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Fröhliches Zocken im ersten Pokerclub auf dem Kiez

Hamburg (dpa) Gute Güte, geht das schnell. Der junge Mann im grauen Anzug hatte gerade erst seine blauen, lila und schwarzen Chips am Rand des nierenförmigen Tisches platziert. Schon darf er wieder losziehen, um Nachschub zu holen.

«Eindeutig zu riskant gespielt», murmelt er noch - und schaut dabei aber wider Erwarten keineswegs schlecht gelaunt aus. Im Gegenteil: Während er seine am Empfang erstandenen schwarzen Kärtchen beim «Card-Dealer» am Tisch wieder in Jetons tauscht, lässt er die Runde fröhlich wissen, dass diese nun definitiv keine Chance mehr gegen ihn habe - was beim Pokern natürlich relativ ist.

Rund 30 Leute, darunter erstaunlich viele Frauen, haben sich an diesem Abend um die mit schwarzem Filz bezogenen Tische in Hamburgs erstem Pokerclub auf dem Kiez versammelt und folgen damit einem seit Monaten ungebrochenen Trend. Denn seit das Spiel seinen Weg von nächtlichen Übertragungen im Sportfernsehen über Stefan Raab in die Primetime von ProSieben geschafft hat, scheint der gute alte Skat am Ende. Im direkten «Google»-Vergleich zumindest müssen sich die Freunde von Grand und Null ouvert bereits mit 9,3 Millionen zu 118 Millionen Einträgen gegen die Fans von Full House und Street geschlagen geben.

«Du kannst es leicht lernen und sofort mitmachen», erklärt Gabi Lauhoff, die zusammen mit Matthias Dyrbye und Malte Schumann den «Aceclub» betreibt, den Erfolg des Spiels. Tatsächlich ist die in dem Club am Hans-Albers-Platz - dem «Epizentrum des wochenendlichen Ausnahmezustands auf St. Pauli» - gespielte Pokervariante «Texas Hold'em» schnell zu verstehen. Kurz gefasst: Jeder Spieler bekommt zwei Karten, danach werden fünf Karten vom «Dealer» offen hingelegt. Gewonnen hat, wer aus seinen und den Karten auf dem Tisch das höchste Blatt in der Runde erzielt. Dazwischen wird gesetzt.

«Spielsüchtige ziehen wir nicht an, weil man bei uns nicht um Geld spielen kann», glaubt Lauhoff. Für Zocker sei der Club uninteressant. Man spiele ausschließlich zum Vergnügen und Zeitvertreib. Es sei von Anfang an klar, wie viel man maximal verlieren kann - nämlich laut Regelwerk den Grundeinsatz plus einmal Jetons nachkaufen, was in etwa dem Wert eines Abendessens entspricht. Aber auch wer gewinnt, erhalte kein Geld. Man darf sich nur Preise - etwa Taschen, Massagegutscheine oder bei richtig vielen Punkten einen Hubschrauberschnupperkurs - aussuchen. Man kann die Jetons aber auch in Getränke umsetzen beziehungsweise sie sich für einen weiteren Besuch «anschreiben» lassen, sagt Lauhoff.

Dass sich Profispieler in dem Club im 2. Stock eines Hinterhauses verirren könnten, glaubt auch der Sprecher der staatlichen Spielbank Hamburg, Hergen Riedel, nicht: Es fehle schlicht der Anreiz. Die «wirklichen Pokerspieler, die die Sache mit Ernst oder mit sehr viel Verve betreiben», besuchten «echte» Casinos - und zwar immer mehr. Er könne zwar keine Zahlen nennen, sagt Riedel. Es sei aber augenfällig, dass es in Folge des Pokerbooms jetzt mehr Tische als früher im Casino gebe «und die auch regelmäßig voll besetzt sind».

Genau das macht Maike Kleber vom Suchthilfezentrum Hamburg West - Lukas jedoch Sorgen. Nach wie vor stünden zwar Daddel-Automaten bei den Spielsüchtigen im Vordergrund, doch immer häufiger müsse sie sich auch mit Pokerspielern befassen. «Ja, die Pokerspieler kommen», sagt sie. Insgesamt gibt es laut Sozialbehörde in Hamburg derzeit bis zu 8000 pathologische Spieler. Der Leiter des Suchthilfezentrums, Frank Craemer, sagt: «Bei uns steht die Spielsucht an dritter Stelle.» Davor rangierten nur noch Alkohol und Cannabis.

Auch wenn in den privaten Pokerclubs nicht um Geld gespielt wird, will Detlev Kress von der Aktiven Suchthilfe diese nicht aus der Verantwortung entlassen. Ihm geht es um das Spiel an sich, welches das Lügen - oder vornehmer ausgedrückt «Bluffen» - fördere und Gewinne nur auf Kosten anderer erlaube. Pokern in solchen Clubs könne der Einstieg in den Kontrollverlust sein, warnt er. «Schwierig ist es vor allem dann, wenn man am Anfang gleich gewinnt.»

Diese Sorge hat der junge Mann im grauen Anzug im «Aceclub» nicht. Sein Chip-Stapel ist schon wieder bedrohlich geschrumpft. Seiner guten Laune tut das jedoch keinen Abbruch. Während um ihn herum fröhlich gescherzt und geplaudert wird, geht er nun aufs Ganze und schiebt nach einem kurzen Blick auf Karten und Gegner sein gesamtes «Restvermögen» in die Mitte des Tisches: «All in», sagt er schlicht.

Pokerclub auf dem Hamburger Kiez: www.aceclub.de

Büro für Suchtprävention: www.suchthh.de

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