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Ganz Witten zitterte mit Ringer Englich

WITTEN Ganz schnell musste es gehen: Als früh morgens klar war, dass der Wittener Olypionike Mirko Englich ins Finale der Ringer kommt, haben einige Wittener ein Public Viewing auf die Beine gestellt. Um möglichst nah mitzuerleben, ob ihr Mirko es schafft. Unser Reporter Benedikt Ophaus war dabei.

von Von Benedikt Ophaus

, 14.08.2008
Ganz Witten zitterte mit Ringer Englich

Die Wittener beim spontan arrangierten Public Viewing applaudieren ihrem Lokalmatadoren trotzdem. Die Ruhrstadt ist stolz auf ihren Ringer.

Drei Herren, weit jenseits der 60, gemeinsam haben sie vier Olympia-Medaillen im Ringen auf dem Konto. Sie sitzen im Wittener Backhaus. Schauen gebannt auf die zwei Flachbildschirme und die überdimensionale Großleinwand – und zittern. Mithat Bayrak, Klaus Rost und Günther Maritschnigg, die drei früheren Helden, warten auf Mirko Englich. Den Wittener Ringer, der am frühen Donnerstagmorgen einen sensationellen Siegeszug startete.

Um 6.45 Uhr steht Englichs Finaleinzug fest. Silber ist sicher, Gold möglich. „Da habe ich gleich zum Telefon gegriffen“, erinnert sich Bodo Lukowski. Am anderen Ende der Leitung: Wolfgang Runte, 2. Vorsitzender des KSV Witten, des so traditionsreichen Ringervereins. „Wir mussten irgendetwas auf die Beine stellen“, sagt Lukowski. Nach wenigen Telefonaten steht der Plan: Das Backhaus bietet die nötige Kapazität, „Public Viewing“ für einen Ringkampf – alles andere als alltäglich.

Fünf Stunden später ist die TV-Arena gut gefüllt. Zwischen belegten Brötchen und Kaffee finden sich 150 Fans ein. Englichs Freunde und Bekannte, Vereinskameraden, die Presse. „Sensationell“, meint Lukowski, 1984 und 1988 selbst Olympia-Teilnehmer. „Ich habe Mirko acht Jahre betreut. Vor drei Monaten hat er mich als Trainer abgelöst. Das ist Gänsehaut pur“, gesteht er.

Günther Maritschnigg und sein türkischer Freund Mithat Bayrak sitzen am Nebentisch. 1960 in Rom trafen sie im Finale aufeinander. Bayrak gewann, wanderte ein Jahr später nach Deutschland aus – und landete in Witten. Jetzt drückt er Englich die Daumen: „Ein guter Junge. Er hat schon Großes erreicht.“ Das Halbfinale habe er nicht gesehen: „Da lag ich im Bett. Dann bekam ich einen Anruf. So schnell habe ich mich noch nie angezogen.“ Maritschnigg lacht, er genießt die Stimmung: „Hoffentlich hilft das dem Ringen auf die Beine. Die Funktionäre haben den Sport kaputt gemacht.“

12.30 Uhr. Erste Bilder aus der Halle. Englichs Eltern, Frau, Schwester und Sohn sind zu sehen. Applaus im Backhaus. Jeder fiebert mit. Rund 20 Zuschauer tragen spezielle Shirts. „Für euch. Für uns. Für den KSV Witten.“ Dazu ein Bild von Englich. Angefertigt in einer Nacht- und Nebel-Aktion. An der Brötchentheke herrscht Ebbe. Englich hat Vorrang. Der Hunger muss warten.

„Das Hemd habe ich schon gewechselt. Ich bin so nervös“, gesteht Lukowski. Die Anspannung ist hoch. Der Kampf beginnt. Keine Frage: Hier sitzen Experten. Jede Aktion wird kommentiert. Das komplizierte Regelwerk ist hier kein Problem. Plötzlich eine Unachtsamkeit, Englichs Gegner Khushtov ist im Vorteil.

Dann die Entscheidung. Gold ist verloren. „Aber Silber ist gewonnen“, sagt Lukowski Sekunden später. Warmer Applaus brandet auf. Witten ist stolz. „Es wird einen riesigen Empfang geben“, verspricht Lukowski. „Die Freude ist trotzdem groß“, sagt auch Klaus Rost, Silbermedaillen-Gewinner 1964 in Tokio. „Hoffentlich wird Witten jetzt wieder eine Ringer-Hochburg wie früher.“ Adam Juretzko, Wittens letzter Olympia-Teilnehmer 2000 in Sydney, ist sicher: „Das hilft. Die jungen Athleten sehen, was möglich ist.“ Rost, Maritschnigg und Bayrak, die drei Ringer-Rentner, sind da schon wieder auf dem Heimweg. Doch wenn Englich heimkehrt, werden sie wieder da sein.