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Fitzek: "Menschen wie Trump faszinieren mich"

Autor im Interview

Neben Frank Schätzing räumt kein deutscher Spannungsautor so ab wie der Berliner Sebastian Fitzek (45), der seit zehn Jahren Thriller schreibt. Im Interview spricht er über seine Zeit als Außenseiter und kramt in einem Paket voller Kuriositäten, die von Meditation bis Donald Trump reichen.

BOCHUM

10.11.2016
Fitzek: "Menschen wie Trump faszinieren mich"

Krimi-Autor Sebastian Fitzek

„Das Paket“ heißt der neue Roman, dessen Startauflage üppige 200.000 Bände zählt. Auf seiner Lesereise macht Fitzek am Freitag, 11. November, im Bochumer RuhrCongress Station. 

Sebastian Fitzek, Sie verbreiten Angst und Schrecken, verursachen Schweißausbrüche und schlaflose Nächte. Und werden genau dafür geliebt. Wie wirkt das auf Sie?

Sebastian Fitzek: Das ist in der Tat etwas paradox.

Im „Paket“ wecken sie nun auch noch Ängste, in einem Berliner Hotelzimmer zu übernachten oder ein Paket für den Nachbarn anzunehmen. Singen Sie mich in den Schlaf, falls ich mich noch einmal nach Berlin trauen sollte?

Sebastian Fitzek: Ob Sie dann jemals einschlafen werden, wage ich zu bezweifeln. Unseren drei Kindern im Alter von drei bis sechs singt meine Frau vor. Ich darf nur noch Gute-Nacht-Geschichten erzählen. Fange ich mit „Lalelu“ an, stecken sie sich sofort die Finger in die Ohren.

Grauenvolles geschieht auch im neuen Thriller. Das Hotelzimmer, in dem die Psychiaterin Emma Stein vergewaltigt worden sein soll, ist ebenso unauffindbar wie ihr böser Schatten. Als sie ein Paket für einen unbekannten Nachbarn entgegennimmt, eskaliert die Situation. Alles erfunden?

Sebastian Fitzek: „Das Paket“ ist der beste Beweis, dass die Ideen selbst für Psychothriller aus dem Alltag heraus und nicht im Folterkeller entstehen. Ein solches Paket habe ich selbst einmal angenommen. Den Namen des Empfängers hatte ich in unserer kleinen Straße und der Umgebung, in der ich ja groß geworden bin, noch nie gehört. Also habe ich an dem Paket gerochen, es geschüttelt, und schon war ich mitten im eigenen Film.

In dem der echte Nachbar Ihnen schließlich auflauerte?

Sebastian Fitzek: Nein, der entpuppte sich als neu zugezogen und völlig harmlos. Aber es gibt andere Merkwürdigkeiten, etwa die moderne Paketverfolgung im Internet. Demnach soll in unserem Haus letztens jemand ein Paket angenommen und dafür unterschrieben haben, den wir gar nicht kennen. Ich sollte also schleunigst herausfinden, wer sich bei uns sonst noch unterm Dach versteckt.

Wie hat das ominöse Hotelzimmer sich in Ihr Leben geschlichen?

Sebastian Fitzek: Durch eine Freundin in New York. Als sie in ihrem Hotelzimmer aus der Dusche trat, wurde in dem Wassernebel auf dem Spiegel der Hilferuf „Help me“ sichtbar. Sie rief mich an und sagte: „Das ist ja wie in deinen Büchern.“ Ich antwortete: „Danke für die gute Idee.“ Hintergrund ist offenbar ein gängiger Scherz von Hotelgästen, die darauf spekulieren, dass die Reinigungskräfte nicht sorgfältig genug putzen. Bei mir steht allerdings: „Hau ab. Bevor es zu spät ist!“

Von Ihnen stammt auch der Satz: „Um Autor werden zu wollen, muss man ein bisschen bekloppt sein.“ Wie ist der seelische Zustand zehn Jahre später?

Sebastian Fitzek: Haha, das Schreiben hat jedenfalls nicht geschadet. Anfangs musste ich viele negative Gedanken ausblenden. Zum Beispiel die Frage: Ist es nicht verrückt, ein Buch zu schreiben, wo es schon so viele tolle Bücher gibt? Ich habe Scheuklappen aufgesetzt und mein Ding durchgezogen. Schreiben ist auch eine Art Therapie. In der Psychotherapie wird oft empfohlen, Tagebuch zu schreiben. Damit sind die Sorgen und Ängste zwar nicht verarbeitet, aber in eine gewisse Form gebracht. Insofern bin ich zehn Jahre später gewiss etwas ausgeglichener als zu Beginn meiner Karriere.

Zehn Jahre Autor, zehn plus ein Thriller - darf ich Ihnen eine Reihe Fragen stellen, auch wenn sie nur entfernt mit „zehn“ zu tun hat?

Sebastian Fitzek: Nur zu.

Wie würden Sie den Sebastian Fitzek im Alter von zehn Jahren beschreiben?

Sebastian Fitzek: Ein schüchterner Außenseiter in der Grundschule, der noch nicht einmal zum Fußballspielen in der Pause taugt. Dann kommt Ender, der Rüpel, Nerd und coolste Kerl der Schule in unsere Klasse. Sie setzen ihn neben mich, damit ich einen positiven Einfluss auf ihn ausübe. Er hat allerdings eine viel bessere Wirkung auf mich. Ich werde mutiger und mein Ansehen steigt enorm, weil er ausgerechnet mich mag. Das hat mein Leben mit zehn Jahren tatsächlich verändert. Wir sind heute noch sehr gute Freunde.

Lieber Zen oder Yoga?

Sebastian Fitzek: Zehn wie Zen, ha! Man sagt mir zwar nach, elastische Bänder und damit einen für Yoga geeigneten Körper zu haben. Ich finde das aber extrem anstrengend. Dann lieber Meditieren, wobei ich Autogenes Training favorisiere. Dafür bin ich aber wohl noch zu nervös. Als Vertreter der „On Demand“-Gesellschaft erwarte ich vermutlich Instant-Erfolge, die sich beim Meditieren aber nicht so einfach einstellen.

Würde eine größere innere Ruhe einen anderen Autoren aus Ihnen machen?

Sebastian Fitzek: Eigentlich bin ich immer dann kreativ, wenn ich viele Impulse bekomme und auf Hochtouren laufe. Fällt das weg, werde ich schlagartig faul. Also mache ich mir selbst gerne Druck, will den Kessel aber auch nicht immer überhitzen. Dann wäre es gut, mal kurz abschalten zu können. Zum Beispiel mit einem Buch oder mit Dingen, die das exzessive Handynutzen unmöglich machen.

Vorschlag: Könnten diese Dinge mit, Achtung, Zeh(e)n- oder Fingernägeln zu tun haben?

Sebastian Fitzek: In der Öffentlichkeit lassen sich wohl eher die Fingernägel verschönern, ohne dass es einen schlechten Eindruck macht. Auf keinen Fall kauen! Richtig eklige Sachen fallen dazu einer Freundin ein, die gerne „Wenn du müsstest...“ spielt und unappetitliche Speisen erfindet. Ihren „Lieblingssud“ würde ich aber weder in einem Buch noch in diesem Interview verwenden...

Dafür müssten Sie vielleicht „zehn Minuten unbeobachtet“ sein?

Sebastian Fitzek: Ja. Das ist ein großes Glück, auf Lesereise oder auf Buchmessen aber schwierig. An Berliner Tankstellen werde ich dagegen seltener erkannt. Maximal dann, wenn ich die EC-Karte mit meinem Namen zum Bezahlen gebe und mein Gegenüber zufällig ein Buch von mir gelesen hat. Einmal kramte eine Aushilfe tatsächlich eins meiner Bücher unter dem Tresen hervor und bat mich um eine Widmung.

Wem widmen Sie sich, wenn ich Ihnen „Zehn Minuten mit...“ schenken würde?

Sebastian Fitzek: Edgar Allan Poe, wenn er denn noch leben würde. Stephen King sofort. Auf jeden Fall Barack Obama. Und dem Opfer einer Gewalttat sowie dem Täter, aber nicht gleichzeitig. Mir wäre das Gespräch mit den Hinterbliebenen wichtiger. Viele Autoren haben ja bereits Serienkiller interviewt. Der großen Faszination, die von Ted Bundy oder Charles Manson ausgeht, möchte ich etwas entgegensetzen.

Wie weit gehen Ihre Recherchen im Opferkreise?

Sebastian Fitzek: Ich bin zwar als Botschafter eines Kindervereins in Essen aktiv, der sich gegen Misshandlungen einsetzt, und auch mit Opfern befreundet. In meinen Büchern versuche ich aber zu abstrahieren. Ich möchte nicht, dass Menschen sich an etwas unterhalten, das sich tatsächlich zugetragen hat.

Als ehemaliger Radiomacher dürfen Sie sich bis zu zehn Menschen für ein Interview aussuchen, welche?

Sebastian Fitzek: Da ich Tennis spiele, würde ich aus dem Sportbereich Sabine Lisicki und Boris Becker wählen. Dann Microsoft-Gründer Bill Gates; nein, eher seine Frau Melinda, weil mich die von ihr geführte Stiftung interessiert. Donald Trump würde ich schon allein deswegen zum Interview bitten, weil verhaltensauffällige Menschen mich faszinieren. Und aus dem Literaturbetrieb Patrick Süskind...

...der Autor von Das Parfum...

...aber das wäre aufgrund seiner großen Scheu vor der Öffentlichkeit eine Sensation.

Bleiben wir im Bereich des Unvorstellbaren. Wer ist Ihnen näher: ein Zenturio oder Zentaur?

Sebastian Fitzek: Als literarische Vorlage finde ich den Pferdemenschen interessanter, also den Zentauren. Wie der Psychothrill bewegen wir uns da an der Grenze zum Fantastischen. Und in gewissem Sinne steht das Mischwesen auch für eine gespaltene Persönlichkeit.

Die ein Autor auch sein muss?

Sebastian Fitzek: Weniger im Sinne von Schizophrenie oder multipler Persönlichkeit. Wir müssen eher empathisch in der Lage sein, uns in andere Menschen hinein zu versetzen. Wobei mir kurioserweise häufig gesagt wird, ich könne mich offenbar besser in eine Frau als in einen Serienmörder hinein denken. Die Vermutung, dass Frauen grundsätzlich schwieriger zu verstehen seien als Killer, kann stimmen. Die politische Korrektheit verbietet mir da aber eine abschließende Bewertung.

Dann entscheiden Sie bitte zwischen, Achtung, Zen-tis oder selbstgemachter Marmelade!

Sebastian Fitzek: Zentis, weil ich Marmelade nicht selbst machen kann. Ich habe sogar mal einen Thermomix in dem Glauben angeschafft, das wäre ein 3D-Drucker für Essen. Oben packst du alles rein und unten kommt es fertig raus. Ganz so idiotensicher ist der dann doch nicht. Da bleibe ich doch lieber der Einkäufer, das zumindest kann ich sehr gut.

Könnten Sie zehn Seiten Liebesgeschichte genauso gut schreiben wie einen Kurzkrimi?

Sebastian Fitzek: Für mich wäre die kurze Lovestory schwieriger, da ich ja nicht vom Fach komme. Als Leser würde ich auf die Liebesgeschichte setzen, sofern sie mich wirklich fesselt. Denn dann kann ich mich besser entspannen. Beim Thriller würde mein Hinterkopf doch immerzu analytisch mitlesen. Ans Herz gegangen sind mir zuletzt Jojo Moyes' „Ein ganzes halbes Jahr“ und die weniger bekannte Familiengeschichte „Entscheidungen“ des Thrillerautoren David Baldacci.

Welches Buch aus zehn Jahren Fitzek würden Sie Neueinsteigern empfehlen?

Sebastian Fitzek: Mein allererstes Buch, „Die Therapie“.

Weil es unerreicht ist?

Sebastian Fitzek: (lacht) Nein, weil es das Buch ist, das mich zum Autoren gemacht hat. Und weil es offensichtlich die Kraft besaß, ohne Marketing, ohne PR und nur mit einer kleinen Startauflage genügend Menschen zu begeistern. Und das in einem Maße, dass ich noch ein zweites Buch schreiben durfte.

 

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