünf Prozent», sagt Knappmann. Abnehmen könne beinahe jeder. Das Gewicht langfristig zu halten, gelinge dagegen den wenigsten.

Auch Jessica hat 13 Jahre lang erfolglos gegen den berüchtigten Jo-Jo-Effekt gekämpft. Nach drei Schwangerschaften blieben der 34-Jährigen jedes Mal überflüssige Kilos, die sie mit Akupunktur, Trennkost und immer neuen Diäten abspecken wollte. Anfangs purzelten die Pfunde. «Dann habe ich wieder normal gegessen und hatte das Doppelte wieder drauf.» Ihr Gewicht geriet außer Kontrolle.

Sie suchte sich ärztliche Hilfe. Doch die kann mitunter teuer werden. «In Deutschland gilt Adipositas zwar aus medizinischer, aber nicht aus gesundheitspolitischer Sicht als Krankheit», sagt Stefanie Gerlach von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. Dabei sei krankhafte Fettleibigkeit für viele Betroffene eine lebenslange Erkrankung, die in Schüben verlaufe und mit der Zeit immer mehr medizinische und psychosoziale Folgeprobleme nach sich ziehe.

So gehöre die ärztlich kontrollierte Ernährungs-, Verhaltens- und Bewegungstherapie nur zu den «Kann-Leistungen» der gesetzlichen Krankenkassen. Ebenso problematisch ist die Kostenübernahme bei einer Operation. Der chirurgische Eingriff ist teuer und macht eine lebenslange Nachsorge nötig. «Es wäre tragisch, wenn die OP zum Mittel der Wahl würde», sagt Bärbel Brünger, Sprecherin des Verbands der Angestellten-Krankenkassen.

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung hat vor einigen Monaten Leitlinien für die Kostenübernahme formuliert. Eine wesentliche Voraussetzung: «Konservative» Therapien müssen nachweislich ausgeschöpft sein. «Wer sich diese Therapie nicht leisten kann, bekommt auch eine Operation nicht genehmigt», bemängelt Gerlach. Jessica hat die Operation aus eigener Tasche bezahlt. 20 Kilogramm möchte sie noch abnehmen. Aber sie ist schon jetzt wieder zufrieden mit sich. «Ich kann endlich wieder in die Öffentlichkeit gehen, ohne wie eine Aussätzige behandelt zu werden.»

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