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Gesellen auf der Walz: Alte Tradition lebt fort

Hamburg (dpa) Sie sind auf den ersten Blick zu erkennen: Handwerksgesellen, die in ihrer Kluft von Stadt zu Stadt ziehen, um die Welt und neue Arbeitstechniken kennenzulernen. Der alte Brauch ist noch längst nicht ausgestorben, wie ein Beispiel aus Hamburg zeigt.

Gesellen auf der Walz: Alte Tradition lebt fort

Anlaufstelle für wandernde Gesellen: Wer wie Robert Hofmeister (l.) auf der Walz in Hamburg Station macht, findet im «Feldkeller» seine Zunftbrüder. (Bild: dpa)

Robert Hofmeister sitzt vor der Hamburger Eckkneipe «Feldkeller» und raucht. Es war ein heißer Tag und auch der Abend hat nicht die erhoffte Abkühlung gebracht. Während Passanten in kurzen Hosen und Flip-Flops vorbeischlendern, schwitzt der breitschultrige 26-Jährige mit dem geflochtenen Ziegenbart in seinem dunklen Cord-Anzug. Auf dem Kopf trägt er einen schwarzen Zylinder, unter dem ein langer blonder Zopf hervorschaut. Hofmeister ist Tischler «auf der Walz», wie die Wanderjahre von Gesellen auch bezeichnet werden.

Seine traditionelle «Kluft» sei zwar praktisch, jedoch im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt, erklärte Hofmeister. «Sie soll aber nach Möglichkeit nicht verändert werden, damit wir immer erkennbar sind.» Sein blauer Schlips weist ihn als Mitglied der Rolandsbrüder aus, die eine der «Schächte» genannten Zünfte bilden, in denen sich viele der Wandergesellen organisiert haben. Der «Feldkeller» im Hamburger Stadtteil St. Pauli ist Anlaufstelle für Rolandsbrüder, die in der Hansestadt Station machen.

Seit zwei Jahren ist Hofmeister, der aus Hattingen in Nordrhein Westfalen stammt, jetzt auf der Walz. Der Wandergeselle reist durch die Welt, um zu arbeiten und neue Erfahrungen zu sammeln. Dafür nimmt er in Kauf, lange Zeit von Familie und Freunden getrennt zu sein und oft nicht genau zu wissen, was der nächste Tag bringt. Unter anderem hat er schon in Skandinavien, Großbritannien, Spanien und der Schweiz Station gemacht. Nach seinem Aufenthalt in Hamburg will der Tischler weiter in Richtung Hannover ziehen, dann soll es in den hohen Norden gehen. «Ich habe ein Poster von Island gesehen, da dachte ich: Da will ich hin.»

Auf Wanderschaft zu gehen ist eine Tradition aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die prinzipiell jedem Handwerksgesellen offen steht. Damals waren die Gesellen zur Walz verpflichtet, «weil die in einer Stadt ansässigen Meister ihr Territorium vor unliebsamen Mitbewerbern schützen wollten», sagte Marco Markgraf von der Dachorganisation Confédération Compagnonnages Europäische Gesellenzünfte (CCEG).

Heute gehe es eher darum, «den reisenden Gesellen handwerklich, zwischenmenschlich und charakterlich weiterzubilden», betonte Markgraf. Er schätzt, dass derzeit etwa 500 Gesellen deutschsprachiger Vereinigungen unterwegs sind. Fortbewegen dürfen sie sich mit allen Verkehrsmitteln, die sich ihnen bieten. Übernachtet wird meist in einfachen Unterkünften, beim Arbeitgeber, in Kirchen, Klöstern oder auch mal auf der Straße.

Die Gesellen entscheiden selbst, wohin sie reisen. Die einzige Einschränkung bildet der sogenannte Bannkreis. Das ist ein Kreis, der mit einem Radius von 50 bis 60 Kilometern um den Heimatort eines Gesellen gezogen wird. Während der Wanderschaft, die je nach Vereinigung mindestens zwei- beziehungsweise drei Jahre und einen Tag dauert, darf er dieses Gebiet nicht betreten. «Es sei denn, ein naher Verwandter erkrankt schwer oder verstirbt», erklärte Markgraf.

Robert Hofmeister hat manchmal Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Hattingen. Bevor er auf die Walz ging, war der Tischlergeselle nie länger als zwei Wochen von zu Hause fort. Auf den Kontakt zu Eltern und Freunden verzichtet er aber auch jetzt nicht völlig. «Man ruft an oder lässt sich unterwegs besuchen», sagte er.

Telefonieren ist auf Wanderschaft aber nur eingeschränkt möglich. «In vielen Schächten ist der Besitz eines Mobiltelefons untersagt», erzählte CCEG-Mitarbeiter Markgraf. Das führt dazu, dass Wandergesellen ihre Treffen oft lange im Voraus planen. «In drei Monaten vor dem Rathaus» ist laut Hofmeister eine gängige Art, sich zu verabreden. Glaubt man dem Handwerker, funktioniert das ziemlich gut. Vielleicht sogar besser als mit Handy. Zumindest kann so keiner in letzter Minute absagen.

Dachorganisation der europäischen Gesellenzünfte: www.cceg.info

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