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Glückliche Kindheit im Unrechtsstaat

NRW „Die Prinzen“ hatten als erste Band aus der ehemaligen DDR nach der Wiedervereinigung gesamtdeutsch Erfolg. Über ihr neues Album „Die neuen Männer“ und die deutsche Einheit erzählt Prinzen-Frontmann Sebastian Krumbiegel im Interview.

Glückliche Kindheit im Unrechtsstaat

Sebastian Krumbiegel warnt vor zu viel Schwarz-Weiß-Denken im Zusammenhang mit der Deutschen Einheit.

Herr Krumbiegel, Ihr neues Album ist im September erschienen. Seit „Hardchor“ waren vier Jahre vergangen. Brauchten Sie Zeit für neue Ideen? Krumbiegel: Wir haben in der Zwischenzeit zwei Live-Alben gemacht. Zum Beispiel „Akustisch live“, wo wir durch Opern- und Konzerthäuser getingelt sind und unter anderem als erste Band in der Semper-Oper gespielt haben. Wollten Sie mit dem Album-Titel an Lieder wie Grönemeyers „Männer“ oder Ina Deters „Neue Männer braucht das Land“ anknüpfen? Krumbiegel: Eigentlich gar nicht. Die einzige Idee war der Vormarsch der Frau, den wir natürlich sehr begrüßen. Wir haben eine Bundeskanzlerin, Frauen sind in Führungsrollen angekommen. Das war der Hintergedanke.  Sie kommen aus Leipzig. Ist es für Sie wichtig, dass Frau Merkel Ostdeutsche ist? Krumbiegel: Nein, ich bin weniger der CDU-Wähler oder -Sympathisant. Ich sehe, dass Frau Merkel international einen guten Eindruck macht. Wie sie mit Bush umgeht, das ist wichtig für mich, und nicht, wo sie her kommt. Im Lied „Abgehaun“ sangen Sie 1992: „Wir sind wie Ost und West. Ohne dich geht es nicht, doch auch zusammen ist nicht leicht.“ Gilt das heute noch? Krumbiegel: Ich versuche immer, Unterschiede nicht herbeizureden. Fakt ist, dass sie da sind, weil die Menschen 40 Jahre lang unterschiedlich sozialisiert worden sind. Willy Brandt hat 1990 gesagt, es wächst zusammen, was zusammen gehört. Das war vielleicht übereilt, aber natürlich stimmt es.  Der ein oder andere wünscht sich die DDR zurück…Krumbiegel: Man idealisiert viele Dinge, egal ob man West- oder Ostdeutscher ist. Der Mensch ist so gestrickt, dass er immer gern an die positiven Dinge zurückdenkt und die negativen verdrängt. Dass es in der DDR eine Mauer, einen Todesstreifen, die Stasi gab, dass sie im weitesten Sinne ein Unrechtsstaat war, das unterschreibe ich auf jeden Fall. Was ich nicht mag, ist die Kategorisierung: Hier war alles schwarz, da war alles weiß. Dagegen wehre ich mich, weil ich eine glückliche Kindheit verlebt habe. Sie haben eine ausgezeichnete Gesangs-Ausbildung im Thomanerchor genossen. Als Ihr Berufsleben losging, war die Einheit da. Krumbiegel: Auf einmal haben sich Türen geöffnet, von denen wir nicht zu träumen gewagt hatten. Wir konnten nach Hamburg, wo wir zusammen mit Annette Humpe völlig neue Horizonte erreichen konnten.  Können Sie verstehen, dass die Linke Umfragen zufolge die stärkste Partei in den neuen Bundesländern ist? Krumbiegel: Das ist ein heikles Thema. Als die PDS verteufelt wurde, hab‘ ich immer gesagt: Ihr im Westen könnt nicht die im Osten für blöde verkaufen. Wenn 20 Prozent links wählen, spiegelt das wider, wie die Leute ticken. Ich bin kein Fan der Linkspartei, aber man sollte ihr mit offenen Augen begegnen.  Sie waren mal mit Udo Lindenberg auf Tour. Er hat einige der schönsten Einheitslieder gesungen…Krumbiegel: Mädchen aus Ost-Berlin… Zum Beispiel. Auch Sie haben politische Lieder wie „Bombe“ gesungen. Was bedeutet Ihnen Musik? Krumbiegel: Wir haben von Lindenberg sehr viel gelernt. Was der Mann für mich darstellt, ist, dass Kunst oder Musik definitiv mit Haltung zu tun hat. Es gibt die zwei Pole, einmal Lindenberg, einmal Bohlen, beide sind sehr erfolgreich. Bohlen ist definitiv unpolitisch, der äußert sich nie. Kunst war aber immer politisch und sollte sich immer einmischen. In 100 Jahren wird man noch von Lindenberg reden und nicht mehr von Dieter Bohlen. Wie haben Sie den Mauerfall am 9. November 1989 erlebt? Krumbiegel: Das wichtigere Datum für mich ist der 9. Oktober in Leipzig, wo die große gefährliche Montagsdemo war, wo fast geschossen worden wäre. Am Abend des Mauerfalls war ich im Kabarett. Das DDR-Fernsehen hat das damals aufgezeichnet, und wir haben uns in der Pause unterhalten, wann das gesendet werden soll, ob das in zwei Wochen aktuell ist. Dann kam das Gerücht auf, dass die Mauer offen ist. Damit hatte sich die Frage erledigt. Und wann sind Sie zum ersten Mal in den Westen gefahren? Krumbiegel: Drei Tage später. Einen Tag vorher wollte ich mit dem Trabi rüber, aber vor einer Kaserne in Leipzig ist mir ein Armee-Jeep reingefahren. Das hat der Trabi wohl nicht gut überstanden?Krumbiegel: Nein, das hat der gar nicht gut überstanden. Ich bin dann mit dem Zug gefahren.

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