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Frankfurts neuer Generalmusikdirektor im Interview

Frankfurt/Main (dpa) Mit Beginn der neuen Spielzeit wird Sebastian Weigle Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt.

Frankfurts neuer Generalmusikdirektor im Interview

Sebastian Weigle wird Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt.

dpa sprach mit ihm über spanische Lebenslust, die Dauerbeschallung des öffentlichen Raums, gute und schlechte Regisseure und seine Erfahrungen in Bayreuth. Die erste Premiere unter Weigles Dirigat ist für den 28. September mit der 1978 uraufgeführten Oper «Lear» von Aribert Reimann vorgesehen.

Was unterscheidet ihre neue Tätigkeit in Frankfurt von ihrer bisherigen Aufgabe in Barcelona?

Das ist eine ganz andere Art zu arbeiten. Wir haben dort ein Stagione-Prinzip. Ich mache dort eine Oper in sehr kurzem Zeitraum sehr oft. Hier gibt es ein Repertoire. Außerdem gibt es hier ein festes Sängerensemble. Das ist sehr schön, weil man den Weg der Sänger und die Entwicklung der Stimme verfolgen kann.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Das ist ja nun kein Geheimnis, dass meine Schwerpunkte im deutschen und im slawischen Repertoire liegen mit einigen Italienern dazwischen und ab und zu einem zeitgenössischen Werk. Ich möchte aber auch ein wenig flexibler werden und dem Publikum größtmögliche Abwechslung bieten. Wir sollten festhalten an dieser erfolgreichen Mischung aus Altbewährtem und Neuem.

Aber Wagner ist schon ein Schwerpunkt?

Und wie! Der ist aus meinem Leben überhaupt nicht wegzudenken. Wir werden uns den größten Wagner-Werken weiter widmen, sie im Repertoire halten und Neues präsentieren. Wir arbeiten ja schon längst am «Ring», der in der übernächsten Spielzeit beginnt. Das gehört mal wieder hier her und ist zudem auch ein langgehegter Wunsch von mir.

Wie haben Sie Ihr Engagement in Bayreuth 2007 erlebt?

Das ist schon faszinierend, umringt zu sein von einer Familie, die verwandt ist mit Richard Wagner! Und die Musiker sind eine Art von Familie. Dort herrscht eine andere Auffassungsgabe und ein anderer Impuls zu arbeiten. Meine erste Probe «Meistersinger» klang wie eine sehr gute Vorstellung an einem mittleren oder guten Haus. Das muss man sich mal vorstellen: Die erste Probe!

Welche Erfahrungen bringen Sie aus Berlin mit?

Daniel Barenboim war mein eigentlicher Lehrmeister. Wie er mit den Sängern arbeitete, wie er mit dem Text arbeitet - das war für mich das non plus ultra. Wie er versuche auch ich, den Text zu reflektieren, damit das Publikum nicht nur sinnlose Vokalisen zu hören bekommt. Er hat einen Weg entwickelt, wie man durch kurze Ansagen und knappe Gesten das Orchester schnell auf ein hohes Niveau bringt.

Was erwarten Sie von Sängern?

Viele junge Sänger werden heute zu stark gepusht. Nach zwei, drei Jahren versagt dann die Stimme und irgendwann können sie dann nicht mehr singen. Das ist eine absolute Katastrophe. Es gibt heute ein paar junge Sänger, die haben eine traumhafte Stimme, aber sie sind zehn Jahre zu jung für das Repertoire, das sie singen. Als GMD ist man auch immer ein bisschen eine Mischung aus Psychologe und Krankenpfleger.

Welche Regisseure schätzen Sie?

Ich akzeptiere Regisseure, die das Stück, das sie machen, gut kennen, eine Idee möglichst schon ein Jahr vorher haben, sich beraten lassen, welche Sänger passen, und vor allem sehr kooperativ sind mit der Musik. Es muss einfach spannendes Theater gemacht werden. Das sind wir dem Publikum schuldig. Das kostet alles Geld, nicht?

Wie modern soll oder darf die Regie sein, wenn Sie am Pult stehen?

Wir können das Publikum nicht immer verschrecken, aber ab und zu wirklich zum Denken anregen. Man muss sich schon mit dem heutigen Zeitgeist auseinandersetzen, es kann nicht immer Friede-Freude- Eierkuchen sein. Andererseits habe ich auch ein Problem, wenn man es zu sehr verkopft und das Publikum erst eine Einführung lesen muss, damit es weiß, woher der Regisseur seine Ideen hat.

Was finden Sie unerträglich?

Bebilderte Ouvertüren sind eine fürchterliche Sache. Wenn man mir das nicht hundertprozentig erklären kann, bin ich total dagegen. Ouvertüren sind eine Einstimmung zu dem Stück, man soll sich als Zuhörer zurücklegen und im Kopf sein eigenes Theater bauen.

Sie haben jahrelang als Hornist im Orchestergraben gesessen - inwiefern hat Sie das als Dirigent geprägt?

Das hat mir sehr geholfen. Der Dirigent hat dem Orchestermusiker gegenüber eine Verpflichtung. Ich muss klar und deutlich sein, so klar und deutlich, dass ich nicht einmal den Mund aufmachen muss. Ich vergleiche das immer mit einer Gebärdensprache. Allerdings: Musiker, die sich nicht vorbereiten, gehen mit auf den Nerv. Diejenigen, die mit den anderen mitschwimmen und sagen «wir haben ja noch sechs Proben, das wird sich schon zurechtschütteln».

Welche Musik hören Sie privat?

Es ist nicht so, dass ich nach Hause komme und als erstes das Radio anmache, um beschallt zu werden. Im Restaurant, im Fahrstuhl, in der U-Bahn - überall wird man beschallt. Wenn ich nach Hause komme, will ich die Stille und die Ruhe genießen. Sollte ich wirklich Musik hören wollen, dann ist es in gar keinem Fall klassische Musik oder sogar Oper, in gar keinem Fall. Das ist dann eher Jazz oder Blues oder vielleicht auch mal in Richtung Bossa Nova.

Was außer der Stille können Sie genießen?

Ich bin ein absoluter Genussmensch. Ich gehe wahnsinnig gern in Restaurants und brauche ständig neue Empfehlungen. In meinem Büro gibt es eine Korkwand, da pinnen die ganzen Visitenkarten von den Restaurants. Wenn ich ein oder zweimal enttäuscht wurde, dann verschwinden die auch ganz schnell wieder. Das Leben ist zu kurz, um schlecht zu essen.

Gespräch: Sandra Trauner, dpa

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