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Ferrante-Übersetzerin: Erfolg war nicht absehbar

Berlin. Die Bücher von Elena Ferrante um zwei Frauen aus Neapel sind weltweit Bestseller geworden. Ins Deutsche übersetzt hat die vier Bände Karin Krieger. Dass die Tetralogie so einschlagen würde, hat die Übersetzerin nicht geahnt.

Ferrante-Übersetzerin: Erfolg war nicht absehbar

Die Übersetzerin Karin Krieger. Foto: Suhrkamp

„Meine geniale Freundin“, „Die Geschichte eines neuen Namens“, „Die Geschichte der getrennten Wege“ und jetzt „Die Geschichte des verlorenen Kindes“: Die Übersetzerin Karin Krieger hat die vier Bände der italienischen Bestseller-Autorin Elena Ferrante ins Deutsche übersetzt.

Neben ganz genauer Lektüre ist Krieger dafür nach Neapel gereist, hat alte italienische Filme angesehen und sich einen Stadtplan der süditalienischen Hafenstadt über den Schreibtisch gehängt, wie sie im Interview der Deutschen Presse-Agentur schildert.

Frage: Wie viele Seiten übersetzen Sie pro Tag, und wie lange brauchen Sie für einen ganzen Band im Durchschnitt?

Antwort: Wie viel Zeit für die Übersetzung eines Buches nötig ist, hängt stark von der Qualität des jeweiligen Textes ab, es lässt sich nicht verallgemeinern. Bei Elena Ferrantes Neapel-Tetralogie waren es zwischen vier und sieben Seiten pro Tag. Doch damit ist es ja nicht getan. Ich feile meine Übersetzungen wieder und wieder zurecht, probiere während des gesamten Arbeitsprozesses die verschiedensten Versionen aus und bin ständig auf der Jagd nach dem richtigen Wort. An jedem der vier Bände habe ich gut ein halbes Jahr gearbeitet. Aber Zahlen sind literarisch uninteressant.

Frage: Haben Sie Neapel und die Schauplätze besucht?

Antwort: Ja, ich war in Neapel, um in die sonderbare, einzigartige Atmosphäre dieser Stadt einzutauchen, wo, um es mit Goethe zu sagen, „unterm reinsten Himmel der unsicherste Boden“ zu finden ist. Ich habe den Dialekt und den scharfen Kontrast von Licht und Schatten aufgesogen. Zwar habe ich mir auch einige Schauplätze des Romans angesehen, halte es aber eher mit Ferrante, die der Ansicht ist, Orte der Fantasie besuche man besser in den Büchern, sonst sei man schnell enttäuscht.

Mit viel Gewinn habe ich auch Curzio Malapartes beeindruckendes, verstörendes Buch „Die Haut“ noch einmal gelesen. „Neapel ist keine Stadt, Neapel ist eine Welt“, heißt es darin. Wie wahr.

Um das Aussehen Neapels in den 50er Jahren und den damaligen Lebensalltag zu studieren, habe ich mir italienische Filme aus dieser Zeit angesehen. (...) Und die ganze Zeit über hing während meiner Arbeit an der „Genialen Freundin“ ein großer Stadtplan von Neapel in meinem Arbeitszimmer.

Frage: Was ist die Herausforderung an der Übersetzung von Elena Ferrante, sie schreibt ja viel im Dialekt, lässt sich das überhaupt ins Deutsche transportieren?

Antwort: Nein, Ferrante schreibt nicht im Dialekt, obwohl er häufig thematisiert wird. Sie verwendet nur hin und wieder ein paar neapolitanische Schimpfwörter. Ein Dialekt lebt von seiner Mündlichkeit. Ferrante hält Versuche, ihn zu verschriftlichen, nach eigener Aussage oft für linkisch oder gar zum Scheitern verurteilt. Um nicht in diese Falle zu tappen, schreibt sie oft: „Sagte sie im Dialekt …“, ohne ihn jedoch auszuformulieren. Für mich als Übersetzerin war das ein Glück. Denn ein Dialekt ist untrennbar mit dem Ort verbunden, an dem er gesprochen wird. Man kann ihn nicht einfach durch einen anderen ersetzen. Bayerisch oder Plattdeutsch statt Neapolitanisch? Undenkbar!

Das Neapolitanische ist für Ferrante zudem vorrangig mit Brutalität, mit Gewalt verbunden. Sie verwendet die italienische Sprache wie eine Art Schutzwall gegen den schlammigen, ungestümen Strom dieses Dialekts, den sie wie eine ferne Bedrohung nur anklingen lassen will.

Frage: Auf welchem Weg und wie oft kommunizieren Sie während Ihrer Arbeit mit Elena Ferrante?

Antwort: Ich stehe schriftlich mit ihr in Kontakt. Dabei geht es oft um die verschiedenen Nuancen, die ein Wort haben kann, um Assoziationen, die ausgelöst oder vermieden werden sollen. Da ich die Autorin nicht unnötig stören möchte, sammle ich meine Fragen in ein oder zwei E-Mails pro Buch, die ich ihr gegen Abschluss einer Übersetzung schicke. Mit jedem Band wurden es weniger.

Frage: Haben Sie damit gerechnet, dass die Bücher ein solcher Erfolg werden, als Sie angefangen haben, sie zu übersetzen?

Antwort: Da ich es schon oft erlebt habe, dass wunderbare Bücher auf dem Markt zwischen viel Blödsinn und Mittelmaß untergegangen sind, bin ich bei Erfolgsprognosen stets skeptisch. Ich konnte mir sofort vorstellen, dass die Tetralogie begeisterte Leser finden würde. Dass es so viele sein würden, war für mich nicht absehbar.

ZUR PERSON: Karin Krieger ist literarische Übersetzerin. Die 59-Jährige stammt aus Berlin und hat dort Romanistik studiert. Krieger übersetzt vor allem aus dem Italienischen und Französischen.

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